Review: Scream – Schrei!

Bis heute gilt Scream – Schrei! als einer der bedeutendsten Horrorfilme der 1990er-Jahre. Dies liegt daran, dass der Slasherfilm mit den Erwartungen der Zuschauer spielt, sie bis zu einem gewissen Grad sogar erfüllt, aber spätestens im großen Finale über den Haufen wirft.

In der fiktiven Kleinstadt Woodsboro geht ein Serienmörder um sich. Schon in der Eröffnungssequenz bekommt der Zuschauer mit, wie der Täter vorgeht. Die Oberschülerin Casey Becker ahnt nicht, dass der Killer sie bereits beobachtet, als sie den Telefonhörer abnimmt. Hierbei handelt es sich um eine der bekanntesten Szenen, die womöglich selbst jene Zuschauer kennen, die sich nur peripher mit Horrorfilmen beschäftigen. Scream spielt mit der natürlichen Angst der Zuschauer und zeigt bereits zu Beginn, dass ein Antagonist in einem Horrorfilm nicht zwangsweise übermenschlich wie ein Michael Myers aus der Halloween-Filmreihe gestrickt sein muss. Er macht Fehler, stellt sich tollpatschig an und lässt sich teilweise sogar verletzen. Er ist das genaue Gegenteil von dem, was der Zuschauer erwarten würde. Deshalb fiebert dieser gleich doppelt mit. Auf der einen Seite hofft er, dass die Opfer dem Killer entkommen – und auf der anderen Seite ist er erpicht darauf zu sehen, ob der Killer das Opfer doch noch erwischt. Ganz von seinen Vorbildern, die Scream alle paar Minuten unverblümt zitiert, kann sich das Werk, bei dem Horrorfilmlegende Wesley Earl „Wes“ Craven Regie geführt hat, aber nicht trennen. Es gibt kein Entkommen. Dies gilt sowohl für die meisten Protagonisten als auch für den Zuschauer, der dem Treiben fast zwei Stunden zusehen will.

Ins Lächerliche abgedriftete Horrorfilm

Trotz seines düsteren Anstrichs, der von einem Horrorfilm zuweilen auch erwartet wird, ist Scream kein bierernster Film. Es ist nicht nur der Antagonist, der sich hinter einer geisterhaften Maske versteckt, die klar an die auf Edvard Munchs Gemälde Der Schrei zu sehende Person angelehnt ist. Die einfachsten Ausweichmanöver seiner Opfer, bewusst oder unbewusst ausgeführt, sorgen dafür, dass er aus dem Konzept gebracht wird. Anstatt beispielsweise der im Mittelpunkt stehenden Sidney Prescott über einen leicht erreichbaren Umweg zu verfolgen, zwängt er sich ebenfalls durch eine kleine Lücke, nur um zu spät zu merken, dass er dort stecken bleibt. Darüber hinaus werden der Reihe nach Klassiker des Horrorfilmgenres zitiert – und das auf ulkige Art und Weise. In der Eröffnungssequenz wird Casey am Telefon beispielsweise gefragt, wie denn der Killer im Film Freitag, der 13. heißt. Dabei bleibt es aber nicht: An anderer Stelle eröffnet Tatum Riley ihrer besten Freundin Sidney die Möglichkeit, dass diese sich in einem Horrorfilm von Wes Craven befinden könnte. In einer weiteren Szene ist Wes Craven dann auch noch in seinem Cameo-Auftritt als Hausmeister der Highschool zu sehen, der noch dazu wie Freddy Krüger gekleidet ist. Der Charakter Randy Meeks stellt zwischenzeitlich für Scream alle Regeln des Horrorfilms auf, die sich aber nur teils bewahrheiten.

Erfolg mit etlichen Nachwirkungen

Obwohl Scream vor allem in den letzten Minuten derart ins Lächerliche abdriftet, ist es genau diese überraschende Wendung, weshalb der Film womöglich im Gedächtnis bleibt. Im Film selbst muss nämlich deutlich stärkerer Tobak als die Serienmorde überstanden werden, denn die Liebesbeziehung zwischen der von Neve Adrianne Campbell verkörperten Sidney und ihrem Freund Billy Loomis, der von Skeet Ulrich gespielt wird, ist zuweilen echt anstrengend. Trotzdem ist die Clique rund um die beiden, in denen unter anderem Matthew Lyn Lillard, Rose Arianna McGowan oder James Harvey „Jamie“ Kennedy als Darsteller zu sehen sind, echt unterhaltsam. Ja, die 1990er-Jahre waren schon zum Fremdschämen, aber Charme hatten sie trotz beängstigender Frisuren dennoch irgendwie. Aus der Menge heraus sticht jedoch Friends-Star Courteney Bass Cox als Reporterin Gale Weathers, die sowohl einstecken muss als auch austeilen darf. Drew Blythe Barrymore verleiht dem Film einen weiteren, wenn auch kleinen Akzent. Mit oder ohne Barrymore ist das Werk aus dem Jahr 1996 als finanzieller Erfolg zu bezeichnen. Anders wären Filmfortsetzungen, eine kurzweilige Serie und eine weitere Filmreihe, die Scream parodiert, nicht zu erklären. Ursprünglich sollte Scream übrigens wie die parodierende Reihe Scary Movie heißen. Ein Glück, dass dies verhindert wurde!

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der Blu-ray-Fassung): Tatsächlich hat es bei mir Jahrzehnte gedauert, bis ich Scream einmal in seiner Gänze erleben konnte. Ich bin froh, dass ich dieses Versäumnis nachgeholt habe. Obwohl ich der Ansicht bin, dass Scream eher ein mittelmäßiger Horrorfilm ist, kann ich dem Werk dennoch etwas abgewinnen. Der Film nimmt sich streckenweise überhaupt nicht ernst und überrascht gerade deshalb mit Wendungen, die kaum vorhersehbar sind. Wes Cravens Film ist aber definitiv leichte Kost im Verhältnis zu dem, was das Genre zu bieten hat. Um alle Gags verstehen zu können, sollten jedoch Grundkenntnisse über das Genre beziehungsweise bestimmte Filme bekannt sein. Andernfalls dürften manche Jokes nicht zünden. So sehr die Bewegungen des Serienmörders auf der Jagd nach seinen Opfern auch nach Klamauk aussehen, so wenig können diese den Humor sonst aufwerten. Scream verbeugt sich vor den großen Horrorfilmreihen und spielt daher regelrecht mit den Erwartungen des Zuschauers. Weitgehend werden diese auch erfüllt, aber eben nicht alle. Es macht Spaß, mitzurätseln, wer denn nun der Mörder ist – und genau das macht für mich schon ein wenig den Reiz des Films aus. Deshalb ich schlussendlich zu der Ansicht gelangt, dass ihn jeder Genrefan zumindest einmal in seinem Leben gesehen haben sollte.

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