Bekannt ist der 2025 verstorbene Regisseur David Keith Lynch vor allem für seinen eigensinnigen und oft jeglicher Form entbehrenden Filmstil. Blue Velvet von 1986 ist erschütternd, verstörend, aber auch mitfühlend und versöhnlich, sowie ein Augenzwinkern auf das, was noch kommt.
Wer bei dem Filmtitel Blue Velvet an den gleichnamigen Song aus dem Jahr 1951 beziehungsweise in der von Bobby Vinton gesungenen Version von 1963 denkt, liegt schon vor dem Ansehen der ersten Szene des Films gar nicht mal so falsch. David Lynch wollte wissen, was sich hinter dem blauen Samt befindet und münzte dieses voyeuristische Gedankenspiel auf die Fassade einer typischen US-amerikanischen Kleinstadt um. Gedreht in Wilmington, spielt der Thriller mit seinen Erotik- und Mystery-Elementen jedoch in Lumberton. Im Fokus der Geschichte steht der Student Jeffrey Beaumont, der zeitweilig vom College nach Lumberton zurückkehrt, um seinen Vater in seinem Laden zu vertreten, da sich dieser bei der Gartenarbeit eine Wirbelkörperfraktur zugezogen hat. Nach einem Besuch im Krankenhaus, der das traurige Ausmaß der Fraktur zu Tage bringt, entdeckt Jeffrey auf einer Wiese ein abgerissenes Menschenohr. Er bringt es zur Polizei oder besser gesagt zu Detective John Williams. Dieser will Jeffrey jedoch nicht über die Ermittlung auf dem Laufenden halten. Angestachelt durch dessen Tochter Sandy erhält Jeffrey aber den Tipp, sich das Apartment der Sängerin Dorothy Vallens einmal genauer anzusehen. Um Zugang zu ihrer Wohnung zu erhalten, gibt er sich als Kammerjäger aus und gelangt bei seinem Besuch an einen Schlüssel zu Dorothys Apartment.
Brodelnde Geheimnisse unter der Oberfläche
Blue Velvet ist ein Film, der zwar durchweg linear erzählt wird, hier und da jedoch bewusst Logiklücken hat, sodass Teile des Films als Traum gewertet werden können, die jedoch alternierend zu den tatsächlichen Geschehnissen keinen Sinn ergeben würden. Lynch ist das offenbar egal – und trotzdem funktioniert der Film, da er mit jeder Szene Spannung aufbaut. Unter anderem erfährt Jeffrey das Geheimnis, das Dorothy verbirgt. Dieses steht in enger Verbindung mit dem Kriminellen Frank Booth, der Dorothy regelmäßig in ihren vier Wänden aufsucht. Peu à peu setzt sich für Jeffrey ein Bild zusammen, das er aber über weite Strecken des Films vor der Polizei verbirgt. Selbst Sandy, mit der er im Verlauf der Handlung eine Beziehung eingeht, erfährt nicht alle Details, was sich in der Wohnung von Dorothy abspielt und welche Rolle ihr Freund dabei einnimmt. Lumberton steht durch Dorothys Wohnung stellvertretend für all die Geheimnisse, die unter der Oberfläche einer nach außen hin positiven wie heilen Welt schlummern. Zentrale Themen sind sexueller Missbrauch, masochistische Gelüste, voyeuristisches Verlangen, Drogenkonsum bis ans Limit und all das, was nur symbolisch oder mit Farben an den Zuschauer vermittelt wird. Auch wenn Blue Velvet andere Töne anschlägt, sind im Film bereits die ersten Andeutungen für die Fernsehserie Twin Peaks spürbar.
Vierzig Jahre alt – und immer noch sehenswert
Dieser Umstand ist nicht nur am Kleinstadt-Setting, sondern auch an anderen Punkten wie der düsteren und stets spürbaren Atmosphäre zuerkennen. Erzeugt wird diese mitunter durch den 2022 verstorbenen Komponisten Angelo Daniele Badalamenti, mit dem Lynch auch bei weiteren Werken noch zusammenarbeiten sollte. Er sorgt dafür, dass Jeffrey, obwohl er eigentlich Student vom College ist, dem Zuschauer wie ein echter Ermittler vorkommt, der seinen Gegnern gedanklich zwei Schritte voraus ist. Gespielt wird Jeffrey im Übrigen konsequent fantastisch von Kyle Merritt MacLachlan, mit dem Lynch wenige Jahre zuvor schon bei Dune – Der Wüstenplanet zusammengearbeitet hat. Laura Elizabeth Dern ist hingegen als Sandy zu sehen und ergänzt MacLachlan bei den Ermittlungen rigoros. Isabella Fiorella Elettra Giovanna Rossellini kann im Film weniger mit ihren Gesangseinlagen, dafür aber in ihrer zerbrochenen Rolle der Dorothy überzeugen. Grandios geschauspielert ist hingegen der drogenabhängige, brutale und angsteinflößende Frank, für den Dennis Lee Hopper vor der Kamera stand. Das möglicherweise zum vierzigjährigen Jubiläum entstandene Mediabook enthält Blue Velvet in einer 4K-Abtastung und zudem im Full-HD-Format. Hinzu kommt eine Bonus-Disc mit Dokumentationen, Interviews und gelöschten Szenen und ein vom österreichischen Regisseur Paul Poet unnötig kompliziert geschriebenes Booklet, das die Faszination für den Film erklärt.
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit (basierend auf der Blu-ray-Fassung): Blue Velvet hat, als der Film 1986 im Kino lief, durchaus verschiedene Gemüter erzürnt. Trotzdem hat David Lynch flächendeckend für Begeisterung gesorgt, auch wenn die Menschen nicht scharenweise in die Lichtspielhäuser gelaufen sind. Viel zu lange bin auch ich um Blue Velvet herumgekommen, doch spätestens beim Mediabook zum vierzigjährigen Jubiläum konnte ich mich Lynchs Werk nicht mehr entziehen. Handwerklich ist der Thriller unfassbar gut gemacht und bietet mir Symbolik, Farbenspiel, Metaphern, Andeutungen und nicht zuletzt Traumsequenzen, die eigentlich gar keine sind. Auch wenn durch das Vermischen von Traum und Realität manche Szenen überhaupt keinen Sinn mehr ergeben, lässt sich das aufgrund des Dramas, der Spannung und nicht zuletzt der Charaktere ausblenden. Zwei Stunden lang fesselt der Film nicht zuletzt aufgrund von Schauspieltalenten wie Kyle MacLachlan und vor allem Dennis Hopper an den Bildschirm. Lynchs Werk erschüttert und verstört mich, lässt mir aber auch genug Raum, um mit den Figuren mitzufühlen und mitzufiebern – und vermutlich ist Blue Velvet deshalb ein richtig guter Film, da er deutlich macht, dass es ein Happy End gibt, auch wenn nicht für jeden.
Vielen Dank an Plaion Pictures für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Blue Velvet!