Review: Borderlands 2

Auf der Gamescom konnten wir Borderlands 2 bereits anspielen und waren vom Gezeigten begeistert. Lange genug hat es gedauert, bis wir abermals nach Pandora zurückkehren durften. Trotz des positiven Erlebnisses ist immer noch Luft nach oben.

Seit einigen Jahren werden Film- und Videospielbranche überschwemmt von Sequels und Remakes. Jeder Toptitel verschlingt dabei mittlerweile Millionenbudgets, sodass sich kein Entwicklerstudio mehr einen finanziellen Flop leisten darf, um nicht geschlossen zu werden. Fortsetzungen sind im Grunde die einzigen sicheren Investitionen. Traut sich ein Studio dann doch einen Schritt in eine andere Richtung zu gehen und gelingt dieses Wagnis, muss auch von diesem Spiel schnellstmöglich eine Weiterführung in den Läden stehen. So haben schon viele Franchises dieser Generation nach kürzester Zeit eine Fortsetzung bekommen. Sei es Uncharted, Mass Effect oder Assassin’s Creed. Nach drei Jahren ist der Hit Borderlands aus dem Hause Gearbox Software an der Reihe. Wieder heißt es auf nach Pandora und wieder muss unser Held irgendwie diesen trostlosen Planeten retten. Dabei wollen wir erst einmal Rache nehmen, denn fünf Jahre nach den Geschehnissen des ersten Borderlands-Teils steht der Planet unter der Führung des Tyrannen Handsome Jack, der unseren freiberuflichen Schatzsucher nicht nur reingelegt, sondern beinahe auch ermordet hätte. Soviel zur eigentlich total irrelevanten Story, denn als Schatzsucher geht es uns ja nicht nur darum, die Welt zu retten. Es soll schließlich auch etwas für uns dabei herausspringen.

Abschweifen erlaubt

Borderlands 2 lebt davon, dass wir die Handlung nicht verfolgen. Waren im ersten Teil die schnöden Wüstengebiete noch leer und trostlos, begegnen uns nun an allen Ecken und Enden irgendwelche verrückte Charaktere. Schon ganz zu Beginn nimmt sich der Entwickler sehr gut selbst auf die Schippe, als ein Nebencharakter uns erklärt, dass die alten Infobretter kaputt sind und man stattdessen jetzt mit Menschen reden muss, um Aufträge zu bekommen – eine gute Entscheidung! Zudem ist auch die Welt bedeutend abwechslungsreicher geworden. Wo im Vorgänger nur Wüste war, gibt es nun alles – von der Eislandschaft bis zur Innenstadt. Wird uns dann letztlich aber doch noch langweilig, hören wir einfach unserem absurden Kumpanen Claptrap zu. Auch wenn er bisweilen etwas nervtötend ist, rückt der Roboter in diesem Spiel zurecht viel mehr in den Vordergrund und sorgt für zahlreiche Lacher. Aber zurück zu unserem Job als Schatzsucher. Neben den zahlreichen Nebenmissionen hält uns auch eine schier unendliche Zahl an Waffen bei Laune. An jeder noch so absurden Örtlichkeit finden wir Unmengen an Waffen – selbst auf dem Stillen Örtchen! Nein, Genitalien sind damit beim besten Willen nicht gemeint. Motivierende Charaktermenüs mit Talentbäumen scheinen zu guter Letzt das Bild eines gelungenen Action-Rollenspiels abzurunden.

Der Ego-Shooter im Rollenspiel-Pelz

Auch wenn Borderlands 2 zahlreiche Features aus anderen Genres liefert, ist es letztlich doch ein Ego-Shooter. Aus der Ego-Perspektive müssen wir nämlich in den meisten Missionen irgendwann zur Waffe greifen – wirklich ausführliche Rätsel eines Action-Adventures sind ebenso nicht auffindbar, wie die komplexe Story eines Rollenspiels. Was uns hier geboten wird, darf nicht als schießwütiges, stumpfes Rollenspiel verstanden werden, sondern stellt vielmehr einen der abwechslungsreichsten und humorvollsten Shooter dieser Generation dar. Wo uns viele Genrevertreter mit durchgerenderten und detaillierten Schlauchlevels durch die minutiös geplante Action treiben, lässt uns Borderlands 2 die Freiheit eines Open-World-Spiels, ohne dass die Motivation oder die Spannung verloren geht. Es ist jedoch zu empfehlen, dass wir die Nebenmissionen nicht zu spät in Angriff nehmen – kehren wir nach einigen Story-Missionen zu einer frühen Aufgabe eines Nebencharakters zurück, werden wir doch arg unterfordert. Auch wenn Gearbox Software schon an vielen alten Makeln sorgfältig gefeilt hat, bieten einige Features weiterhin Verbesserungspotenzial. So würden wir uns bei der immensen Waffenflut zum Beispiel über ein aufgeräumtes Menü freuen, dass uns das Aussortieren nicht so erschwert.

Alternativlos für kooperationsbereite Spieler

Besser sind dem Entwicklerstudio die Gegner gelungen. Immer häufiger werden wir in taktischen Formationen von sich klug duckenden Gegner attackiert. Insbesondere wenn wir in der Paradedisziplin der Borderlands-Serie unterwegs sind – dem Kooperationsmodus. Reisen wir mit bis zu vier Spielern durch Pandora, erhöht sich der Spielspaß nochmals um ein Vielfaches. Schon der Vorgänger wurde durch das sowohl offline als auch online verfügbare Zusammenspiel ungemein aufgewertet und auch jetzt macht die gemeinsame Schatzsuche einfach viel mehr Spaß. Zwar bekommt man so weniger von den unglaublich lustigen Charakteren und Geschichten mit, dafür motiviert einen das Spiel auf eine andere Weise. Es ist überhaupt eine Seltenheit, dass man heute noch ein Spiel vollständig mit mehreren Spielern durchspielen kann. Zwar bekommen alle Toptitel von Uncharted bis Assassin’s Creed einen halbgaren Multiplayer-Modus übergestülpt, wirklich zünden kann das Zusammenspiel aber nur in dieser Serie. Dafür sorgen in Borderlands 2 zum Teil auch die Gegner, die uns dazu zwingen in ebenso klugen Formationen anzutreten und vielleicht auch für einige Zeit mal das Dauerfeuer einzustellen. Dabei wird das Spiel aber nie wirklich taktisch überladen – wer wie Rambo durch die Level pflügen will, kann auch diesem Wunsch ohne Probleme nachgehen.

Stilistisch wertvoll

Letztlich kann Borderlands 2 mit wilder Action und taktischen Möglichkeiten die Mehrspieler einfangen, während die absurden Charaktere und die für einen Shooter hohe Spielzeit von mindestens fünfundzwanzig Stunden die Einzelspieler reizen. Abgerundet wird das Ganze von einem größtenteils gelungenen Technikgerüst. Basierend auf der Unreal Enigne 3 bietet uns Gearbox Softwares neuestes Werk eine viel farbenfrohere und lebendigere Welt, als noch im Vorgänger. Da wird auch nicht an Effekten gespart. Leider werden manche Texturen erst mit leichter Verzögerung (in der Xbox-360-Fassung) geladen, was die wunderbare Cel-Shading-Welt nur ein klein wenig trübt. Herausragend ist hingegen die Vertonung gelungen. Häufig geht gerade bei Spielen mit viel Wortwitz der eigentliche Reiz durch die Übersetzung ins Deutsche verloren. Für Borderlands 2 haben die Entwickler aber anscheinend in die richtigen Übersetzer investiert, die auch der deutschen Fassung viel Humor und eine Menge Charme verpasst haben. Das gefällt uns! Auch der Soundtrack wurde wieder einmal hervorragend eingebunden. Schon die Explosionen in Zeitlupe aus dem Intro unterlegt mit dem entspannten Short Change Hero von The Heavy machte uns klar, wo die Reise hingeht. Nach dem Abspann lässt sich dann mit Fug und Recht behaupten, dass sich die Reise wirklich gelohnt hat.

Geschrieben von Björn Rohwer

Björns Fazit (basierend auf der Xbox-360-Fassung): Insgesamt können wir dem Gearbox-Software-Team wirklich anerkennend auf die Schulter klopfen. Man hat sich die Kritiken des ersten Teils wirklich zu Herzen genommen und einen Großteil der Probleme ausgemerzt. So ist das Spiel durch eine viel lebendigere Welt und eine Prise zusätzlichem Humor endlich auch für Einzelspieler attraktiv. Gleichzeitig wird aber weiterhin die Zielgruppe des ersten Teils versorgt und gefesselt. Während Solisten auch noch andere Optionen auf dem Markt haben, ist das Spiel für kooperationsbereite Freunde quasi alternativlos. Obgleich der Titel jetzt schon zu den besten Actionspielen des Jahres gehört, bietet er aber immer noch an einigen Stellen Luft nach oben. An den Menüs dürfen die Entwickler gerne weiter feilen und auch die (Haupt-)Story kann gerne noch etwas schneller in Fahrt kommen. Hoffen wir, dass Gearbox Software ihren Weg fortsetzt und mit Borderlands 3 die letzten Fehler ausmerzt und der Trilogie die Krone aufsetzt.

Vielen Dank an 2K Games für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsexemplars von Borderlands 2!

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