Review: Gaming – Eine Pixel-Zeitreise

In Gaming – Eine Pixel-Zeitreise nehmen uns Zeichnerin Émile Rouge und Texter Jean Zeid mit auf eine Comicreise durch die Videospielgeschichte. Eingebettet ist ihre Erkundungstour durch fast achtzig Jahre Videospielhistorie in einen unterhaltsamen Reisebericht. In diesem Rahmen unternehmen die Comic-Alter-Egos der Autoren in Begleitung der künstlichen Intelligenz Roby, und bewaffnet mit einem exotischen Impulsgewehr, eine Zeitreise, um den Ursprüngen und vielfältigen wie verflochtenen Entwicklungen ihres liebsten Hobbys nachzuspüren. An gegebener Stelle müssen sie leibhaftig einige thematisch passende Gaming-Abenteuer überstehen. In zwölf Kapiteln plus Prolog und Epilog zeichnen sie diverse Stationen nach, die die Genese des Videospiels über die Jahrzehnte durchlaufen hat. Sie gehen auf technische Ursprünge, die Keime der ersten Computer- und Konsolensysteme ein, benennen Pioniere und Pionierinnen und zeigen auf, wie eng bereits diese ersten Schritte mit dem Phänomen Videospiel verknüpft waren. Sie berichten vom Zauber der Arcade-Spielautomaten, dem aufkommenden Konsolenmarkt und dem ersten Crash in den 1980er-Jahren. Sie erzählen von der Renaissance der Videospiele befeuert durch Nintendo und den Gaming-Galionsfiguren wie Super Mario oder Sonic the Hedgehog. Sie zeigen Trends auf, die sich durch technische Innovationen wie dem Aufkommen der Compact Disc oder dem Smartphone herausgebildet haben und erklären neue Genres, die der Fortschritt von Technik und Markt hervorgebracht haben.

Eine große Bandbreite, eine große Vielfalt

Über die Expansion der Triple-A-Titel, Online-Rollenspiele wie World of Warcraft, die E-Sports-Szene bis hin zu unabhängigen Entwicklerstudios gelangen sie in die Gegenwart. Gemessen am Umfang und der schier unmöglich zu erfassenden Bandbreite von Arcade-, Konsolen-, PC-, Handheld- und Mobile-Games wundert es nicht, dass die meisten Bereiche bloß angeschnitten werden. Die Namen von kreativen Köpfen, Genies und Entwicklern und Entwicklerinnen der Videospielgeschichte sind stellenweise kaum mehr als Namedroppings mit einem Minimum an Informationen über ihre mal mehr und mal weniger ausschlaggebenden Beiträge zum Reifeprozess. Dafür punktet der Comic mit Vielfalt: Neben den Shootingstars der Szene wie Doom- und Wolfenstein-Co-Entwickler Alfonso John Romero, Super-Mario-Bros.- und The-Legend-of-Zelda-Erfinder Miyamoto Shigeru und Kojima Hideo, dem kreativen Geist hinter Metal Gear Solid und Death Stranding, finden auch weniger renommierte oder gar in Vergessenheit geratene Personen Platz, wie etwa Gerald Anderson „Jerry“ Lawson, einer der wenigen herausragenden People of Color der Videospielwelt. Positiv ist zu vermerken, dass die Rolle der weiblichen Entwickler und sogar von den wenigen LGBTQ-Personen hervorgehoben wird, sodass der Leser mit Vorreiterinnen wie Roberta Williams oder Rebecca Ann Heineman Bekanntschaft macht. Auch weibliche Gaming-Ikonen wie Tomb Raider erfahren eine angemessene Würdigung.

So viele Spiele, so wenig Platz

Das Motto „Überfülle“ gilt genauso für die vorgestellten Spiele. Ob Half-Life, Assassin’s Creed, Die Sims oder etwaige Beat ’em ups und Platformer – im Comic wird eine immense Zahl genannt, was zeigt, dass viele Details und Eigenheiten unerwähnt bleiben. Nicht jeder wird damit zufrieden sein, wie kurz sein Lieblingsspiel behandelt wird. Manchmal verpasst es der Comic, das Alleinstellungsmerkmal eines Titels deutlich zu machen und andere Games fehlen womöglich ganz. Dafür verweisen Zeid und Rouge auf die weniger bequemen Themen, die Schattenseiten und Skandale der Videospielwelt, etwa Vorwürfe wegen Gewaltdarstellung oder Suchtgefahr von Spielen, aber auch auf schwerwiegende brancheninterne Probleme wie Cybermobbing, Sexismus und Crunch, die Mehrarbeit und unbezahlten Überstunden, zu denen Mitarbeiter in diversen Studios genötigt sind. Bei allem dichten Informationsgehalt ist Rouge und Zeid ihre Leidenschaft für die Materie anzumerken. Sie sind unverkennbar enthusiastische Gamer. Zu Zeids „Lieblingsmenschen“ zählen Dr. Gordon Freeman und Ezio Auditore da Firenze. Rouge ist neben World of Warcraft großer Fan der Fallout-Spiele. Nicht zuletzt deswegen haben sie sichtlich Spaß daran, sich in Comicgestalt in die Historie ihres Hobbys zu stürzen. Durch ihren in der Tat spielerischen Umgang mit der Materie entsteht nie der Eindruck, die Rahmenhandlung sei bloß ein auflockerndes Gimmick. Im Gegenteil geben sie der Geschichte so viel von sich und ihrer Begeisterung bei, dass der Leser meinen könnte, tatsächlich der Reise von zwei Enthusiasten als lesender Passagier beizuwohnen.

Liebe zum Gaming

Zeid gibt überwiegend den Part des akademisch angehauchten Erzählers, in dessen Worten nichtsdestoweniger immerzu die mühsam im Zaum gehaltene Erregung des Nerds selbst für die drögeren technischen Aspekte mitschwingt. Rouge repräsentiert demgegenüber die jüngere Generation, die bereits mit den moderneren Auswüchsen der Szene groß geworden ist und stärker an den Spielen als an den technischen Hintergründen interessiert zu sein scheint respektive mehr auf Action als auf Erzählen aus ist. Das korrespondiert letztlich mit ihren Rollen bei der Entstehung des Comics, wo Zeid den Text und die Informationen liefert, die durch Rouges detailverliebten und anspielungsreichen Zeichnungen, die erwähnten Personen, Spielszenen oder Cover-Artworks illustrieren, zum Leben erweckt werden. Die generationsbedingten Unterschiede ergeben darüber hinaus eine spaßige Screwball-Dynamik, die teils aus kleineren Sticheleien zwischen den beiden, teils aus der gemeinsamen Gaming-Leidenschaft besteht, die letztlich alle Klüfte zwischen den Altersklassen überbrückt. Roby ergänzt Zeids Erzählung immer wieder mit enzyklopädischen Einwürfen zu diesem oder jenem Schlagwort und wird deswegen nicht selten gleichfalls Ziel des Spotts durch den Autor, der ihm die maschinelle Aufsagung von Definitionen oder Fakten gerne neckisch vorwirft. Dafür ist Roby am Ende immerhin ein kleiner Twist vergönnt.

Geschrieben von Jan Bantel

Jans Fazit (basierend auf der ersten Auflage): Gaming – Eine Pixel-Zeitreise ist eine Liebeserklärung an die Welt der Videospiele, geschrieben mit Freude am Gaming, aber auch mit dem Anspruch, lehrreich zu sein. Neben der Begeisterung für das Hobby vermittelt der Comic einen dichten Informationsgrad, überschüttet den Leser mit Namen von Entwicklern, Produzenten, Spielen, Bezeichnungen von Konsolen- und PC-Systemen, ohne dabei den Spaß zu opfern. Die Rahmenhandlung mit ihrem sympathischen Protagonistenpärchen führt den Leser auf angenehme wie lebhafte Weise durch diesen enormen Kosmos an Informationen und Eindrücken und verleiht allem eine persönliche Note. Der Informationsgehalt ist zwar hoch, kann aufgrund des kompakten Formats und der Fülle an zu behandelndem Stoff das Meiste hingegen bestenfalls oberflächlich anbringen. Der lockere, ungezwungene und unterhaltsame Ton kompensiert dies und lädt dazu ein, sich über den Comic hinaus eingehender mit der Materie oder diesem oder jenem Teil zu beschäftigen. Gaming – Eine Pixel-Zeitreise bietet sich somit gleichermaßen für eingefleischte Gamer als auch für Anfänger an, die gerne mehr über die Entstehung der Welt des Spielens erfahren oder einfach tiefer in ihr Hobby eintauchen möchten. Der Comic verfügt über einen praktischen Personen- und Spielindex, der allerdings nicht die verschiedenen Konsolen- und PC-Systeme auflistet, was für technisch interessierte Leser durchaus begrüßenswert gewesen wäre. Außerdem haben sich in der deutschen Fassung ein paar Fehler eingeschlichen, so wird zum Beispiel Kojima Hideo einmal fälschlich Kijima genannt und an einer Stelle heißt es Arcraft statt Warcraft.

Vielen Dank dem Carlsen Verlag für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Gaming – Eine Pixel-Zeitreise!

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