Review: Super Mario Bros.

Obwohl Super Mario Bros. aus dem Jahr 1993 tatsächlich nicht die allererste Videospielverfilmung ist, wird das Werk häufig als solche bezeichnet. Ende 2022 erschien der Kinofilm im deutschsprachigen Raum auf Blu-ray Disc – und überzeugt auch drei Jahrzehnte später noch.

2023 erschien mit Der Super Mario Bros. Film ein zumindest kommerziell unfassbar erfolgreicher Animationsfilm zu Nintendos wohl wichtigster Marke. Was jüngere Spieler nicht wissen und das japanische Traditionsunternehmen am liebsten aus dem kollektiven Gedächtnis aller Videospieler streichen will, ist die Tatsache, dass es drei Jahrzehnte zuvor bereits einen Kinofilm zum Super-Mario-Franchise gab – und zwar nicht in animierter Form, sondern mit echten Menschen. Der Film aus dem Jahr 1993 gilt zwar als Videospielverfilmung, lehnt sich im Grunde aber nur vage an der Vorlage an und nimmt sich mindestens genauso viele Freiheiten. Auch wenn dies den einen oder anderen Fan stören könnte, war dies damals beabsichtigt, um das in den frühen 1990er-Jahren in US-amerikanischen Medien negativ konnotierte Videospielmedium einem breiteren Publikum näherzubringen. Ob das funktioniert hat, ist eine andere Frage. Es war mutig von den beiden Regisseuren Annabel Jankel und Rocky Morton, diesen Weg einzuschlagen, um das Drehbuch aus den Federn von Parker Bennett, Terry Runté und Edward James Solomon auf die Leinwand zu bannen. Durchaus problematisch war jedoch, dass das Drehbuch wohl mehrfach überarbeitet, beim Dreh improvisiert, zeitweise Mitarbeiter ab- und wieder aufgesprungen und sich Gerüchten zufolge auch betrunken haben.

Dystopische Parallelwelt

Nun stellt sich die Frage, ob dies in Super Mario Bros. überhaupt auffällt. Die Antwort darauf ist nicht ganz einfach, denn grundsätzlich funktioniert der Spielfilm, der sich am ehesten dem Science-Fantasy-Genre zuordnen lässt und Merkmale des Abenteuerfilms aufweist, inhaltlich überraschend gut. Mario und Luigi, die titelgebenden Gebrüder Mario, betreiben im New Yorker Stadtbezirk Brooklyn eine Klempnerei, die allerdings alles andere als gut läuft. Durch einen Zufall lernt Luigi die Archäologiestudentin Daisy kennen. Kurz darauf tauchen die beiden Möchtegernganoven Iggy und Spike auf, welche Daisy durch ein ominöses Portal in eine Parallelwelt entführen. Mario und Luigi nehmen sogleich die Verfolgung auf und landen in einer dystopischen Version von Manhattan, in der die Kriminalitätsrate längst den maximalen Pegel gesprengt hat. Kaum angekommen, landen sie auf der Fahndungsliste vom regierenden Präsidenten Koopa – dieser ist auf der Suche nach einem ominösen Meteoritensplitter, den Luigi während Daisys Entführung an sich nehmen konnte. Sein Ziel ist es, die beiden Welten wieder zu vereinen und am Ende über alles und jeden zu regieren. Dementsprechend entwickelt sich die Rettungsaktion weiter und nimmt größere Züge an, bei denen sich Mario und Luigi mit dem Polizeiapparat anlegen und der angedrohten Devolution entkommen müssen.

Ausgefeilte Handlungsstrukturen

Zeitgenössische Rezensionen kritisierten in den 1990er-Jahren vor allem die plumpe Handlung des Streifens. Diese Kritiker haben vermutlich niemals auch nur irgendeines der damals erhältlichen Videospiele gespielt, denn ansonsten wären ihnen unzweifelhaft die Tiefe der Charaktere und die Tragweite ihrer Handlungen aufgefallen. Das soll nicht heißen, dass die Story bis ins letzte Detail ausgearbeitet ist, was alleine schon aufgrund der turbulenten Arbeiten am Drehbuch absurd erscheinen würde, aber die sozialkritisch dargestellte Dystopie, der Thronraub durch Koopa, das verzweifelte Aufbegehren des alten Königs, der als Pilz in der ganzen Stadt vor sich hin vegetiert, der Versklavung von unschuldigen Personen, die in der Devolutionskammer zu echsenähnlichen Humanoiden, genannt Gumbas, gemacht werden, und nicht zuletzt Daisys unaufhörliche Suche nach ihrer eigenen Identität sind alles Themen, die so keinesfalls in irgendeinem der Videospiele angesprochen wurden. Anstatt einfach nur die Prinzessin zu retten und den Bösewicht in die Schranken zu weisen, steht in Super Mario Bros. so viel mehr auf dem Spiel. Der Film ist storytechnisch durchaus ausgefeilt, auch wenn gerade die visuelle Inszenierung hier und da stark von den Spielen abweist. Der Zuschauer muss einfach nur in Metaphern lesen und die Symbole richtig identifizieren und einordnen.

Verständliche Symbolik

Mario und Luigis Gegner erwehren sich beispielsweise mit Flammenwerfern, die aber Feuerbälle durch die Gegend spucken können. Anstatt durch die Einnahme eines Pilzes zu wachsen, bläht sich dieser im entscheidenden Moment zu einem Schutzschild auf, um Mario einmalig vor einem Geschoss zu retten. Auch Sprungstiefel tauchen auf, lassen Mario und Luigi meterweit durch das Areal hüpfen und brauchen hin und wieder eine Energieladung, die wie ein Kugelwilli geformt ist. Das sind schlicht und einfach clevere Ideen, welche die Funktionen aus den Spielen aufgreifen, sie aber in das Science-Fantasy-Korsett zwängen, um Authentizität im Rahmen der Filmwelt zu erlangen. Fans der Vorlage verstehen das – und wer die Spiele nicht kennt, erlebt trotz allem einen großen Spaß. Die beteiligten Schauspieler sahen das, vor allem aufgrund des Chaos am Filmset, aber anders. Vor der Kamera standen mit dem 2014 verstorbenen Robert William Hoskins für Mario und dem 2010 verschiedenen Dennis Lee Hopper als Koopa gleich zwei große Namen vor der Kamera. Für Luigi-Darsteller John Alberto Leguizamo Peláez war es zudem der Durchbruch im Filmgeschäft und auch Samantha Mathis, die in der Rolle der Daisy zu sehen ist, ist heute auch keine Unbekannte mehr. Der 104-minütige Film, der auch im Full-HD-Format glänzt, ist mutig, zuweilen kreationistisch, wild, düster, turbulent, unterhaltsam – und tatsächlich alles andere als langweilig oder platt.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der Blu-ray-Fassung): Warum es Menschen auf der Welt gibt, die den Film Super Mario Bros. aus dem Jahr 1993 nicht mögen, als platten und schlechten Film abstempeln und gleichzeitig den sterilen, eintönigen und mit müden Gags gefüllten Der Super Mario Bros. Film von 2023 in den Himmel loben, will mir nicht in den Kopf gehen. Beide Filme haben sicherlich ihre Stärken wie ihre Schwächen, aber im direkten Vergleich ist mir die mutige Leinwandadaption tausendmal lieber, selbst wenn die Schauspieler die Dreharbeiten als anstrengend empfanden und ihre Teilnahme bis an ihr Lebensende bereut haben. Ich finde den düsteren Anstrich super, denn vor dem Hintergrund der dystopischen Welt gelingt es dem Film Themen anzusprechen, die sich Nintendo zumindest in den Hauptteilen nicht trauen würde. Gerade für einen Film aus den 1990er-Jahren, bei dem das zugrunde liegende Franchise, ausgehend von Donkey Kong, noch nicht einmal anderthalb Jahrzehnte alt ist, finde ich die Umsetzung bemerkenswert. Die Handlung gibt den Figuren eine Bedeutung und lässt durch sie Sozialkritik in Form von Ungleichheit und Ungerechtigkeit sprechen. Zudem ist der Film näher an den Videospielen dran als es zunächst den Anschein hat, denn durch Metaphern und eine bewusste Symbolsprache tauchen einige Themen auf, um dem Streifen den nötigen Status einer Videospielverfilmung zu verleihen. Super Mario Bros. ist für mich seit den 1990er-Jahren ein Kultfilm, den Nintendo nicht leugnen, sondern feiern sollte!

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