Review: Der Herr der Ringe: Der Krieg im Norden

Spätestens nachdem die Der-Herr-der-Ringe-Trilogie zu Beginn des letzten Jahrzehnts über die Kinoleinwände flimmerte, dürfte so gut wie jeder die Geschichte von dem Hobbit Frodo und dem Einen Ring kennen. Über den Krieg im Norden wissen hingegen nur wenige.

Das Abenteuer unserer drei Helden Eradan, Farin und Andriel beginnt wenige Tage, bevor Frodo im Tänzelnden Pony in Bree eintrifft, um mit Aragorn nach Bruchtal zu reisen. In jenem Gasthaus treffen wir ebenfalls auf besagten Waldläufer, der allerdings darauf pocht, Streicher genannt zu werden. Unsere Gefährtenrunde berichtet ihm davon, dass eine Gruppe Dúnedain an der Sarnfurt von bösen Schergen überfallen wurde. Diese wurden anscheinend von einem dunklen Gefolgsmann Saurons namens Agandaûr angeführt. Aragorn erkennt, dass der Ring im Auenland nicht mehr sicher ist. Er schickt unsere Helden aus, um die Waldläufer an der Sarnfurt zu unterstützen. Daraus entwickelt sich im Verlauf der Handlung immer mehr ein Feldzug gegen Agandaûr und seine Streitmacht, denn Saurons Arm reicht nicht nur nach Gondor und Rohan. Der Krieg wütet im Norden Mittelerdes und Eradan, Farin und Andriel müssen alles dafür tun, damit die Gemeinschaft des Ringes von Bruchtal aus gefahrlos in den Süden reisen kann, damit schlussendlich der Ring in den Feuern des Schicksalsberges zerstört werden und der Frieden wieder in der Welt einkehren kann. Die Handlung von Der Herr der Ringe: Der Krieg im Norden spielt parallel zu den drei Bänden des Fantasy-Epos beziehungsweise zu den drei Spielfilmen von Regisseur Peter Jackson. Diese Verbundenheit spüren wir während des Handlungsverlaufs immer mal wieder, denn in Bree und Bruchtal treffen wir nicht nur auf Teile der neun Gefährten, sondern auch auf bekannte Gesichter wie Elrond, Arwen oder Bilbo.

Handlung mit atmosphärischen Schwächen

Diese Begegnungen sind erheiternd und motivieren uns grundsätzlich, der Story zu folgen und dabei auch noch Bruchstücke der Ring-Saga zu erfahren beziehungsweise zu erleben. Dabei haben die Entwickler aber einen entscheidenden Fehler gemacht, denn viele Dialoge und auch die (teils wirklich fehlplazierten) Synchronsprecher versprühen nicht annähernd das Gefühl, welches wir von einem Spiel im Der-Herr-der-Ringe-Universum erwarten. Gespräche wirken oft aufgesetzt, in seltenen Fällen unterhalten sich dann auch schon mal zwei Charaktere mit einer gemeinsamen Stimme und gelegentlich vergessen die Charaktere auch schon mal, ihre Lippen zum Sprechen zu bewegen. Während die Handlung theoretisch spannend klingt, ist es im Grunde nur ein Abklappern von mal mehr, mal weniger bekannten Orten aus Buch und Film. Während sind der Anfang unserer Meinung nach unnötig in die Länge zieht, können die letzten Abschnitte dann wiederum (mit guter Handlung) absolut überzeugen. Insbesondere die Stellen in der Zwergenfeste Nordinbad wissen zu glänzen. Das eigentliche Ende wirkt dann wiederum ein wenig befremdlich, denn im Spiel wird an keiner Stelle deutlich, dass mehr als ein Jahr vergangen ist, seitdem unsere drei Gefährten von Bree aufgebrochen sind. Zugegeben – das hat auch Peter Jackson mit seinen drei Filmen nicht so wirklich geschafft. Dafür steht der Titel aber in Einklang mit den Kampfszenen der Spielfilme, denn Orks, Trolle, Untote und alle anderen Ungeheuer werden brutal bekämpft und schlussendlich hingerichtet.

Falscher Zauber

Das Blut ist und bleibt dabei allerdings schwarz, rote Grütze ist niemals zu sehen. Da stört uns schon mehr, dass die Entwickler es nicht geschafft haben, Tolkiens Zauberwelt richtig zu interpretieren. Von der ganzen Magie, die von Hoffnung und Dunkelheit bestimmt wird, ist in Der Krieg im Norden nur sehr wenig zu sehen. Dies ist zwar ein schwieriges Unterfangen, aber absolut möglich: Der Herr der Ringe Online beweist dies seit 2007, hier hätte man sich also hervorragend inspirieren können. Dies sind allerdings nicht die einzigen Negativpunkte, mit denen wir leben müssen. Bereits der unübersichtliche Startbildschirm lässt nichts Gutes verhoffen. Trotzdem lassen sich diese negativen Punkte fast allesamt vergessen, sobald wir uns einmal im Kampfgetümmel befinden. Nachdem wir uns im Startmenü für einen der drei Charaktere, welche in die drei unterschiedlichen Klassen des Waldläufers (Mensch Eradan), des Champions (Zwerg Farin) und der Lehrmeisterin (Elbin Andriel) eingeteilt sind, dürfen wir uns auch schon ins Geschehen stürzen. Während wir in den Städten das Aussehen unserer Charaktere jederzeit verändern können und die Handlung ins Rollen bringen, treiben wir diese erst in den umliegenden Gebieten, wie den Hügelgräberhöhlen wirklich voran. Dort metzeln wir uns regelrecht durch Orkhorden. Mit einfachen Schlägen schwächen wir unsere Gegner und sobald ein gelbes Dreieck über dem Kopf des Feindes erscheint, heißt es einen starken Angriff zu starten, welcher in vielen Fällen ein Finalschlag beim jeweiligen Gegner sein wird.

(Un)talentierte Gemeinschaft

Zudem können wir auch noch einen Adler zur Unterstützung rufen, um gefährlichere Feinde schneller aus dem Weg zu räumen. Für jeden besiegten Gegner erhalten wir Erfahrungspunkte. Haben wir genügend Bestien ins virtuelle Nirwana geschickt, steigen wir eine Stufe auf. Für jeden neuen Level, den wir mit unserem Charakter erreichen, dürfen wir zunächst drei Punkte auf Attribute wie Stärke, Wille, Geschick oder Ausdauer verteilen. Diese Verteilung ist sehr wichtig, da diese mit darüber entscheidet, welche Ausrüstung wir überhaupt tragen dürfen, doch dazu später mehr. Für jeden Level ist es uns zudem möglich, einen Punkt auf eine Spezialfähigkeit zu verteilen. So meisterten wir mit Waldläufer Eradan diverse Talente, wie den Waldläuferschlag, um noch mehr Schaden bei unseren Feinden anzurichten zu können. Oder wir erlernen eine Fertigkeit, um direkt mehrere (kleine) Gegner auf einmal umzuwerfen. Diese Fähigkeiten sind zahlreich vertreten und vor allem unterschiedlich – das erhöht den Wiederspielwert (geringfügig, wie ihr gleich lesen werdet). Wir dürfen uns aber keinesfalls entspannt zurücklehnen, wenn wir einen Level mit unserem Charakter aufgestiegen sind. Die Gegner schrecken nämlich auch nicht vor unfairen Angriffen zurück. Da werden wir schon mal öfters in die Ecke gedrängt und todgeprügelt oder sofort umgeworfen, wenn wir nach einem Sturz aufstehen möchten. Wenn wir im Sterben liegen, ist das Spiel aber noch nicht zwangsweise vorbei. Da wir immer von zwei Computercharakteren begleitet werden, könnten uns diese rein theoretisch wiederbeleben. Die künstliche Intelligenz der Gegner ist aber ebenso unfair zu unseren stupiden Gefährten, weshalb das oft nicht gelingen mag.

Brenzlige Situationen

Um uns wiederzubeleben, muss sich einer unserer Gefährten für ein paar Sekunden neben uns aufhalten. In dieser Zeitspanne wird jener Charaktere zu hoher Wahrscheinlichkeit von einem Gegner zu Boden geworfen und vermutlich auch getötet, zumal die Spielfigur anschließend sofort wieder versucht, uns neues Leben einzuhauchen, anstatt den Angreifer zu bekämpfen. Da dem Gefährten vermutlich dasselbe Schicksal ereilen wird, ist ein Neustart ab dem letzten Kontrollpunkt unumgänglich. Die beschriebene Situation passiert bei jeder Sitzung öfters und ist sehr nervig, zumal alle Erfolgserlebnisse seitdem zurückgesetzt werden. In dieser Zeit gefundene Ausrüstung muss neu angelegt (wenn wir sie überhaupt wieder finden, da viele Objekte rein zufällig platziert sind) und Punkte nach Level-Aufstiegen neu verteilt werden. Auch der kürzlich (auf der PlayStation 3) erschienene Patch hat das nicht spürbar verbessert. Wir können nicht verstehen, wie die Entwickler diesen gravierenden Fehler bei der Qualitätssicherung übersehen haben. Wir merken an allen Ecken und Kanten, dass der Titel in erster Linie auf den Online-Modus baut. Hier können wir uns dann auch mit zwei Mitspielern absprechen. Tode sind dann definitiv sehr viel seltener und das oft immer gleich ablaufende Standardprogramm der vom Computer gesteuerten Charaktere ist dann auch passé. Sind wir mit menschlichen Mitspielern in Mittelerde unterwegs, macht das Erkunden der Spielwelt auch weitaus mehr Spaß. Dunkle und gefährliche Ecken braucht man nun nicht mehr meiden, da Unterstützung von Freunden jederzeit gewährleistet werden kann.

Lineare Areale

Außerdem sehen sechs Augen mehr als nur zwei, denn hin und wieder nehmen wir in den Städten auch Nebenaufträge an, bei denen wir zum Beispiel Athelas-Pflanzen, bestimmte Edelsteine oder Mineralien sammeln müssen. Diese finden wir zwar auch alleine sehr gut, doch einige der Quest-Gegenstände lassen sich nur abseits der gradlinigen Wege finden. Die Verstecke sind dementsprechend oftmals nur schwer zu finden, doch das motiviert uns sehr, das jeweilige Spielgebiet genauestens zu erkunden. Dafür gibt es dann Belohungen, sprich seltene Ausrüstungsgegenstände, die wir nicht im Laden kaufen können. Das lohnt sich sehr, da wir in einigen Fällen erst Stunden später eine bessere Ausrüstung finden. Obwohl die Level-Architektur eher auf schmalspurige Strecken ausgelegt ist, gibt es immer mal wieder Abzweigungen zu entdecken. Diese Wege führen uns jedoch immer zum gleichen Ziel. Wir finden es nur sehr schade, dass wir ab einem bestimmten Punkt im Areal nicht mehr in das zurückliegende Gebiet reisen können. Wenn wir etwas verpasst haben, ist das gesuchte Objekt unwiderruflich verloren. Das hätten die Entwickler überdenken sollen, auch wenn es selbstverständlich für die Handlung förderlich ist. Größere und nicht ganz zu lineare Spielgebiete hätten uns ebenfalls gefallen, doch können sich die Kämpfe so voll und ganz entfalten – und in einer Umgebung, die wie das Film-Mittelerde von Peter Jackson aussieht, machen die Auseinandersetzungen mit den Feinden und mit Freunden durchaus Spaß.

Grenzwertiges Endprodukt

Der Krieg im Norden befindet sich auf einem optischen Mittelmaß. Die Spielwelt erinnert uns, wie bereits erwähnt, stark an das filmisch als Mittelerde eingefangene Neuseeland. Die Bevölkerung der Städte und die Architektur verfallener Ruinen untermauern dieses Gefühl abermals. Untermalt wird das ansehnliche Geschehen mit einem angenehmen Soundtrack, doch von den auf der Gamescom versprochenen Tracks aus den Filmen haben wir im fertigen Spiel nichts vernommen. Schade, aber der Spielsoundtrack ist dennoch sehr atmosphärisch. Besonders die recht packenden Kampfmelodien konnten uns überzeugen. Schade ist nur, dass sich die Entwickler nicht auf die (deutschen) Synchronsprecher der Filme verlassen haben. Wenn Bilbo Beutlin auf einmal von Ulrich Frank (bekannt als deutsche Stimme von Ned Flanders aus der Zeichentrickserie Die Simpsons) gesprochen wird, können wir die Szene nur schweren Herzens ernst nehmen. Das Gameplay hat uns ebenfalls, wie schon oft gesagt, nicht aus den Socken gehauen. Einzelspieler quälen sich durch das fünfzehn bis zwanzig Stunden lange Abenteuer und regen sich über Bugs, unpassende Synchronsprecher, dünne Dialoge und über die unfaire künstliche Intelligenz von Freund und Feind auf. Was auf der Gamescom bei uns noch für Begeisterung sorgte, macht im Endprodukt keine gute Figur mehr. Wir sind schwer enttäuscht, dass die Entwickler das Potential des Titels nicht genutzt und das Tolkien-Universum um ein Durchschnittsspiel bereichert haben. Das ist sogar höflich ausgedrückt, denn wenn der Titel nicht über einen angenehmen Online-Modus verfügen würde, könnten wir kaum eine Kaufempfehlung aussprechen. Immerhin dürfen die allergrößten Der-Herr-der-Ringe-Fans und Mehrspielerfreunde zugreifen, die jedoch mit keinem Meisterwerk rechnen sollten.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der PlayStation-3-Fassung): Als das Spiel angekündigt wurde und es auf der vorletzten Gamescom vorgestellt wurde und ich es auf der letzten Messe dann auch noch mit den Entwicklern anspielen konnte, war ich doch recht angetan von dem neuen Spiel. Es wirkte alles wie aus einem Guss und bis auf ein paar Unklarheiten, hatte ich damals nichts am Spiel auszusetzen, doch bereits nachdem ich den Titel bei mir zuhause gestartet habe, änderte sich diese Meinung noch im Wirthaus zum Tänzelnden Pony. Im Gespräch mit Aragorn erwartete ich die Stimme von Jacques Breuer zu hören, doch stattdessen kam mir die Stimme von Peter Flechtner entgegen. Mit diesen atmosphärischen Abschwächungen könnte ich ja noch leben, doch das wichtige an einem Spiel, das Gameplay, kann ebenfalls nicht für sich punkten. Ständig reagiert die künstliche Intelligenz unfair, ständig heißt es, den Abschnitt neu zu starten und gelegentlich tauchen dann auch noch Bugs auf. So wurde im Testzeitraum ein Patch veröffentlicht, der bei mir das Laden eines Spielstandes unmöglich machte. Später blieben dann zwei Tore in einem Level geschlossen, hinter denen sich der spielwichtige Hebel befand, um ein weiteres Tor zu öffnen. Hier funktionierte der Patch dann zumindest richtig und ich konnte Agandaûr und seine Schergen aus Mittelerde vertreiben. Einzelspielern kann ich den Titel leider beim besten Willen nicht empfehlen, dafür macht er zu viel falsch und es ist eine Frechheit, ein Spiel in dieser Form (und mit dieser Lizenz!) auf den Markt zu werfen. Ich denke zwar nicht, dass es dazu kommt, aber ich hoffe sehr, dass sich die Entwickler ein Herz fassen und einen Patch veröffentlichen, der das Gameplay weitaus angenehmer gestaltet, damit auch Einzelspieler voll auf ihre Kosten kommen. Unterm Strich bleibt somit nur ein Titel für Online-Abende, der dann für einige Stunden motiviert und Spaß macht.

Vielen Dank an Warner Bros. Interactive für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Der Herr der Ringe: Der Krieg im Norden!

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