Review: Fearless: Jenseits der Angst

Jeffrey Leon „Jeff“ Bridges ist seit den 1960er-Jahren im Filmgeschäft aktiv. Wenige Jahre bevor er mit The big Lebowski seinen wohl größten Hit lieferte, spielte er in Fearless: Jenseits der Angst die tragische Rolle eines Mannes, dem plötzlich nichts mehr Angst einjagen kann.

Keine Angst zu haben, kann zu mutigen als auch zu unbedachten Taten führen. So ergeht es zumindest Protagonist Max Klein im Drama Fearless: Jenseits der Angst aus dem Jahr 1993. Klein überlebt wie durch ein Wunder einen Flugzeugabsturz und verliert dadurch die Fähigkeit, sich zu fürchten. Nachdem er an der Unglücksstelle ein paar Leuten geholfen hat, verweilt er dort nicht und macht sich auf ins nächste Hotel. Ob Klein am Cotard-Syndrom leidet oder nur das Gefühl hat, gestorben zu sein und sich nun im Jenseits nach christlicher Vorstellung aufhält, lässt der Film offen. Fast schon apathisch reagiert er auf seine Frau und seinen Sohn, als er am nächsten Tag bei ihnen wieder auf der Matte steht – nachdem er mehr als vierundzwanzig Stunden als vermisst gemeldet und vom Federal Bureau of Investigation gesucht wurde. Er begreift nicht, wie es tatsächlich um ihn steht und begibt sich im Verlauf der Story gleich mehrfach in Gefahr. Dies steigert sich von mal zu mal. Er marschiert über eine viel befahrene Straße, tanzt auf dem Geländer auf der Spitze eines Wolkenkratzers und rast mit mehr als einhundert Stundenkilometer in einem Auto auf eine Wand zu. In Fearless, der nur in der deutschen Fassung den halbwegs albernen Untertitel Jenseits der Angst trägt, ist der Name Programm. Trotz der Prämisse fehlt es dem Film an Spannung. Das Drama ist viel zu seicht.

Sichtbare und nicht sichtbare Traumata

Um die zwei Stunden gelingt es dem Film von Regisseur Peter Lindsay Weir, unter anderem bekannt für Der Club der toten Dichter oder Die Truman Show, mit fast schon banaler Eintönigkeit den Zuschauer an den Bildschirm zu fesseln. Sympathisch kann die Hauptfigur wohl niemandem sein, aber wenigstens gelingt es Starman-Schauspieler Jeff Bridges, Klein nachvollziehbar zu porträtieren. Der Zuschauer fühlt mit ihm den Verlustschmerz seines Freundes, der mit ihm im Flugzeug saß, und die Freude, die er außerhalb seines Familienlebens entwickelt. Parallel wird Klein vom Psychologen Bill Perlman, gespielt von John Michael Turturro, begleitet, welcher die Fluggesellschaft ihm zur Seite stellt. Fearless: Jenseits der Angst verliert sich jedoch nicht in tiefenpsychologischen Analysen und kratzt höchstens an der Oberfläche, sodass Perlmans Arbeit eher in der Bewältigung der Ereignisse untergeht. Schließlich ist der Psychologe auch für alle anderen Menschen zuständig, die im Flugzeug saßen und Angehörige bei der Notlandung verloren haben. In der Gesprächsrunde, die eine ganze Szene des Dramas ausmacht, wird die Menschlichkeit der Opfer jedoch hervorragend sichtbar. Ans Licht kommen Schuldzuweisungen, Verdrängungen und Ausformulierungen der schrecklichen Geschehnisse, die ansonsten im gesamten Film angedeutet, aber nicht explizit gezeigt werden.

Furcht vor dem Leben

Mitunter wirft diese Auseinandersetzung, gerade bei einer US-amerikanischen Produktion, die obligatorische Frage auf, ob Gott nun existiert oder nicht. In Fearless werden klare Gegenpole gebildet, die Diskussion aber trotz oder gerade wegen der Ausblendungen anderer Religionen im Keime erstickt. Klein kommt über Perlman auch in Kontakt mit der von Rosa Maria Perez gespielten Carla Rodrigo, die durch das Unglück ihren zweijährigen Sohn verloren hat. Hierbei entstehen zum Leidwesen von Kleins Frau Laura, verkörpert von der aus Blue Velvet bekannten Isabella Fiorella Elettra Giovanna Rossellini, liebesähnliche Gefühle. All das verläuft ebenso im Sande, sodass der Zuschauer einerseits mit einer Ohnmacht und andererseits mit einem unterschwellig, aber nie erreichten hedonistischen Verlangen, konfrontiert wird. Für die Story und das Drehbuch verantwortlich war Rafael Yglesias, der auch Autor der Romanvorlage ist. Näher an der Vision der Vorlage zu sein, geht somit schon gar nicht – und doch hinterlässt der Film bis auf das dramaturgisch arg überspitzte Finale ein mulmiges Gefühl. Es wird nicht auf alle Fragen eine Antwort geben und damit ist Weirs Werk vielleicht echter als Filme, die ihre Botschaft auf stilisierte Weise an den Zuschauer vermitteln. Fearless hält uns ungeschönt den Spiegel des Lebens, der Liebe, der Freude und nicht zuletzt der Furcht vor.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der DVD-Fassung): Fearless ist ein Drama, das im Genre seinesgleichen sucht. Vor allem liegt das daran, dass dem Film Elemente wie Retardation oder Klimax schlicht fehlen. Regisseur Peter Weir und Drehbuchautor Rafael Yglesias zeichnen die Dramatik durchweg gleichbleibend, sodass die Geschichte für den Zuschauer durchaus anstrengend sein kann. Langatmigkeit ist wohl auch das größte Manko des circa zweistündigen Films, denn die restlichen Inhalte zeichnen durchaus menschliche wie ungeschönte Facetten. Liebe, Gleichgültigkeit, Trauer und Furcht sind die zentralen Themen, die in all der Ohnmacht immer wieder aufblitzen. Gerade Jeff Bridges und Rosa Perez gelingt es, ihren Rollen den richtigen Ausdruck zu verleihen, sodass der Zuschauer mit ihnen fühlen kann. Über diese Höhen des Schauspiels kommt der Film an anderer Stelle aber einfach nicht hinaus. Somit bleibt Fearless ein durchschnittliches Drama, aber immerhin ein ganz besonderes.

Vielen Dank an Plaion Pictures für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Fearless: Jenseits der Angst!

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