Comicverfilmungen gibt es wie Sand am Meer. Während Marvel Comics und DC Comics fast jährlich ihre Helden und Anti-Helden auf die Kinoleinwand schicken, werden Verfilmungen von Mangas hierzulande stiefmütterlich behandelt. Einer der wenigen Filme hört auf den Namen Ikigami: Der Todesbote. Obwohl dem Streifen bis heute keine deutschsprachige Synchronisation widerfahren ist, sollte er definitiv nicht außer Acht gelassen werden.
Das fiktive Japan in Ikigami: Der Todesbote wird von einem totalitären System beherrscht. Überall lassen sich Überwachungskameras finden, damit sich die Bevölkerung in Sicherheit wiegen kann – auf Kosten der Privatsphäre in der Öffentlichkeit. Damit das japanische Volk das Leben zu schätzen lernt, führt die Regierung flächendeckende Impfungen durch. Jedes Kind im Grundschulalter kommt um diese Notwenigkeit nicht herum, doch nur jede tausendste Spritze vermittelt eine todbringende Kapsel. Zwischen dem achtzehnten und fünfundzwanzigsten Geburtstag platzt die Kapsel auf und tötet die betroffene Person sofort und schmerzlos. 24 Stunden vor dem Eintreffen des Todes überbringen speziell ausgebildete Todesboten dem Opfer ein so genanntes Ikigami, einen Todesbescheid. Der junge Fujimoto ist einer dieser Boten und muss sich mit den Gefühlen und Reaktionen der Todgeweihten auseinandersetzen.
Liebesgrüße aus Tokyo
Ikigami: Der Todesbote erzählt durchweg Fujimotos Geschichte, doch vorwiegend werden die Erlebnisse der unfreiwillig zum Tode verurteilten Personen und deren Angehörige erzählt. So berichtet der Film unter anderem von zwei Freunden, die einst gemeinsam auf offener Straße musizierten, doch von einer kapitalistischen Plattenfirma entzweit werden. Wir erleben außerdem die traurige Leidensgeschichte des Sohnes einer Wahlkampfkandidaten der konservativen Partei, welcher erst Suizid begehen möchte, dann aber von seinem Bescheid erfährt und das Problem mit Gewalt lösen möchte. Zu guter Letzt sei die unbeirrbare Liebe eines Bruders zu seiner blinden Schwester genannt, die vom Todesbescheid getrübt wird, aber dennoch liebevoll und gefühlsbetont an die Zuschauer nähergebracht wird. Alle Geschichten beeinflussen Fujimoto, der mehr und mehr am System zweifelt.
Leben ohne Menschenrechte
Meinungsfreiheit wird im fiktiven Japan in Ikigami: Der Todesbote kleingeschrieben. Jeder Mensch, der etwas am System auszusetzen hat und seine Meinung offen kundtut, wird ruhig gestellt, als Gedankenverbrecher verhaftet und für Jahre ins Gefängnis gesteckt. Regisseur Tomoyuki Takamoto hat es vortrefflich geschafft, eine depressive, funktionierende Welt zu schaffen, die jeden Zuschauer zum Denken anregt. Sicherlich hat das totalitäre System seine Vor- und Nachteile, doch würde es zu viele grundlegende Gesetze außer Kraft setzen und die Würde eines jeden Menschen verletzen. Ikigami: Der Todesbote zeigt jene Welt, die sich nicht gegen ein solches System gewehrt hat. Obwohl die Handlung auf manche Zuschauer befremdlich wirken wird, akzeptiert man sie bereits nach wenigen Minuten und kann ihr der gesamten Spieldauer von circa 135 Minuten jederzeit sehr gut folgen.
Japanische Filmkunst
Wie anfangs bereits erwähnt, ist der Film in Deutschland zwar auf DVD erhältlich, doch eine deutschsprachige Tonspur suchen wir vergebens. Die Manga-Verfilmung ist ausschließlich im japanischen Originalton auf dem Datenträger enthalten. Deutsche Untertitel werden jederzeit unterlegt und konnten auf unserem Testgerät (leider) nicht deaktiviert werden. Das Bild wirkt durchweg frisch und ist im zukunftssicheren 16:9-Format gehalten. Zusätzlich zum Film sind auf der DVD drei kurze Specials zu finden, die in einer Gesamtlaufzeit von circa fünfzehn Minuten Informationshappen über die Welt von Ikigami: Der Todesbote verlauten lassen. Es sind außerdem kurze Interviews mit den Darstellern inbegriffen, die sich darauf beziehen, was sie machen würden, wenn sie einen Todesbescheid bekämen. Leider ist das Bonusmaterial in Anbetracht des wirklich guten Films schwach ausgefallen. Fans des Manga und aus Japan stammenden Filmen kommen um Ikigami: Der Todesbote definitiv nicht herum.
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit (basierend auf der DVD-Fassung): Als ich das Rezensionsexemplar zu Ikigami: Der Todesbote endlich in Händen hielt, traute ich anfangs meinen Augen nicht. Der Film ist nur auf Japanisch auf dem Datenträger enthalten. Nachdem ich den Streifen aber nun gesehen habe, wird mir bewusst, dass man den Film mit einer deutschen Synchronisierung womöglich verstümmelt hätte. Die japanischen Darsteller wie Shota Matsuda, Takayuki Yamada oder Takashi Tsukamoto verkörpern ihre Rollen so gut, dass es schwierig wäre, passende deutsche Sprecher zu finden. Die Untertitel haben mir dann auch ausgereicht, damit ich der Handlung folgen konnte. Traurig-schöne Geschichten haben Ikigami: Der Todesbote zu einem Genuss gemacht, denn selten habe ich in einem Film gesehen, dass sich mehrere Handlungsstränge so gut auf eine einzelne Figur (Fujimoto) ausgewirkt haben. Schnell habe ich mich in einer fiktiven Welt verloren, wo – für uns unnötige – Todbescheide einzig allein der Prosperität des Landes dienen. Das totalitäre System funktioniert in Ikigami: Der Todesbote sehr, sehr gut, doch glaub ich nicht, dass ich in so einer Welt leben möchte. Es ist wichtig, dass es auch weiterhin Filme wie diesen geben wird, welche uns die Problematik vor Augen halten – ansonsten könnte unsere Realität schnell zu Science-Fiction verkommen!
Vielen Dank an Anime Virtual für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars von Ikigami: Der Todesbote!