In den letzten Jahrzehnten bedienten sich viele Hollywood-Blockbuster wie etwa Timecop, die Terminator-Reihe oder die Zurück-in-die-Zukunft-Trilogie an der Zeitreise-Thematik. Was in der Praxis (noch) nicht möglich ist, wird zu gerne als Dreh-un-Angelpunkt eines guten Science-Fiction-Film genommen. In Animes wird dieses Thema leider viel zu selten, dafür umso kreativer erörtert.
Das Mädchen, das durch die Zeit sprang ist einer dieser wenigen Animationsfilme, der sich mit Zeitreisen beschäftigt. Der Film dreht sich um die 17-jährige Schülerin Makoto Kanno, die immer noch nicht weiß, was sie aus ihrem Leben machen möchte. Anstatt sich Gedanken über ihre Zukunft zu machen, genießt sie lieber den Sommer und spielt jeden Nachmittag nach der Schule mit ihren beiden Freunden Kōsuke und Chiaki Baseball. Ihr Leben soll sich allerdings schlagartig ändern, als sie eines Tages ein paar Schulhefte aus der Klasse ins obere Stockwerk tragen soll. Sie rutscht auf einem nussähnlichen Objekt aus, als sie plötzlich einen Schatten im Raum ausmacht. Erst denkt sie sich nichts dabei, aber als auf dem Nachhauseweg die Bremsen ihres Fahrrads versagen und sie mit Ach und Krach in einen vorbeisausenden Zug donnern würde, geschieht etwas Merkwürdiges. Die Zeit hält an und dreht sich ein paar Minuten zurück. Als sie auf dem Boden liegend bemerkt, dass sie eine Mutter umgefahren hat und am Fuße des Abhangs gerade der Zug an ihr vorbei brettert, realisiert sie dass wohl etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Später erklärt ihr ihre Tante, dass sie wohl durch die Zeit gesprungen sein muss. Angeblich sollen viele junge Mädchen diese Fähigkeit haben.
Time waits for no one
Makoto glaubt nicht so recht an die Geschichte ihrer Tante, doch lässt sie der Gedanke nicht los, dass sie vielleicht doch Recht damit haben könnte. Sie läuft zum Fluss und springt mit schnellem Tempo über die Klippe – ein weiterer Zeitsprung findet statt. In der nächsten Zeit versucht sie ihre peinlichen Missgeschicke oder Fehler in einer Klausur zu korrigieren, indem sie immer mal wieder ein Stück zurück in der Zeit springt. Schon bald fängt sie damit an, dass Schicksal ihrer Mitmenschen zu beeinflussen, gar zu verändern. Obwohl sie gute Absichten hat, verwischt sich schon bald der Zeitstrahl mit möglichen Alternativen. Die baldige Ausschöpfung der Zeitsprungmöglichkeit und das Geheimnis einer ihrer Freunde setzen ihr zusätzlich zu, was im Film eine gewisse Anspannung erzeugt. Obwohl der Anime sich einer wenig komplexen Form der Zeitreisethematik annimmt, regt er trotzdem zum Denken an. Ist es menschlich, seine Fehler rückgängig zu machen und zu verbessern? Erschaffen wir damit nicht eine bessere Welt? Würden wir damit den Anstoß zu einer Reihe unvorherbestimmter Ereignisse auslösen? Solche und weitere Fragen stellen wir uns nach dem Film. Wenn jeder Mensch diese Fähigkeiten hätte, würden wir paradoxe Gegebenheiten heraufbeschwören und unser Universum (in der Theorie) selbst zerstören.
Zeitloses Zusammenspiel
Über dieses Thema könnten wir stundenlang diskutieren, doch zu einem Ergebnis würden wir nicht kommen. Lieber möchten wir euch weitere Eindrücke zu Das Mädchen, das durch die Zeit sprang liefern. Inhaltlich kann uns der Film voll und ganz überzeugen. Die Geschichte wird an keiner Stelle überdreht dargestellt und bleibt im Raum unserer Vorstellungskraft jederzeit logisch und leicht verständlich aufgebaut. Die auftauchenden Charaktere verfügen alle über eine unterschiedliche Persönlichkeit und verfügen über die Fähigkeit, die Handlung zur Nebensache verkommen zu lassen und sich stattdessen in die Figuren hinein zu versetzen. Der circa 95-minütige Film wird im säuberlichen 16:9-Format präsentiert. Hintergründe und auch die Charakterzeichnungen sind den Zeichnern des Animes sehr gut gelungen und passen ebenso gut zueinander. Musikalisch gibt es übrigens wirklich was auf die Ohren. Die Komponisten setzen verstärkt auf Klavierstücke, die stark an Musiker wie Bach oder Chopin erinnern. An einigen Stellen wurden diese Stücke sogar neu aufgenommen und verwendet. Dazu kommt das schöne Titellied, gesungen von Hanako Oku. Auch die (deutschen und japanischen) Synchronstimmen wurden sehr gut ausgewählt, denn keine Stimme ist fehl am Platz. Wer seine Sprachkenntnisse in Französisch und Italienisch aufbessern möchte, darf sich über zwei weitere Tonspuren in eben diesen Sprachen freuen. Holländische, italienische, französische und deutsche Untertitel werden ebenfalls angeboten.
Mamoru Hosodas Meisterwerk
Wer die Werke von Regisseur Mamoru Hosoda kennt, weiß dass man mit seinen Filmen im Grunde nichts falsch machen kann. Selbst die nebensächlichen Soundeffekte wie das Zirpen der Grillen erzeugen eine beachtliche Atmosphäre. Das Mädchen, das durch die Zeit sprang ist dabei keine Ausnahme. Bereits im Januar berichteten wir über sein neuestes Werk Summer Wars. Wer diesen Anime schon mochte, wird auch mit Das Mädchen, das durch die Zeit sprang glücklich sein. Besonders die Collector’s Edition hat es in sich. Mehr als vier Stunden Bonusmaterial befinden sich auf den beiden Bonus-DVDs. Interviews mit dem Regisseur, dem Produzenten und dem Autor des Originalwerkes, sowie ein Zusammenschnitt einer Pressekonferenz und die Vorstellung des Films auf der Premiere in Japan überzeugen uns in vollem Maße. Hinzu kommen noch ein Booklet mit vielen Informationen zum Inhalt des Films und der Charaktere, sowie ein 450-seitiges Storyboard. Als besonderes Schmankerl liegt dieser Edition noch ein originaler Filmstreifen bei – und wer kann schon von sich behaupten, so ein Stück in seiner Sammlung zu beherbergen. Diese Edition ist ein Muss für jeden Mamoru-Hosoda-Fan!
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit (basierend auf der Collector’s Edition): Mir hat der Anime Das Mädchen, das durch die Zeit sprang sehr gut gefallen. Wer mich besser kennt weiß, dass ich mich sehr für Zeitreisen und der Vorstellung parallel existenter Welten interessiere. Dieser Film verbindet in gewisser Weise beide Ideen. Zu erst das ständige Zurückkehren zu früheren Ereignissen und dann die somit entstandenen neuen Begebenheiten. Ich ging mit den Erwartungen an den Film, dass Makoto irgendwann aus ihren Fehlern lernt und ähnlich wie Bill Murray in Täglich grüßt das Murmeltier einen wiederkehrenden Tag so lebt, bis er perfekt wird. Eine Wende in der Handlung hat mich eines Besseren belehrt und ich bin froh darüber, denn das Ende lässt mehr Freiraum zum Interpretieren als so manch anderer Streifen in diesem Genre. Obwohl Science-Fiction-Elemente in diesem Anime aufgegriffen werden, so ist es doch mehr ein Abenteuer mit einem guten Stück Lovestory. Über das Bonusmaterial kann ich ebenfalls nicht meckern, denn selten habe ich so viele Zusatzinformationen bekommen, wie bei Das Mädchen, das durch die Zeit sprang. Massenweise Interviews und selbst das Storyboard hat mir sehr imponiert und spornt mich tatsächlich dazu an, den Film wieder und wieder zu sehen – und das immer wieder mit einer Betrachtung aus einem anderen Blickwinkel. So unterhält mich das mehrfache Anschauen dieses wundervollen Animes gleich doppelt so oft! Genial!
Vielen Dank an Anime Virtual für die freundliche Bereitstellung der Collector’s Edition von Das Mädchen, das durch die Zeit sprang!