Review: No More Heroes 2: Desperate Struggle

Eine Frau fragt: „Wie hast du mich gefunden?“ Der Mann antwortet schlicht und einfach: „Ich bin der Mann.“. Fans der Filme von Quentin Tarantino werden dieses Gespräch sofort einem epischen Meisterwerk zuordnen können, so passt es auch in eine ganz bestimmte Szene in diesem Spiel. Doch bis es dazu kommt, vergehen unzählige Spielstunden in Santa Destroy, der Spielwelt von No More Heroes 2.

Seit vielen Jahren fällt Schnee in der kalifornischen Stadt und wartet nur darauf rot gefärbt zu werden. Auf dem Dach eines Hochhauses lauert bereits Skelter Helter, der erste Gegner von Travis Touchdown. Der Aufzug nähert sich der Dachterrasse, der Feind zückt seine Knarren, die Tür öffnet sich und die ersten Schüsse vernimmt man in der Stille. Allerdings befindet sich Travis nicht in der Aufzugkabine. Plötzlich steht Travis neben seinem Widersacher und aktiviert sein Beam-Katana. Diese anschauliche Waffe ist am ehesten mit den Laser-Schwertern aus der Star Wars-Saga zu vergleichen. Ein erbitterter Kampf beginnt, welcher zusätzlich als Tutorial des Spiels dient. Während des Kampfes erfährt Travis, dass er Skelter Helters Bruder vor einigen Jahren umgebracht hatte. Nachdem Travis den Kampf für sich entscheiden kann, taucht Silvia Christel auf. Die Dame diente in der Vergangenheit des Protagonisten als eine Auftraggeberin, welche Travis dazu motivierte, der beste Attentäter von Santa Destroy zu werden. Im Gegenzug versprach sie ihm eine Nacht mit ihr.

Und die Flüsse färben sich rot

Gegen Ende des ersten Teils verschwand Silvia spurlos. Man kann sich also gut vorstellen, dass Travis überrascht und wütend ist, sie wiederzusehen. Erst lehnt er das Angebot ab, ein weiteres Mal die Rangliste der besten Attentäter zu erklimmen. Als am nächsten Morgen sein bester Freund von skrupellosen Gangstern getötet wird, kennt Travis keinen Morgen mehr und begibt sich auf einen Rachefeldzug gegen eine Vielzahl von gefährlichen Konkurrenten. Der Stil des Spiels ist dabei gekonnt in einem erwachsenen Cel Shading-Stil eingewickelt. Spätestens nachdem der erste Gegner des Spiels ins virtuelle Nirwana geschickt wurde,  weiß man als Spieler, dass der Titel nicht in Kinderhände gehört. Überzogene Brutalität in Form von riesigen Blutfontänen und ein erwachsener, wenn auch spezieller Humor dominieren das Spielerlebnis. Je nachdem auf welchem der zwei zu Beginn verfügbaren Schwierigkeitsgrade man in den Kampf zieht, warten mal mehr, mal weniger ausufernde Kämpfe auf einen.

Vier Wände – viel Schnickschnack

Normalerweise startet ein normaler Tag in Santa Destroy in Travis’ Motelzimmer. Die Räumlichkeit beherbergt einige interessante Freizeitbeschäftigungen. Trainiert man seiner Katze Jeanne erfolgreich die Pfunde ab, wird man gegen Ende des Spiels dafür belohnt. Wenn man seinen Fernseher einschaltet, darf man ein kurzweiliges Videospiel zocken und immer wieder neue Highscores aufstellen. Ein freispielbares Anime-Video winkt als Belohnung. Im Regal findet man mit zunehmender Spielzeit verschiedene Magazine, aus welchem Travis so einige Wrestling-Moves erlernen kann. Wenn man in den facettenreichen Spielabschnitten verschlossene Truhen aufbricht, erhält man unter Umständen neue Möbelstücke. Aus diesen zieht man keinen besonderen Nutzen, sie verschönern aber angenehm das Motelzimmer. Im Kleiderschrank werden Travis’ Kleidungsstücke aufbewahrt, die man vorher im Geschäft Area 51 erstehen kann. Von Jeans-Hosen, stilistischen T-Shirts und coolen Sonnenbrillen ist alles dabei, womit ein angehender Assassine Eindruck bei seinen Feinden schinden kann. Wer erfolgsorientiert durch das Spiel voranschreitet, darf später auch mit nacktem Oberkörper gegen die Gegnerhorden antreten.

Stadtrundfahrt

In No More Heroes 2 darf man keine offene Welt, wie noch im ersten Teil erwarten. Die (teilweise) langen Motorradfahrten wurden durch ein überschaubares Menü ausgetauscht. Je weiter man die Handlung vorantreibt, desto mehr Orte können aus einer Liste ausgewählt werden. Wichtige Orte, wie das Motelzimmer oder Silvias Agentur befinden sich ganz oben in der Auflistung. Am unteren Ende kleben die zahlreichen Nebenaufgaben des Spiels, in denen man virtuelle Dollar verdienen kann. Will man das eigene Geld in kein neues Beam-Katana oder Unmengen an Kleidungsstücke investieren, darf man die virtuelle Währung auch im Fitness-Studio lassen. Ein homosexueller Trainer steht bereit, um Travis’ Muskeln und Gesundheit aufzubauen. Dazu ist die Bewältigung eines Minispiels vonnöten, dass mit ansteigender Spieldauer immer schwieriger wird. Selbst Profis werden nach den ersten (leichten) Übungen ins Schwitzen kommen. An dieser Stelle verzeiht das Spiel keine Fehler, besticht dafür mit einem speziellen Look.

Retroperspektive

Egal ob man nun im Fitness-Studio trainiert oder einem der zahlreichen Minispiele nachgeht, orientiert sich der Stil bis auf ein Minispiel an der glorreichen 8Bit-Ära. Grafik, Soundeffekte erinnern stark an Zeiten des Nintendo Entertainment System. Während man für die Fitness das Geld sprichwörtlich aus dem Fenster schmeißt, verdient man sich mit den kurzweiligen Nebenaufgaben den einen oder anderen Dollar dazu. Es dürfen Steaks für hungrige Kunden gebraten werden, mit einem Miniroller über den Highway gerast, Insekten mit dem entsprechenden Spray in den Insektenhimmel geschickt, Kokosnüsse gesammelt oder Fließen, sowie Rohre verlegt werden. Einer unserer Favoriten ist das Einsammeln von Müll im Weltraum. Obwohl es im dritten und vierten Spielabschnitt des Minispiels sehr ärgerlich sein kann, wenn man von einem Asteroiden getroffen und wieder zurück ins Spaceshuttle geschickt wird, kann man bei dieser Spielerei mit einem kleinen Trick in kurzer Zeit große Geldmengen anhäufen. Dazu braucht man nichts weiter zu tun, um alle Müllhaufen (bis auf einen) einzusammeln und zu warten, bis einem der Sauerstoffvorrat ausgeht. Mit dem nächsten Versuch schnappt man dann das letzte Stück und kassiert fast einhunderttausend Dollar alleine durch den wieder auf drei Minuten zurückgesetzten Zeitbonus. Ein Spielfehler, der bei der Qualitätskontrolle übersehen wurde.

Kill Bill

Außerdem ist es möglich, bei einer vollbusigen Dame neue Beam-Katanas zu erwerben, welche unterschiedliche Spielgefühle vermitteln. Unhandliche Schwerter richten mehr Schaden an und leichte Waffen schwächen die Gegner nur geringfügig. Bevor man gegen die starken Bossgegner antreten darf, erhält man von Auftraggeberin Silvia eine kurze Einweisung. Danach darf man sich erst einmal gegen unzählige (stupide) Gegnerhorden kämpfen. Der Titel besticht nicht gerade mit vielfältigen Angriffsmethoden – trotzdem werden die Kämpfe gut inszeniert. Blut spritzt stilistisch in alle Richtungen und trägt zum abgefahrenen Spielerlebnis bei. Nach einigen eliminierten Gegnerhorden, schaltet man den nächsten Abschnitt des Levels frei, wo das ganze Spielchen wieder von vorne beginnt. Mit etwas Glück und guter Trefferquote ist es ebenfalls möglich, das Zeitgefühl der Feinde kurzzeitig zu verlangsamen oder sich in einen gefräßigen Tiger zu verwandeln. Eine tolle Abwechslung wenn man bedenkt, dass die Batterien des Beam-Katana nicht ewig halten. Um diese aufzuladen muss man die Waffe (in dem Falle die Wii Remote) wie verrückt schütteln – im Spiel führt Travis eine Aktion aus, die bei vielen pubertären Jungs zum Schmunzeln bringen sollte. Nach unzähligen Bestellungen der roten Suppe, darf man dem Obermotz von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen.

Godzilla gegen Mech-Godzilla

Während der Titel größtenteils mit wenig facettenreichen Gegnern daherkommt, machen das die abgefahrenen Bosskämpfe wieder wett. Bei einem Bosskampf werden Klingen gekreuzt und in einem anderen Kampf schlüpft man in das Cockpit eines Riesenroboters und bekämpft eine sehr ähnliche Gestalt mit gewaltigen Angriffen. Schießwütige Cowboys und aus dem All zurückkehrende Astronauten erledigen den Rest. Um die Angriffstechniken der Bossgegner zu durchschauen, vergeht einige Zeit. Hat man die feindlichen Manöver aber erst einmal verinnerlicht, macht es umso mehr Freude, sich dem Fiesling gegenüberzustellen. Wiedersehen mit bekannten Charakteren aus dem ersten Teil sind nicht ausgeschlossen. Zwei Bossgegner dürfen sogar mit anderen Charakteren bekämpft werden. Zum einen wäre da Shinobu, die unsterblich in Travis verliebt ist. Sie verfügt zwar über kein Beam-Katana, kann dafür aber entfernte Höhen mit gezielten Sprüngen erreichen. Außerdem ist Travis’ Zwillingsbruder Henry mit von der Partie – welche Rolle er einnimmt, möchten wir an dieser Stelle allerdings nicht verraten. Sofern die spielbaren Charaktere im Kampf verwundet werden sollten, kann man ihre Energieleiste mit herumliegenden Pizzen wieder auffüllen.

Stilistisches Meisterwerk

Die Handlung von No More Heroes 2 wird mit sehr gut inszenierten Zwischensequenzen vorangetrieben. Bis die letzte Szene über den Bildschirm flattert, vergehen durchschnittlich mindestens zehn Spielstunden. Wer das Spiel komplett durchforsten möchte, darf mit der doppelten Spielzeit rechnen. Profis und Experten freuen sich nach dem Durchspielen über den dritten Schwierigkeitsgrad. Warum dieser noch nicht von Anfang an zur Verfügung steht, ist uns ein Rätsel. Dafür punktet dieser nette Zusatzinhalt wahrhaftig mit sehr, sehr schwierigen Herausforderungen. Leider kann die Steuerung nicht durchgehend überzeugen. Selten wirkt diese etwas ungenau und wird von einer selten schlecht positionierten Kamera zusätzlich zu einem Ärgernis degradiert. Wer kein Problem mit überzogener Brutalität und zahlreichen Blutfontänen hat, ist bei No More Heroes 2 gut aufgehoben. Kaum ein anderes Spiel auf der Wii besticht mit einer ausufernden Handlung, die mit einem erwachsenen und düsteren Humor aufgewertet wird. Wir können das Spiel jedem Fan von Action- und Splatter-Filmen ans Herz legen.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit: Sicherlich weißt der Titel in einigen spielwichtigen Punkten einige kleine Mängel auf. Die Steuerung wirkt manchmal etwas ungenau, die Kameraperspektive muss meist selbstständig positioniert werden und viele der stupiden Gegner könnten aus einer Klonfabrik stammen. Trotzdem hat es mir der Titel angetan. In kaum einem anderen Spiel auf der Wii gibt es eine derart ausgeklügelte Handlung, die mit vielen Wendungen und dem nicht zu letzt oft hoch gelobten Humor in den Dialogen bestechen kann. In kaum einem anderen Spiel traut sich ein Entwickler so viele verschiedene Ideen in ein Spiel zu packen. Da verzeihe ich gerne, dass man den eigentlichen Open World-Aspekt des ersten Teils fast vollständig aus dem Spiel entfernt hat. Mir wäre es lieber gewesen, wenn man diesen Anteil ausgebaut und verbessert hätte. Nach dem mehr oder weniger offenen Ende hoffe ich aber inständig darauf, dass in den nächsten Jahren bald der dritte Teil der Reihe erscheint. Ich bin zuversichtlich, dass man den sehr guten zweiten Teil in Punkto Präsentation nochmals steigern kann. Bis es soweit ist, beiße ich mir am letzten Schwierigkeitsgrad die Zähne aus.

Kommentiert diesen Beitrag oder diskutiert mit uns darüber im NextGen-Forum!

Hinterlasse einen Kommentar