Review: Sherlock & Daughter (Staffel 1)

Anfang 2026 überraschte die Fernsehserie Young Sherlock mit einem hohen Tempo, viel Witz und tollem Schauspiel. Dass im Jahr 2025 mit Sherlock & Daughter bereits eine weitere Sherlock-Holmes-Serie startete, haben möglicherweise selbst die größten Fans übersehen.

Sherlock Holmes gehört wohl zu den Romanfiguren, denen am häufigsten als Filmfiguren neues Leben eingehaucht wurde. Der 1995 verstorbene Peter Jeremy William Huggins, besser bekannt unter seinem Alias Jeremy Brett, wird von vielen Fans aufgrund seiner klassischen Darstellung des Charakters geschätzt. Benedict Timothy Carlton Cumberbatch wird hingegen für seine moderne Interpretation geliebt – und der US-Amerikaner Robert John Downey Junior pendelt sich irgendwo dazwischen ein. David Wheeler respektive David Thewlis reiht sich mit der Fernsehserie Sherlock & Daughter in diese Riege ein und spielt einen etwas gealterten Meisterdetektiv. Angesiedelt ist die Geschichte im Jahr 1896 und damit in den letzten Tagen des viktorianischen Zeitalters. Nach wie vor ist Holmes ein gefragter Mann, der von der Polizei zur Verbrechensaufklärung hinzugezogen wird. Allerdings wird Holmes schon in der ersten Folge der achtteiligen ersten Staffel entmachtet, da er am vermeintlichen Opfer einen roten Bindfaden entdeckt. Dies ist das Zeichen, dass ihn dezent darauf hinweist, nicht weiter an diesem Fall zu arbeiten. Kurz vor Einsetzen der Serienhandlung wurde seine Haushälterin Mrs Hudson und sein Freund und Assistent, Dr. John Watson, entführt. Würde er in Fälle, in denen ein roter Bindfaden auftritt, eingreifen, so würden Hudson und Watson sterben.

Ohne Faden gerät die Welt aus den Fugen

Ganz in Ohnmacht fällt Sherlock Holmes natürlich nicht – stattdessen bekommt er eine andere Assistentin an seine Seite gestellt. Anhand des Titels, Sherlock & Daughter, dürfte es nicht sonderlich überraschend sein, dass es sich hierbei um die angebliche Tochter des Detektivs höchstpersönlich handelt. Nach dem Tod ihrer Mutter verlässt Amelia Rojas Kalifornien und reist per Schiff nach London, um ihren Vater kennenzulernen. Während der Schiffsreise trifft Amelia die junge wie unbeholfene Clara Anderson, bei der es sich um die Tochter des US-amerikanischen Botschafters handelt. Wie es der Zufall so will, wird Clara kurz nach ihrer Ankunft in London entführt. Da auch in ihrem Falle ein ominöser roter Bindfaden auftaucht, sind Sherlock die Hände gebunden. Dies hindert seine Tochter jedoch nicht daran, selbst zu ermitteln. Mit der Zeit kommen immer mehr Geheimnisse ans Tageslicht und neue Figuren treten in Erscheinung. Dazu zählt beispielsweise Lady Violet Somerset, welche Clara und andere jungen Frauen in die feine Gesellschaft einführen will. Auch Daniel Moriarty, Sohn von Sherlocks Erzrivalen, tritt ins Rampenlicht und macht Amelia Avancen. Wie für eine Kriminalgeschichte typisch, fügen sich die einzelnen Handlungsstränge zu einem großen Ganzen und motivieren daher trotz des seichten Erzähltempos in jeder der 45-minütigen Episoden.

Spannung trotz Bruch mit dem Kanon

Dementsprechend fühlt sich Sherlock & Daughter wie ein einzelner, aber groß aufgeblähter Fall an. Aufgrund dessen, dass die Serie weniger modern ausfällt wie etwa Young Sherlock mit seinen actionreichen und humorvollen Einlagen, wird sie nicht jedem gefallen können. Fans der klassischen Sherlock-Interpretationen kommen trotz des Kanonbruchs aber voll auf ihre Kosten. Eine Tochter hatte Sherlock in allen Geschichten nie und Professor James Moriarty wird aufgrund seines hinzugedichteten Sohnes einmal mehr wichtiger gemacht, als er tatsächlich ist. Schlimm ist das aber nicht, da die künstlerische Freiheit bei der ohnehin nicht aus der Feder von Arthur Ignatius Conan Doyle stammenden Story dazu führt, sich mit ungeahnten Tatsachen zu beschäftigen. So gibt es viele Überraschungen, die für Spannung sorgen. Am Ende ist jedoch anzumerken, dass die Serie nur über ein begrenztes Budget verfügte. Die Kostüme und Kulissen passen, aber etwaige Effekte wirken veraltet. Nicht ganz zufriedenstellend ist auch die deutsche Synchronisation, da viele Stimmen gefühlt nicht zu den Gesichtern passen wollen. Wer die Serie im englischen Originalton schaut, kann nur englische Untertitel hinzuschalten. Zudem tauchen unabhängig der gewählten Tonspur häufig nur schwer lesbare deutsche Texte im Bild auf, die gerade Fans des Originaltons stören dürften. Schwach!

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der Blu-ray-Fassung): Als jemand, der erst im vergangenen Jahr alle Geschichten von Sherlock Holmes nachgeholt und verschlungen hat, habe ich mich sehr auf die neuen Verfilmungen des Stoffes gefreut. Sowohl Young Sherlock als auch Sherlock & Daughter lassen sich viele Freiheiten, da beide Werke in unbeleuchteten Lebensabschnitten des Meisterdetektivs Fuß fassen. Daran störe ich mich nicht, da mir auch die moderne Adaption mit Benedict Cumberbatch gefällt. Sherlock & Daughter entwickelt dank dem Schauspielduo David Thewlis und Blu Farias Hunt eine wunderbare Eigendynamik. Vater- und Tochterrolle ergänzen sich in allen acht Folgen hervorragend – und da Amelia noch in die Fußstapfen von Sherlock treten muss, erhält der Zuschauer nicht immer alle relevanten Informationen. Wie in den Geschichten erschließen sich viele Zusammenhänge erst dann, wenn Sherlock die Tatsachen kombiniert. Inhaltlich und schauspielerisch kann ich die erste Staffel empfehlen. Allerdings ist es etwas schade, dass dem Produktionsteam kein hohes Budget zur Verfügung stand. Kostüme und Kulissen wissen mich zu überzeugen, aber gerade in puncto Effekte hätte ich mehr erhofft. Selbiges betrifft die deutsche Synchronisation, die ich vor allem bei den zahlreichen Nebenfiguren als mittelmäßig einstufe. Dass im digitalen Bonusbereich lediglich ein fünfminütiges Featurette vorliegt, ist ebenso enttäuschend. Die erste Staffel von Sherlock & Daughter ist definitiv eine Empfehlung für Sherlock-Holmes-Fans, aber in Anbetracht der Popularität der Figur wäre von der ersten Staffel mehr zu erwarten gewesen.

Vielen Dank an Polyband für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Sherlock & Daughter (Staffel 1)!

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