Review: Extrem laut und unglaublich nah

Viele Kinder haben am elften September 2001 ihre Familie verloren – oder zumindest einen Elternteil. Der Film Extrem laut und unglaublich nah, der auf dem gleichnamigen Roman von Jonathan Safran Foer basiert, erzählt die Geschichte des neunjährigen Oskar, dessen Vater bei dem Terroranschlag auf das World Trade Center ums Leben kommt.

Oskar Schell ist kein gewöhnlicher Neunjähriger. Er ist seinem Alter geistig weit voraus. An der Beisetzung seines Vaters nimmt Oskar nur von einer Parkbank aus teil, da er der Meinung ist, dass die Aktion aufgrund der fehlenden Leiche doch sowieso sinnlos sei. Die Beziehung zwischen Vater und Sohn war wirklich etwas ganz Besonderes. Glücklicherweise erfährt man durch diverse Rückblenden, die wunderbar passend und doch mit unmerklichen Übergängen im Film platziert werden, sehr viel von dieser Beziehung. Thomas Schell, der von Tom Hanks gespielte Vater des Jungen, sorgte zu Lebzeiten immer dafür, dass Oskar sich herausgefordert fühlte. Er hat ihm knifflige Rätsel gestellt, ihm Geschichten erzählt und er hat generell viel mit seinem Sohn unternommen. Oskars Mutter, deren Rolle von Sandra Bullock gespielt wird, wird aber erst im späteren Verlauf des Films wichtig. Jetzt fragen sich natürlich viele, was der Film denn nun eigentlich genau erzählen möchte. Ein Jahr nach der Tragödie durchstöbert Oskar seines Vaters  Kleiderschrank und lässt dabei eine blaue Vase versehentlich zu Bruch gehen. In dieser befand sich ein Umschlag, auf dem in einer Ecke der Name Black steht und einen kleinen Schlüssel beinhaltet. Oskar ist der festen Überzeugung, dass es sich dabei um das letzte große Rätsel handelt, dass ihm sein Vater aufgetragen hat. Oskar macht sich auf die Suche, um herauszufinden, zu welchem Schloss der Schlüssel passt.

Ein Name und ein Schlüssel, aber kein Schloss

Den Namen Black als Hinweis identifiziert, beschließt er, sämtliche in New York lebenden Leute mit diesem Namen zu besuchen und sie zu fragen, ob sie etwas über den Schlüssel oder seinen Vater wissen. Er erhofft sich, ein letztes Mal die Chance zu bekommen, seinem Vater nahe zu sein. Ob ihm das gelingt, verraten wir natürlich nicht. Oskar entfernt sich durch die intensive Beschäftigung immer weiter von seiner Mutter, was ihn aber nicht von der Suche abhält. Dass Oskar durch diese Mission auch auf scheinbar fremde Menschen stößt, mit denen er mehr zu tun hat als er glaubt, ist dann aber auch alles, was man zur Story sagen darf, wenn man keine wichtigen Punkte vorweg nehmen möchte. Das mag sich nicht für jeden nach einer interessanten Handlung anhören, doch ist die Umsetzung unserer Meinung nach wirklich gut gelungen. Die Schauspieler spielen ihre Rollen mit Ausnahme von Thomas Horn (Oskar) hervorragend. Der junge Schauspieler wirkt an manchen Stellen überfordert, was man ihm aber aufgrund seines Alters problemlos verzeihen kann. Sandra Bullock ist hier wohl in ihrer stärksten Rolle seit langem zu sehen. Wenn sie weint (dem  Zusammenbruch ist sie in einer Szene wirklich nah), wirkt sie in keiner Weise übertrieben oder peinlich, sondern echt. Max von Sydow, der Oskar im Verlauf des Films als stummer Untermieter seiner Oma zur Seite steht, spielt eine recht tragische Rolle, über die man als Zuschauer nicht sehr viel erfährt.

Talentierter Nachwuchs

Dafür muss man das Buch gelesen haben, was aber nicht als Kritikpunkt zu werten ist. Wenn man den Film als eigenständiges Produkt ansieht und die Existenz der Vorlage ausblendet, passt auch ohne weitere Informationen zu dieser Person alles zusammen. Außerdem darf man sich sicher sein, dass zum Ende hin alles aufgelöst wird. Neben dem Film liegt der Blu-ray auch Bonusmaterial bei. Da wäre zunächst ein klassisches Making-of zu nennen, welches aber etwas länger hätte ausfallen dürfen. Trotzdem ist es interessant, wie der Film entstanden ist. Außerdem lässt sich im Menü noch ein weiterer Punkt auswählen, bei dem wir ganze zehn Jahre später mehr über ein bestimmtes Opfer der Anschläge vom elften September und seine Familie erfahren und warum gerade er im Film zu sehen ist. Es kommen auch noch Vertreter der Organisation Tuesday’s Children zu Wort, welche sich um Kinder kümmern, die ihre Familien beim Terroranschlag verloren haben. Sie gehörten zu den ersten, die den fertigen Film gesehen haben und berichten über ihre Eindrücke. Der letzte nennenswerte Bonus ist Finding Oskar. Hier erzählt Thomas Horn, wie er zu der Rolle kam und berichtet von seinen Eindrücken, die er beim ersten Dreh gesammelt hat und wie er mit den anderen Schauspielern zurecht kam. Insgesamt handelt es sich hierbei also um unterhaltsames Bonus-Material, das man sich, genau wie den Film selbst, unbedingt einmal anschauen sollte.

Geschrieben von Patrick Overkamp

Patricks Fazit (basierend auf der Blu-ray-Fassung): Das Buch Extremely Loud and Incredibly Close, auf dem der Film basiert, gehört sicherlich zu den besten Werken, die ich in letzter Zeit gelesen habe und so wollte ich mir natürlich unbedingt auch den Film anschauen, um zu sehen, was daraus gemacht wurde. Wissend, dass man aufgrund der Länge der Vorlage bestimmt auf einige Details im Film verzichten muss, wurde ich nicht enttäuscht. Zwar fehlt der parallele Handlungsstrang, der im Buch in Form von Briefen aus der Vergangenheit erzählt wird, im Film komplett, doch das schmälert nicht die Qualität des Endprodukts. Neben kleinen und ebenso verzeihbaren Ausnahmen des Hauptdarstellers ist die schauspielerische Leistung wirklich hervorragend und die Geschichte hat mich persönlich emotional auch sehr mitgenommen. Ich würde lügen, würde ich behaupten, gegen Ende des Films nicht das ein oder andere Tränchen verdrückt zu haben. Einzig und allein, was die Synchronisation der Rolle des Oskar angeht, habe ich etwas zu bemängeln. Gerade in den Szenen, in denen Oskar etwas lauter wird, wirkt seine deutsche Stimme fast schon nervig, doch ansonsten ist die Synchronisation gut gelungen. Wer mit dem Gedanken spielt, sich den Film anzusehen, sollte aufgrund der ausführlicheren Erzählung ernsthaft in Betracht ziehen, vorher das Buch zu lesen.

Vielen Dank an Warner Home Video für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Extrem laut und unglaublich nah!

2 Gedanken zu “Review: Extrem laut und unglaublich nah

  1. Auch mir hat der Film sehr gut gefallen, ohne, dass ich das Buch kannte. Und ja, auch ich fand den Schauspieler des Oscar hier und da ein bisschen nervig, dachte aber, dass es einfach an seiner Art liegt, die ich wiederum als gewollt verbucht habe. Aber vielleicht hast du Recht und es lag wirklich an der Stimme… Werde ihn mir wohl einfach nochmal im Original anschauen. Hier meine Kritik: http://www.leselink.de/filme/drama-filme/extrem-laut-unglaublich-nah.html

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