Mit dem Echtzeitstrategiespiel Warcraft: Orcs & Humans veröffentlichte Blizzard Entertainment 1994 einen Meilenstein in der Geschichte des Genres. Warcraft II: Tides of Darkness, das ein Jahr später erschien, überflügelte das Seriendebüt. Das ist auch im Remaster spürbar.
Kaum feierten die Entwickler mit Warcraft: Orcs & Humans einen Erfolg, blieb für sie aber nicht lange Zeit, um sich auf den Lorbeeren auszuruhen. In einer Zeit, in welcher Nachfolgeprojekte so schnell wie möglich zu realisieren waren, reagierte auch Blizzard. Nach nur dreizehn Monaten stand Warcraft II: Tides of Darkness in den nordamerikanischen Händlerregalen. In der Geschichte der Spielwelt sind indessen ganze sechs Jahre ins Land gezogen. Die Hauptstadt der Menschen, Sturmwind, ist gefallen. Die Menschen haben Azeroth übers Meer verlassen und versuchen im Königreich Lordaeron eine neue Heimat zu finden. Leider hält der Frieden nicht lange, denn die Orcs haben eine Flotte Kriegsschiffe an die Küsten von Lordaeron entsandt, um ihren Eroberungsfeldzug fortzuführen. Je nachdem, für welche der beiden Kriegsparteien wir uns zu Spielstart entscheiden, gilt es nun, entweder die letzten Menschen auszuradieren oder das dunkle Portal zu vernichten, welches als Verbindungsweg zur Heimatwelt der Orcs dient. Warcraft-Kenner wissen unlängst, welches der beiden Enden als Kanon für die Reihe fungiert – wir hüllen uns an dieser Stelle in Schweigen, um Neulingen nicht die Spannung zu verderben. Warcraft II Remastered enthält im Übrigen auch die Erweiterung Beyond the Dark Portal, welches die jeweiligen Enden der Kampagnen zementiert.
Klassische Fortführung mit sinnvollen Neuerungen
Inhaltlich hat sich seit dem Seriendebüt nicht viel verändert – und das ist nicht schlimm, funktionieren die Grundlagen auch Jahrzehnte später noch. Warcraft II baut sämtliche Mechaniken aus, um das Echtzeitstrategiespielgenre zu verfeinern. Somit sammeln wir abermals Rohstoffe, um damit Arbeiter zu rekrutieren, die neue Gebäude erschaffen und Ressourcen sammeln. Über die Gebäude produzieren wir wiederum Kampfeinheiten und hetzen diese schlussendlich auf unsere Gegner, um den Sieg davon zu tragen. Ein Merkmal des ersten Serienteils ist seine spartanische Gestaltung, woran auch die zweite Episode nicht rüttelt. Neben Holz und Gold gibt es jetzt auch noch die dritte Ressource Öl, die auf dem Meer gefördert wird, weshalb nun auch Schiffe eine taktische Rolle einnehmen. Dies gilt nicht nur für den Öltransport, sondern auch für die Kriegsführung. So bringen wir unsere Einheiten von einem Ort zum anderen, bombardieren vom Ozean aus Gebäude an Land oder liefern uns mit dem Feind Seeschlachten. Hinzu kommt, dass Warcraft II den Nebel des Kriegs einführt, wie wir ihn Jahrzehnte später noch kennen. So decken wir zwar die Karte peu à peu auf, doch sobald sich keine Einheiten mehr an Ort und Stelle befinden, ist die Orientierung eingeschränkt. Die Umgebungsgrafik verblasst und anrückende Feinde können wir so nicht kommen sehen. Spannend!
Alles eine Frage der Geschwindigkeit
Wer die Kriegsführung in Warcraft II intensivieren will, hat im Optionsmenü allerdings auch die Möglichkeit, den Nebel des Krieges abzuschalten. So dürften sich die jeweils vierzehn Missionen der Kampagnen des Hauptspiels und die zwölf Missionen der beiden Kampagnen des Add-ons von einem Moment auf den anderen recht unterschiedlich spielen. Eine ebenso gewichtige Neuerung ist die Option, die Spielgeschwindigkeit einzustellen. Sollten wir also schnell neue Ressourcen benötigen, erhöhen wir das Tempo in den Einstellungen. Sofern sich ein Kampf anbahnt, sollten wir die Geschwindigkeit aber wieder drosseln, denn der Schwierigkeitsgrad ist bei hohem Tempo schlicht zu hoch. Jede einzelne Einheit ist nach wie vor unfassbar wichtig, sodass jede Fehlentscheidung sofort schmerzt, zumal auch alle Ressourcen auf der Karte nur in begrenztem Maße vorhanden sind. Das flotte Anpassen über die Plus- und Minus-Tasten auf der Tastatur löst das Problem unserer Meinung nach aber wunderbar und lässt uns Warcraft II dynamisch erleben. In der Erweiterung Beyond the Dark Portal, die ihr aber nicht nur aus Story-Gründen erst nach dem Hauptspiel angehen solltet, wird zudem größerer Wert auf Heldeneinheiten gelegt. Hier zeigt sich also schon früh, an welches Ziel Blizzard Entertainment mit der Warcraft-Reihe Anfang der 2000er-Jahre gelangen wollte.
Langzeitspaß trotz altbekannter Mankos
Neben den vier Kampagnen, von denen sich jeweils zwei sehr ähneln, können wir eigene Szenarien entwerfen. So wählen wir das Motto der Karte, die Umgebung, die Ressourcenmenge und die Anzahl an Parteien auf dem Schlachtfeld. Darüber hinaus bietet das Remaster, im Gegensatz zur Neuauflage des Seriendebüts, einen Mehrspielermodus. Hier können wir online einem Spiel beitreten oder selbst ein Spiel erstellen. Zum Testzeitpunkt am 15. März 2025 war auf den Servern aber nicht viel los. Es kann unter Umständen also dauern, bis eine Partie zusammenkommt. Dennoch ist mit diesen zusätzlichen Modi Langzeitspaß garantiert. Grundsätzlich lässt sich Warcraft II gut spielen. An manchen Stellen fühlt sich das Echtzeitstrategiespiel aber etwas fummelig an. Wollt ihr einem Arbeiter einen neuen Befehl geben, während dieser noch anderweitig beschäftigt ist, ist Eile geboten. Sobald der Arbeiter ein Gebäude betritt, verschwindet das Interface – es taucht auch nicht wieder auf, sobald der Arbeiter wieder zu sehen ist. Wie beim Remaster des ersten Teils sind viele Klicks inzwischen kontextsensitiv, werden aber nicht immer ausgeführt. Unter anderem gibt es Wegfindungsprobleme und manchmal wehren sich Einheiten nicht, wenn ihr Trupp angegriffen wird. Dieses Manko hätten wir im Remaster lieber nicht mehr erwartet. Hier hat Blizzard viel Potenzial verschenkt.
Aufgehübschte Grafik und Retro-Layout
Unter grafischen Gesichtspunkten ist Warcraft II Remastered ähnlich aufgebohrt wie der überarbeitete Vorgänger. Soll heißen, dass die relativ bunten Farben mit einem seichten Comic-Look positiv herausstechen. Selbst die Animationen fallen ähnlich putzig aus wie bei Warcraft: Orcs & Humans. Wahlweise können wir per Mausklick darüber hinaus jederzeit auf den alten Grafikstil wechseln – nur dann schrumpft leider auch das Breitbildformat auf einen 4:3-Bildausschnitt zusammen. Uns gefallen beide Grafikstile, wobei uns das Retro-Layout sogar ein klein wenig besser gefällt. Im Endeffekt ist dies aber wohl Geschmackssache. Beim Soundtrack hat sich ebenfalls einiges getan. So fühlt sich die virtuelle Kriegsführung mit den überarbeiten Melodien noch etwas mitreißender an. Wahlweise können wir über das Menü aber auch hier jederzeit zum leicht blechernen Original zurückkehren – unabhängig vom Grafikstil, was wir sehr begrüßen. Fraglich ist jedoch, warum Blizzard Entertainment die deutsche Synchronisation vom Remaster fernhält. Es gibt zwar deutsche Bildschirmtexte, aber die Missionsbeschreibung wird stets auf Englisch vorgelesen. Schlimmer hat es nur die inzwischen veraltete Warcraft II: Battle.net Edition getroffen, die jeder Käufer der Warcraft Remastered Battle Chest gratis dazu erhält. Diese Version ist vollständig auf Englisch gehalten, obwohl das Spiel in den 1990er-Jahren komplett lokalisiert veröffentlicht wurde. Schwach!
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit (basierend auf der PC-Fassung): Zu Warcraft II bin ich wahrhaftig erst sehr spät gekommen. So habe ich den Titel erstmals in den späten 2000er-Jahren erlebt. Dies hat meiner Faszination für das flotte Echtzeitstrategiespiel nicht geschadet. Ich kann mich noch sehr gut an Scharmützel bis tief in die Nacht erinnern, die mir viel Schlaf geraubt haben. Im Remaster von Warcraft II habe ich schon nach wenigen Spielminuten ähnliche Anzeichen gewittert. Mit der zusätzlichen Ressource Öl, den neuen Einheiten für das Meer und der Einführung des Nebels des Krieges, wie er aus vielen späteren Genretiteln genau so bekannt ist, hat sich Warcraft II in meinen Augen zu einem weiteren Meilenstein der Videospielgeschichte gemausert. Auch dass das zweite Remaster der Reihe online gespielt werden kann, ist ein großer Pluspunkt. Fraglich ist für mich aber, warum Blizzard Entertainment die deutsche Synchronisation außen vor lässt und die mitgelieferte Warcraft II: Battle.net Edition direkt ganz auf Englisch belässt, obwohl diese in den 1990er-Jahren komplett lokalisiert war. Das sind Fragen, auf die es keine Antworten gibt. Falls ihr euch aber fragt, ob ihr Warcraft II spielen solltet, so kann ich dies nur bejahen. Das Spiel macht Spaß, lässt sich je nach eigenem Ermessen schnell spielen und ist in jeder Hinsicht seinem Vorgänger überlegen.
Vielen Dank an Activision Blizzard für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Warcraft II Remastered!