Im Spionagefilm Reflection in a dead Diamond aus dem Jahr 2025 wird ein gealterter Agent mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Peu à peu verschwimmen für ihn in dieser Hommage an das europäische Agentenfilmkino die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion.
Wer heutzutage an das Genre des Spionagefilms denkt, dem wird vermutlich zunächst die seit 1962 laufende James-Bond-Filmreihe in den Sinn kommen. Als nächstes in der Rangliste stehen dann mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit die Mission-Impossible-Streifen an, die aber eh die konsequente Filmfortführung der Fernsehserie Kobra, übernehmen Sie von 1966 bis 1973 beziehungsweise deren Serienfortsetzung In geheimer Mission aus den Jahren 1988 bis 1990 ist. Darüber hinaus gab es zumindest in den letzten Jahrzehnten mehr Klamauk als eine ernstzunehmende Bedrohung für die beiden erwähnten Franchises. Reflection in a dead Diamond setzt sich von diesen aber bewusst ab, zumindest weitgehend. Stattdessen interpretiert der Film des Ehepaars Hélène Cattet and Bruno Forzani den europäischen Agentenfilm, dessen Werke vornehmlich in den 1960er-Jahren zu verankern sind. Bereits wenige Jahre nach der Veröffentlichung der ersten vier James-Bond-Filme explodierte das Genre der ernsten Nachahmer und der parodistischen Imitate. Die beiden Regisseure, die auch das Drehbuch ihres Werks zu verantwortlichen haben, setzen sich mit Reflection in a dead Diamond zwischen die Stühle dieser beiden Extreme und lassen ihren gealterten Helden seine Vergangenheit zwischen spannenden Rückblenden und melancholischem Wahnsinn erneut durchleben.
Agenten im Alter
Im Mittelpunkt der Erzählung steht der vermutlich ehemalige, seiner tragischen Vergangenheit aber nach wie vor verbundene John Diman, gespielt von Fabio Testi. Seinen Lebensabend verbringt er zurückgezogen an der Côte d’Azur in einem Luxushotel. Eines Tages verschwindet seine Zimmernachbarin spurlos, wodurch er sich an die Abenteuer vergangener Tage erinnert. So erfährt der Zuschauer von einem Auftrag, der ihn in just dieses Luxushotel geführt hat, und eine Verbindung zum mysteriösen Markus Strand, der wiederum mit dem Verschwinden seiner damaligen Kollegin zu tun hat. Noch dazu steht der jüngere und von Yannick Renier verkörperte Diman vor neuen Herausforderungen, denn während ältere Kollegen aus dem Dienst ausscheiden, muss er weitermachen – bis auch er irgendwann ersetzt wird. Einen nicht unwesentlichen Aspekt des Films macht die ominöse Erscheinung der Serpentik aus, bei der es sich um eine in Leder gehüllte Killerin handelt, die ihre Gegner mit einem giftigen Stich in den Nacken tötet. Ihre Identität ist geheim und auch Diman wird vorgehalten, es niemals zu schaffen, hinter ihre Maske zu blicken. All das klingt äußerst spannend und könnte Reflection in a dead Diamond zu einem handlungsträchtigen Agentenfilm machen, aber Cattet and Forzani hatten andere Pläne und erzählen die Story eher über eine ausgetüftelte Bildsprache denn aus auktorialer Sicht über tiefsinnige Dialoge.
Filme sind Kunst
So reihen sich im Film dicht an dicht exquisite Kamerafahrten und abenteuerliche Tricktechniken, die in manchen Fällen durch den Gebrauch von unsinnigen Gadgets von Diman in Erscheinung treten. Beispielsweise kann er mit einem bestimmten Ring durch Wände oder sogar in das Gehirn seiner Zielpersonen blicken, um an Informationen zu gelangen. An anderer Stelle wird auf kleinen Spiegeln das Gesicht seiner Kollegin projiziert, sodass er Hinweise durch das Ablesen ihrer Lippen aufnehmen kann. Absurder wird es nur, indem sich Vergangenheit und Gegenwart für ihn weiter vermischen und der Zuschauer zuweilen das Gefühl hat, einen gealterten Schauspieler zu erleben, der neben seiner Leinwandheldenkarriere zusätzlich noch als Comicbuchfigur verwurstet wurde. So albern das erscheint, so wenig langweilig wird der Film trotz ordentlichem Handlungsaufbau. 87 Minuten gelingt es dem Film mit Tragik, einer möglicherweise ungewollten Prise Humor, aus zeitgenössischen Filmen zusammengeklaute Musik und herausragender Bildtechnik zu überzeugen. In erster Linie dürften aber wohl nur eine Handvoll Kunststudenten angesprochen sein, die sich wochenlang über die Machart des Films unterhalten dürften. Ansonsten richtet sich Reflection in a dead Diamond vornehmlich an Filmliebhaber mit einem erlesenen Geschmack, die den Film aber sicher lieben werden.
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit (basierend auf der Blu-ray-Fassung): Herausgeber Plaion Pictures hat im Vorfeld mit dem Trailer ein ganz falsches Bild vom Film vermittelt – insofern kann ich gut verstehen, dass so mancher Zuschauer nach dem Ansehen enttäuscht sein könnte. Reflection in a dead Diamond ist definitiv kein Film für jedermann, denn dazu ist er zu speziell. Das liegt in erster Linie nicht einmal an der Handlung, die melancholische, gar tragische Züge annimmt und eigentlich genug Zündstoff für einen spannenden Agentenfilm liefert. Stattdessen setzt der Film auf eine Bildsprache, die es sonst womöglich nur in Werken wie Sin City gibt. Mit zahlreichen Anspielungen auf James Bond und vor allem den europäischen Spionagefilm, fließenden Übergängen zwischen Gegenwartsszenen und Rückblenden, die Wahrheit und fast schon fiebertraumähnliche Sequenzen vermischen, entpuppt sich Reflection in a dead Diamond mit jeder Minute mehr und mehr als intelligenter Film, der mit der Norm bricht und dadurch einzigartige Züge annimmt. Wer Experimente mag, sich intensiv mit filmischen Kunstwerken beschäftigt oder auch einfach nur dem europäischen Agentenfilm etwas abgewinnen kann, ist mit Cattets and Forzanis Reflection in a dead Diamond bestens bedient!
Vielen Dank an Plaion Pictures für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Reflection of a dead Diamond!