Es regnet, es regnet, die Erde wird nass… und nicht nur die Erde, die Augen auch! „Oh mein Gott, was für ein Spiel?!“, schießt es einem durch den Kopf, wenn der Abspann von Heavy Rain den Bildschirm ziert. Zittrige Finger, nervöses Fußwippen und unzählige Fragen im Kopf sind es, die einen zunächst gar nicht wirklich am Abspann oder dem zum Spiel passenden Soundtrack teilhaben lassen können. Doch bis man Bekanntschaft mit dieser gewaltigen Erfahrung macht, dürfen die zahlreichen Charaktere von Heavy Rain kennengelernt werden.
Dabei sind es nicht die Fragen, die man sich sonst womöglich nach einem Spiel stellt: Fragen nach Storylücken oder Patzern. Man fragt sich vielmehr, ob man sich richtig entschieden hat oder was passiert wäre, wenn man anders gehandelt hätte. Wie kein anderes Spiel versteht es Heavy Rain, den Spieler mit in die Handlung einzubinden und ihn am Geschehen teilhaben zu lassen. Der Spieler fühlt sich mitten in eine echt wirkende Spielwelt versetzt, welche er durch eine große Entscheidungsfreiheit beeinflussen kann. Die sehr gut inszenierte Kinoatmosphäre lässt einen in so manchen Situationen minutenlang über die nächsten Schritte grübeln. Heavy Rain bindet den Spieler an die Spielfiguren und das ohne dabei aufgesetzt zu wirken. Mit geschickten Tricks, die auch von Starregisseuren hätten sein können, wirft einen das Spiel von der ersten Sekunden an in eine Geschichte, die man so schnell nicht mehr vergessen wird.
Trautes Heim, Glück allein
Gleißender Sonnenschein fällt in das warm und herzlich wirkende Schlafzimmer und weckt Ethan Mars, den ersten Hauptdarsteller des Spiels, aus seinen friedlichen Träumen. Bereits in der ersten Spielminute wird man auch schon mit den ersten Bewegungsabläufen bekannt gemacht. Dabei lernt man die nicht besonders anspruchsvolle, aber dennoch sehr sensitive Steuerung kennen, mit der man Mr. Mars langsam aus seinem kuscheligen Bett befördern darf. Alles wirkt wie der perfekte Tag, den man wohl am besten damit beginnt auf den Balkon zu schlendern und einen tiefen, entspannten Atemzug zu tätigen. Nach einem genüsslichen Blick in den Garten, folgt der Gang zur Dusche. Kurz geduscht, rasiert, Zähne geputzt – alles interaktiv und leicht von der Hand machbar. Anschließend geht es für Ethan frisch an die Arbeit. Er ist Architekt und widmet sich mit seiner ganzen Gabe einer neuen Konzeptzeichnung zu, sofern man dies denn auch tun möchte. Genauso gut kann man die Sonne im Garten genießen oder zur Entspannung fernsehen. Heavy Rain überlässt den Spieler bereits im ersten (kurzen) Abschnitt Optionsmöglichkeiten, die über Ausgang und Verlauf der Handlung bestimmen.
Leben und Tod
Hat man die frühen Morgenstunden hinter sich gelassen, dauert es nicht lang bis Ethans Ehefrau samt seinen beiden Söhnen vom Einkaufen zurückkehrt. Der gut gelaunte Ehemann nimmt seine beiden Söhne in die Arme und darf seiner Frau die Einkaufstaschen abnehmen. An diesem Tag hat sein Sohn Jason Geburtstag – also hilft er seiner Gattin im Haushalt um die Party vorzubereiten. Was nun folgt könnte genauso gut in einem extrem romantischen Buch stehen, so gut werden die nächsten Minuten in trauter Familienatmosphäre in Szene gesetzt. Doch auch Familie Mars führt nicht das perfekte Leben auf Erden – so wird der Spieler bereits kurze Zeit später mit dem ersten großen Thema konfrontiert. Ein kleiner Vogel, der im Käfig bisweilen munter vor sich hin zwitscherte, stirbt und lässt bei Sohn Shaun die Tränen fließen. Hier erkennt man sehr gut, dass der Tod praktisch niemanden kalt lassen kann – weder die Spielfiguren, noch den Spieler selbst.
Starker Regen
Die Thematik kehrt dann auch schneller zurück als erwartet. Während die Familie in der nächsten Szene im Einkaufszentrum neue Kleidungsstücke kauft. Ethan passt einen Moment nicht auf, schon ist Sohn Jason kurze Zeit später verschwunden. Da der Junge kurz vorher einen roten Luftballon von seinem Vater geschenkt bekommen hat, kann man den kleinen Kerl in der Menschenmenge gut erkennen. Nach der spannenden Verfolg verunglückt sein Sohn leider tragisch und stirbt. Dies ist eine der wichtigsten (großen) Schlüsselszenen in Heavy Rain und leitet gekonnt die Haupthandlung ein. Von nun an vermisst man die schönen Sonnenstrahlen und das Spiel präsentiert sich in einem toll gemachten Intro. Dieses kommt mit kalten und düsteren Farben daher, welche samt dem Titel gebenden und strömenden Regen, die Glücksgefühle der Familie um 180 Grad drehen lassen. Obwohl das Spiel ab sechzehn Jahren freigegeben ist, merkt man sofort, dass die Handlung ernster wird und welche Zielgruppe man mit dem Spiel erreichen möchte. Mit dem finsteren, von Vorwürfen geplagten Leben von Ethan Mars, zeigt das Spiel den Spielern eine ganz andere Seite des Familienvaters. Von der Ehefrau getrennt und in ein eigenes Haus umgezogen, kümmert sich der nur schwer mit dem Leben klarkommende Vater um den verbliebenen Sohn Shaun. Doch wir möchten nicht zu viel verraten, schließlich sollt ihr selbst noch in den Genuss des Spiels kommen.
Ansichtssache
Heavy Rain versteht es wie kaum ein anderes Spiel, die unterschiedlichen Charaktere in die umfangreiche Handlung zu integrieren. Zu keiner Zeit verliert der Spieler den Überblick oder muss ratlos vor dem Bildschirm hocken. Vier Protagonisten werden dabei vom Spieler abwechselnd selbst gesteuert. Der Spieler darf entscheiden, was mit ihnen passiert und wie sie sich im Laufe der Spielzeit entwickeln. Neben dem tragisch angeschlagenen Familienvater Ethan Mars, gesellen sich noch der drogensüchtige FBI-Agent Norman Jayden, Reporterin Madison Paige und Privatdetektiv Scott Shelby dazu. Alle vorkommenden Spielfiguren in der fiktiven Realität von Heavy Rain könnten dabei unterschiedlicher kaum sein. Wenn man von künstlicher Intelligenz in Spielen spricht, so meint man normalerweise die Aktionsvielfalt der computergesteuerten Charaktere. Etwa das in Deckung gehen, über Zäune springen oder situationsabhängige Antworten geben. Bei Heavy Rain ist die künstliche Intelligenz jedoch gar nicht als solche zu erkennen, da sie so überzeugend programmiert wurde. Man könnte fast schon glauben, dass man einer echten Person anstatt eines Fernsehers gegenüber säße. Heavy Rain gelingt es mit viel Geschick und gekonnten Tricks, den Zuschauer bei der Stange zu halten und dabei stets überzeugend und glaubwürdig zu wirken.
(Spiel)film
Es bleibt offen unter welchen Gesichtspunkten man die Software analysieren sollte. Die Grenzen zwischen Spiel und Film waren wohl noch nie so dicht beieinander, wie bei Heavy Rain. Es ist ein interaktiver Film, in denen der Zuschauer die Handlung selbst vorantreibt. Wie kaum ein anderes Spiel auf dem Markt, weiß Heavy Rain ein sehr erwachsenes und reifes Thema zu inszenieren, um Spieler und Zuschauer in den Bann zu ziehen. Dadurch weiß das Spiel zu glänzen als auch zu überzeugen. Obwohl man meist nur kleine Reaktionsspiele meistert, um die einzelnen Szenen zu überstehen, so bleibt der Titel stets anspruchsvoll. Die vom Spiel inszenierten Kämpfe, Handlungsabläufe und Gespräche, die der Spieler durch das Drücken der richtigen Knöpfe im passenden Moment selbst beeinflussen kann, gehen stets sauber und leicht von der Hand. So gut wie jederzeit hat man die Kontrolle über die unterschiedlichen Charaktere. Man hat als Spieler nie das Gefühl überflüssig zu sein, sondern zu jeder Zeit die Situation selbst meistern zu können und zu beeinflussen.
Filmkritik
Nun ist Heavy Rain ein Spiel, dass man ohne mit der Wimper zu zucken als einzigartig bezeichnen könnte. Es nimmt sich selbst ernst, versteht dennoch einen gewissen Grad an Humor und bleibt der bisher wahrlich einzigartigen Art und Weise der interaktiven Geschichtenerzählung treu. Dennoch gibt es auch einige Kritikpunkte an Heavy Rain zu bemängeln. Heavy Rain kann nicht alles und jeden zufrieden stellen. Es ist eine eigene Art der Unterhaltung und Form des Spielens. Auch in ein paar Komfortmacken, die einem besonders in sehr engen Räumen die Übersicht stehlen fallen negativ auf. Knifflig wird es, wenn man sicher innerhalb kürzester Zeit für etwas entscheiden muss, man aber einen Moment zu lange überlegt und die nun eher unfreiwillig gefällte Entscheidung gleich den Verlauf der Erzählstrangs bestimmt. Sofern man nicht schnell genug reagiert, wählt das Spiel eigenständig eine Entscheidung aus. Dies kann auch ärgerlich in jenen Momenten sein, in denen man im Kampf einen falschen Knopf drückt oder die Antwort auf gestellte Frage nicht mehr weiß. So kann es mitunter vorkommen, dass der Ablauf der Geschichte eine ungewollte Wendung nehmen kann. Heavy Rain ist dennoch meist fair und lässt einen eventuelle Patzer kurz darauf wieder ausbügeln. Wer allerdings viele Interaktionsmöglichkeiten mit der Spielwelt erwartet, ist bei Heavy Rain leider an der falschen Adresse. Ist man allerdings auf eine Handlung eines Hollywood-Blockbusters bedacht, darf man bedenkenlos zugreifen.
Geschrieben von Thomas Enders
Erics Fazit: Mittlerweile konnte auch ich Heavy Rain bei Thomas durchspielen. Als der Abspann über den Bildschirm flimmerte, stellte auch ich mir die ersten Fragen, was ich da gerade überhaupt gespielt habe. Vorweg möchte ich sagen, dass Heavy Rain ein wirklich gutes Spiel ist. Meiner Meinung nach macht es aber noch ziemlich viel falsch. Das fängt bereits bei den ersten kleinen Logiklücken an. Warum darf ich mir nicht aussuchen, was ich anziehen möchte und warum darf ich mich in manchen Situationen nicht so verhalten, wie ich es gerne hätte? Selbstverständlich bietet ein Videospiel nie die nahezu unzähligen Möglichkeiten, welche mir das wahre Leben Tag für Tag beschert, trotzdem bin ich etwas enttäuscht. In meinen Augen versucht der Entwickler eine große Spielwelt zu suggerieren, welche das wahre Leben widerspiegeln soll. Das klappt leider an vielen Stellen nicht so gut, wie ich vor dem Spielen erwartet hatte. Kämpfe ich zum Beispiel gegen einen Einbrecher, so kann ich nicht wirklich zu einer bestimmten Waffe greifen, sondern muss erst einmal davonlaufen, bevor ich mich überhaupt wehren darf. Da hätte ich mir eine größere Optionsvielfalt gewünscht. Dafür sehen die Auseinandersetzungen inklusive Quick Time Events einfach großartig aus. Je nachdem, welche Entscheidung ich treffe, verändert sich der Spielablauf während dieser Szene anders. Auch die Handlung hat mir sehr gut gefallen. Ich möchte nicht zu viel verraten, aber manche Aufgaben erinnern einfach an die kranken Spielchen von Jigsaw aus der Saw-Fimreihe. Einige der mir gestellten Aufgaben finde ich wirklich eklig und ich konnte sie beim Willen nicht erfüllen. Trotzdem konnte ich mich bei Heavy Rain noch gerade so durchringen und ein Happy End erreichen. Während mir der Soundtrack nicht ganz so gut gefallen hat, war er dennoch passend. An einigen Stellen hätten mich aber ein paar intensivere Klänge positiver gestimmt. Die deutsche Synchronisation ist zwar kein Totalausfall, aber die Sprecher waren einfach passend. Einzig allein bei Madison hätte ich mir eine andere Stimme gewünscht, da mir die Synchronstimme auch in so manchen Filmen negativ aufgefallen ist. Heavy Rain macht sicherlich ein paar Fehler, aber darüber ist hinweg zu sehen, da es ein Spiel in diesem Ausmaße noch nicht gegeben hat. Der Titel zeigt wirklich sehr gut, in welche Richtung sich so manche Spiele entwickeln werden. Ich bin schon sehr gespannt darauf, wie das nächste Spiel dieser Art sein wird – dann aber hoffentlich mit einer größeren Bewegungsfreiheit und mehr Auswahlmöglichkeiten.
Thomas’ Fazit: Ist es Liebe oder Hass? Für mich ganz klar Liebe, da ich lieber im richtigen Moment auf einen Knopf drücke, als mich in einer gigantischen Welt verlaufen zu müssen und ohne dann folglich einen weiteren Sinn dahinter zu sehen. Bei Heavy Rain ist dies aber nicht der Fall. Es ist innovativ und wagt einen neuen Schritt, sodass ich es allein deswegen schon gerne spiele. Zudem trägt es die übliche Handschrift von Quantic Dream und wer die Werke des Entwicklerstudios mag, wird um Heavy Rain nicht herum kommen. Ich finde die Geschichte so packend, dass ich sie diese am liebsten verfilmt auf der großen Leinwand sehen möchte. In meinen Augen lohnt es sich absolut, dem Spiel eine Chance zu geben. Man bekommt dafür erstklassige Unterhaltung mit tollen Momenten und vielen unterschiedlichen Gefühlslagen, die ich selbst so bei einem Spiel noch nicht oder nur sehr selten erlebt habe. Wenn mir ein Spiel die Tränen in die Augen treibt und mich minutenlang über Entscheidungen grübeln lässt, dann macht es etwas richtig. Wenn ein Spiel es schafft, meine tiefsten, innersten Werte anzusprechen, hat es etwas ganz besonderes erreicht. Ich spiele nicht nur, ich lebe das Spiel und beziehe meine eigene Meinung und meine Einstellung zur Situation mit ein. Selten fällt es mir bei einem Spiel so schwer, Entscheidungen gegen meine eigene Lebenseinstellung zu treffen, sofern ich es schaffe mich dazu durchzuringen. Denn diese Entscheidungen bestraft das Spiel nicht nur sehr bildgewaltig, sondern auch sehr konsequent und eindrucksvoll. Bereits Sekunden später wünscht man sich, man hätte die Pistole nicht abgedrückt oder doch lieber einen anderen Weg eingeschlagen zu haben. Besonders dieser Moment, in dem man eine Pistole auf einen Menschen richtet und man die Macht hat, über Leben und Tod zu entscheiden, ist sehr glaubhaft dargestellt. Trifft man im wahren Leben immer gute Entscheidungen, bringt man es kaum übers Herz die erforderliche Taste zu drücken. Ich musste die Augen zukneifen, weil ich diesen Moment eigentlich nicht miterleben wollte. Da Heavy Rain mit unterschiedlichen Enden aufwartet und ich unbedingt mehr als nur eines erleben wollte, ließ ich diese Art von Szenen schweren Herzen über mich ergehen. Das wichtigste was ich beim Spielen gemerkt habe ist, dass man für diesen Titel ein Herz haben muss. Nur jene, die das Spiel aus vollen Herzen spielen, erkennen das wahre Potential des Spiels.
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