Emotionen sind ein wichtiger Bestandteil der menschlichen Existenz. Kaum jemand kann sich sein Leben wohl ohne diese vorstellen und so hat Kurt Wimmer das Experiment gewagt und mit Equilibrium: Killer of Emotions eine Welt geschaffen, in der Gefühle unterdrückt werden.
Der Film ist in einer alternativen Zeitlinie zu Beginn des 21. Jahrhunderts angesiedelt, in der ein möglicher Dritter Weltkrieg bereits fast die gesamte Menschheit vernichtet hat. Die letzten Menschen leben zurückgezogen in einer Enklave und ordnen sich einem totalitären System unter. Den Bürgern ist es nicht erlaubt, Gefühle zu entwickeln, da Emotionen zur Ursache für den Krieg erklärt werden. Jeder Bürger muss sich deshalb täglich eine Dosis Librium spritzen, um seitens der Regierung gefühllos einen Vierten Weltkrieg zu verhindern. Um das System aufrechtzuerhalten, wird die Organisation der Kleriker hinzugezogen. Diese verfolgen jeden, der gegen die Gesetze verstößt und bestrafen sie im schlimmsten Falle mit dem Tod. In dieser Organisation befindet sich auch der Kleriker John Preston, der strikt die Direktive verfolgt. Es kommt dazu, dass seine Frau als Sinnessünderin verhaftet wird und er nichts dagegen tut und seinen Kollegen gar erschießt, weil dieser verbotene Kunst konsumiert. In seinem Glaubenswahn vergisst Preston eines Tages allerdings, seine eigene Dosis Librium zu nehmen. So erweitert er nach und nach sein Bewusstsein, erlebt Gefühle und versucht mit den Emotionen zu leben. Schlussendlich nimmt er Kontakt zur Widerstandsbewegung auf, um das totalitäre System zu stürzen und dessen Vater für Freiheit und den freien Willen zu ermorden.
Reale Parallelen
Blicken wir auf unsere Vergangenheit zurück, entdecken wir vor allem in den letzten hundert Jahren einige Parallelen zu Equilibrium: Killer of Emotions. Sowohl in der Sowjetunion, als auch im nationalsozialistischen Deutschland oder im faschistischen Italien wurden Systeme errichtet, denen sich jeder Staatsbürger unterzuordnen hatte. Derlei Systeme möchte der Film stark kritisieren, denn nicht nur Freiheit, sondern auch der freie Willen ist für den Menschen unabdingbar. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Entindividualisierung, welche eigentlich ein Merkmal für einen Film aus der Epoche der Neuen Sachlichkeit ist. Jeder Mensch wird ohne seine Emotionen (mit Ausnahme der Kleriker und dem Vater) als das gleiche Individuum angesehen. Weiter ist von Bedeutung, dass auch in der architektonischen Ausarbeitung keine expressionistischen Merkmale zu erkennen und Wohnungen sehr schlicht dargestellt werden. Erst in der vorletzten Szene wird tatsächlich deutlich, welchen wichtigen Bestandteil Kunst in unserer Kultur einnimmt. Hier kommt Kurt Wimmer seinem ethischen Bildungsauftrag nach, denn es sei doch wichtiger, Schlüsse aus der Kunst zu ziehen, als sie aufgrund ideologischer Ziele zu vernichten. Die letzte wichtige Parallele, der Widerstand, schließt den Kreis und steht für die Opposition der unmenschlichen Systeme und für die Individualisierung.
Gerechtfertigte Intention
Der Film kritisiert offensichtlich totalitäre Systeme, die auf unserem Planeten allerdings eher weniger werden. Wir spekulieren sogar, dass diese durch die Globalisierung auf lange Sicht gesehen vermutlich irgendwann sogar ganz verschwinden könnten. Sicherlich gibt es auch in der heutigen Zeit noch Ausnahmen, da sich einige Länder von der Welt abschotten und keine Gedanken an ein friedliches Zusammenleben verschwenden. Die Intention des Films ist somit absolut gerechtfertigt. Christian Bale spielt seine Rolle als Kleriker Preston die gesamten 107 Minuten lang hervorragend, doch Taye Diggs verrät sich durch eine stark angedeutete Mimik schon relativ früh in der Handlung, weshalb das Ende für den einen oder anderen Zuschauer vielleicht etwas vorhersehbar ist. Sean Bean ist leider, wie so oft auch, nur sehr kurz zu sehen – für die Story ist er aber umso wichtiger. William Fichtner ist in nur wenigen Szenen mehr zu sehen, obwohl seine Rolle als Widerstandsanführer tragend für die Handlung ist. Die Dialoge sind es aber im Endeffekt, welche die Charaktere zusammenbringen und mit einer bestimmten Kälte den Zuschauer treffen. Die ästhetischen Mittel, die durch Kulissen, Kostüme und durch die gut choreographierten Kämpfe in Erscheinung treten, machen den Film, der endlich auch auf Blu-ray erhältlich ist, zu einem der letzten großen Hollywood-Meisterwerke.
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit (basierend auf der Blu-ray-Fassung): Ich verstehe nicht, wie dieser Film in den letzten zehn Jahren unter meinem Radar hindurchgeflogen ist. Zwar bin ich jemand, der das US-amerikanische Kino immer mehr durch Einfallslosigkeit kritisiert, doch Equilibrium: Killer of Emotions ist tatsächlich eines der letzten großen Hollywood-Meisterwerke. Es steht nicht nur für gut choreographierte Action, die durch die so genannte Kampfkunst Gun-Kata zum Ausdruck gebracht wird, sondern auch für eine inhaltlich interessante Thematik, die mit einem ethischen Bildungsauftrag und Kritik an unmenschlichen Systemen erklärt wird. Kurt Wimmers Equilibrium: Killer of Emotions erzeugt mit einem düsteren Soundtrack, der mich in der einen oder anderen Szene auch schon an religiöse Kirchenmusik erinnert und einer sehr ansprechenden Gestaltung trotz der Kälte eine gewisse Verbundenheit, da viele von uns durch die Vergangenheit des eigenen Landes womöglich mit totalitären Systemen schon einmal in irgendeiner Weise in Kontakt gekommen sind. Auch wenn die künstlerische Epoche der Neuen Sachlichkeit heute schon neunzig Jahre zurückliegt, sind ihre Merkmale dennoch vorhanden und ebenfalls die Abgrenzung vom Expressionismus sind in wenigen Szenen sehr gut zu sehen. Equilibrium: Killer of Emotions ist ethisch, ästhetisch, künstlerisch und inhaltlich ein Film, den man unbedingt einmal in seinem Leben gesehen haben muss.
Vielen Dank an Constantin Film für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Equilibrium: Killer of Emotions!