Vor elf Jahren erschien in Deutschland mit Deus Ex ein Spiel, welches durch zahlreiche unterschiedliche Lösungsmöglichkeiten und einer zeitgemäßen Grafik, die Spieler förmlich in den Bann zog. Der Titel wurde von den großen Publikationen mit Preisen überschüttet und war seiner Zeit weit voraus. 2004 erschien mit Deus Ex: Invisible War der direkte Nachfolger, mit dem der damalige Entwickler Ion Storm Austin einen weiteren Erfolg verbuchen wollte.
An den Erfolg des ersten Teils konnten die Entwickler jedoch nicht anknüpfen, die Auflösung des Entwicklerstudios war ein Jahr später die Konsequenz. Nach siebenjähriger Abstinenz, möchte das neue Entwicklerteam rundum Eidos Montreal mit Deus Ex: Human Revolution die Fans des Vor-Vorgängers frei nach dem Motto „Spiel wie es dir gefällt“ ruhig stellen. Adam Jensen, Sicherheitschef des Konzerns Sarif Industries und Hauptdarsteller des Spiels, hat sicherlich schon bessere Arbeitstage erlebt. Nach einem unerwarteten Anschlag auf die Hauptzentrale des Konzerns, wird Adam schwer verletzt und seine Freundin Megan von unbekannten Terroristen entführt. Sechs Monate später ist unser Protagonist eine Mischung aus Mensch und Maschine – seine schweren Verletzungen wurden von seinem Arbeitgeber, David Sarif, durch so genannte Augmentierungen behoben. Die technischen Errungenschaften bringen ihm viele verschiedene Vorteile: Er kann für kurze Zeit unsichtbar werden, höher springen und aus seinen Armen Klingen wachsen lassen. Doch für diese Verbesserungen möchte David Sarif entschädigt werden. So werden wir mehr oder weniger dazu gezwungen, die Drecksarbeit zu übernehmen und müssen uns ab sofort um die Skeptiker dieser Technik kümmern und herausfinden, wer oder was für den Anschlag verantwortlich ist und ob unsere Freundin Megan noch unter den Lebenden weilt.
Entscheidungsfreiheit
Human Revolution setzt auf viele Konversationen und eine offene Spielwelt. Neben den Hauptmissionen, die im Grunde recht linear verlaufen, gibt es unzählige Nebenmissionen, die sich in der offenen Spielwelt abspielen. So haben einige Charaktere spezielle Aufgaben oder Bitten, welche wir für sie erledigen können. Einige Charaktere mit Nebenmissionen kommen im Verlauf des Spiels auf euch zu, andere hingegen müssen gesucht und angesprochen werden. Während diesen Unterhaltungen haben wir die Möglichkeit, auf verschiedene Weise zu agieren. Wir können entweder aggressiv oder auch diplomatisch mit unserem Gegenüber reden und damit Spielentscheidungen beeinflussen – dies ist zwar keine Neuheit in diesem Genre, jedoch haben sie selten solche Auswirkungen wie in der Deus-Ex-Reihe. Gerade bei wichtigen Personen wie zum Beispiel David Sarif, werden die Konversationsmöglichkeiten oft hervorgehoben. So können wir auf verschiedene Befehle oder Handlungen dieser Person reagieren – sei es mit Zorn, Spott oder Verzweiflung – eine Antwort die unsere persönlichen Emotionen widerspiegelt, wird definitiv mit dabei sein.
Angepasste Spielweise
Der neue Skill-Baum sorgt dafür, dass wir Adam ganz auf unsere Spielweise anpassen können. Dies geschieht durch das Zuteilen sogenannter Praxispunkte. Führen wir unsere Missionen lieber verdeckt durch und wollen unerkannt bleiben, investieren wir die erwähnten Punkte in Hacker-Fähigkeiten, Tarnfunktionen und in die Eigenschaft, gegnerische Einheiten durch Wände sehen zu können. Des Weiteren suchen wir alternative Wege, wie zum Beispiel durch Kanalisationen oder Lüftungsschächte, um den Feind umgehen zu können. Sollten wir mit diesen Fähigkeiten jedoch mal in Feuergefechte verwickelt werden, wird es eine harte Nuss, diese zu bestehen. Allgemein ist das Spiel nichts für Draufgänger, da unsere Lebensanzeige unter Feindbeschuss rapide fällt. Nach gefühlten drei Treffern geht Adam zu Boden und wir müssen den letzten Speicherpunkt laden. Ihr solltet euch im Voraus auch gut überlegen, wie ihr Human Revolution spielen wollt. Im Spielverlauf schafft man es nämlich nicht, jede Fähigkeit aufs Maximum auszubauen. Daher sollte man sich früh Gedanken darüber machen, welche Augmentierungsmöglichkeiten die besten für eure ganz persönliche Spielweise sind und wie man diese am besten nutzen kann. Will man seine Erfolge mit Waffengewalt erkämpfen, ist es natürlich Unsinn, seine Punkte in Hacken und Nahkampf zu investieren. Umgekehrt ist es genauso der Fall – setzen wir auf Schleichen und unbemerktes Ausschalten der Feinde, hat es keinen Sinn, die Waffenstabilität zu verbessern. Das Skill-System ist sehr komplex und bietet genug Möglichkeiten, das Spiel auf unterschiedliche Art und Weise zu spielen.
Unnötige Bossgegner
Human Revolution hätte, wie es die Zwischenüberschrift bereits vermuten lässt, getrost auf die Bossgegner verzichten können. Stellen wir uns geschickt an, könnten wir das Spiel sogar ohne einen einzigen Schuss abzugeben bis zum Ende durchspielen, doch das vorprogrammierte Erscheinen der Bossgegner macht dies leider zu einem Ding der Unmöglichkeit – und dass obwohl der Reiz, das Spiel durchzuspielen ohne einen einzigen Gegner zu töten, viel größer ist als das Bekämpfen der wirklich laschen Bosse. Durch Minen, wildes Draufhalten und ständige Bewegung ist jeder der erwähnten Zwischengegner ein Leichtes, denn wirklich helle sind die Gesellen nicht. So laufen sie beispielsweise unbedacht durch besagte Minen – bleiben wir in Bewegung und verschießen unsere komplette Munition auf sie, während wir sie mit EMP-Granaten kurzzeitig unbeweglich machen können, ist ein Großteil dieser Auseinandersetzungen ein wahres Kinderspiel – und das auf jedem Schwierigkeitsgrad! Zudem wirken sie allgemein fehl am Platz, da sie über keine ausgeprägten Charaktereigenschaften verfügen und nicht in das sonst gute Spielgeschehen und interessante Handlung passen.
Seltsames und unausgereiftes Gegnerverhalten
Neben den laschen Endgegnern fällt auch die künstliche Intelligenz auf und stört damit die sonst so schöne Atmosphäre. Auffällig ist dabei zum Beispiel das Hacken von Computern. In einer vollbeschäftigten Polizeistation können wir mit Leichtigkeit einen Computer hacken, ohne dass irgendjemand reagiert, obwohl neben uns mehrere Polizisten stehen, aber keiner nahm uns so wirklich ernst. Ein weiteres Beispiel: Wir sind in einer engen Gasse, überall sind Feinde und so dämlich wir uns im Test auch anstellen und genau in die gegnerischen Truppen rein laufen – das Ergebnis ist nicht gerade zufriedenstellend. Wir werden von einem Gegner entdeckt, der logischerweise sofort den Alarm auslöst. Wir rennen um die nächste Ecke, um uns in Sicherheit zu bringen und warten ab, wie der Feind reagiert. Die Gegner haben sich inzwischen formiert und laufen in Richtung jener Ecke, bis sich einer der Feinde fragt, wo wir wohl geblieben sein könnten. Anschließend drehen sie sich einfach um und gehen zurück – dieses Verhalten ist auch keine Ausnahme, denn ständig können wir uns so vor komplizierten Gefechten retten, um nicht sinnlos zu sterben und den letzten Spielstand zwangsweise neu laden zu müssen.
Farbenarme, aber stilische Dystopie
Die Atmosphäre kommt in Deus Ex: Human Revolution ständig zur Geltung. Die Städte sind zugebaut mit Wolkenkratzern, überall sieht man die moderne Technik der fiktiven Zukunft und es sieht alles sehr futuristisch aus – so wie wir uns das Jahr 2027 wirklich gut vorstellen können. Die Musik ist sehr melancholisch und wird sehr dezent und stimmungsvoll über die Lautsprecher ausgegeben. Uns stören jedoch wirklich viele technische Feinheiten des Titels. Die Grafik ist nicht auf der Höhe der Zeit und wirkt deswegen recht altbacken – da haben wir vor vielen Jahren bereits schönere Spiele gesehen. Der Waffensound ist zweckmäßig, hinkt aber in Vergleich mit anderen Titeln. Auch die Synchronisation der einzelnen Charaktere gehört nicht zum Besten, was wir im Genre erleben. Die Stimmen wirken in der deutschen Fassung nicht immer überzeugend und stellenweise auch emotionslos. Die in der deutschen Version nicht synchron angepassten Lippenbewegungen tun ihr übriges, damit Gespräche an Glaubwürdigkeit verlieren. Die eigentliche Handlung von Deus Ex: Human Revolution macht dafür Sinn und wirkt in sich geschlossen durchdacht, auch wenn diese zur Mitte der Storyline kurzzeitig nachlässt, zum Finale hin aber wieder an Fahrt gewinnt. In diesem Falle können wir auch über das kurze Story-Tief und die kleineren Fehler des Spiels hinweg sehen, denn das Ende hinterlässt einen intensiven Nachgeschmack und macht uns deutlich, wie sich unsere Entscheidungen auf die Zukunft der fiktiven Spielwelt auswirken (können).
Geschrieben von Axel Gutsmiedl
Axels Fazit (basierend auf der PC-Fassung): Im Großen und Ganzen bin ich mit Deus Ex: Human Revolution zufrieden. Die Atmosphäre der dystopischen Zukunftswelt gefällt mir und der Skill-Baum gibt mir die Möglichkeit, den Charakter meiner persönlichen Spielweise anzupassen. Zudem wird die Story sehr schlüssig erzählt und ist bis auf wenige Ausnahmen jederzeit interessant und motivierend. Das Herumschleichen und Ausschalten der Gegner im Nahkampf gefällt mir ziemlich gut, da es meine liebste Spielweise ist und ich diese in Human Revolution grandios umsetzen darf. Nur an wenigen Stellen hat mir das Spiel den Spaß geklaut, was auf die künstliche Intelligenz zurück zuführen ist und mir einige hirnlose Gegner vor die Nase beschert hat. Außerdem hätten die Bossgegner intelligenter und vor allem schwieriger ausfallen können. Bei eingeschalteter deutscher Sprachausgabe stören mich besonders die nicht lippensynchronen Mundanimationen der Charaktere. Dies führte dazu, dass ich kaum Bezug zu anderen Charakteren aufbauen konnte und es mir egal war, ob ein Nebencharakter im Verlauf des Spiels mitunter sterben wird, oder eben nicht. Human Revolution macht grob gesagt nichts falsch, aber auch nicht alles richtig. Viele Elemente kennt man mittlerweile aus anderen Spielen und viele Fehler hätte man mit ein bisschen mehr Mühe beseitigen können. Aber das Gesamtkonzept stimmt und Fans der Reihe können ohne große Bedenken zuschlagen. Da ich ebenfalls Fan der Reihe bin, hat mir der Titel trotz der Mängel gefallen und da kann ich auch über jeden noch so kleinen Fehler hinweg sehen.
Vielen Dank an Square Enix für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Deus Ex: Human Revolution!

