Vor einigen Monaten hätten wir nicht gedacht, dass das Gesellschaftsvideospiel Straßen des Glücks jemals den Weg nach Nordamerika oder gar nach Europa schaffen würde. Kurz vor Weihnachten war es dann soweit. Endlich durften auch wir die Würfel übers Brett rollen.
Eine Handlung hat Straßen des Glücks leider nicht, doch das macht im Grunde auch nichts, da das eigentliche Spielprinzip uns schon genug Vergnügen bereitet. Japanische Spieler kennen die Itadaki-Sutorīto-Reihe mitsamt dem Gameplay bereits seit 1991, doch im Westen konnte die Serie bisher noch nicht Fuß fassen. Da aus dem Lande der aufgehenden Sonne öfters mal die eine oder andere kuriose Spielidee, wie beispielsweise Cooking Mama, in hiesige Gefilde überschwappt, sind einige unter euch sicherlich vorsichtig, was Straßen des Glücks betrifft. Es ist aber bei weitem keine so ausgeflippte Spielidee, wie ihr euch das vielleicht vorstellt. Yuji Horiis Idee verbindet kurz gesagt das klassische und vielerorts gängige Gesellschaftsspiel Monopoly mit Aktienkursen und feindliche Geschäftsübernahmen, doch der Reihe nach. Zu Beginn des Spiels schlüpfen wir in die Haut unseres im Mii-Kanal erstellten Miis und wählen im Tour-Modus das Spielbrett, auf dem wir dann Geschäfte tilgen und unsere Mitbewerber ausstechen. Während das eigentliche Spielbrett im Vordergrund zu sehen ist, werden dahinter in weiter Ferne animierte Spielumgebungen aus dem Super-Mario- oder dem Dragon-Quest-Universum abgebildet. Da entdecken wir unter anderem das Schloss Trodain aus dem achten Teil der Rollenspielserie von Sonys PlayStation 2 oder die Piazza Delfino aus Super Mario Sunshine vom Gamecube. Der Wiedererkennungswert ist hoch, doch das Beste kommt noch.
Zwei Universen prallen aufeinander
Alle Spielbretter werden mit den Melodien des jeweiligen Titels unterlegt, was bei dem einen oder anderen Videospielveteranen sicherlich ein Lächeln aufs Gesicht zaubern wird. Schöne Spielbretthintergründe bringen einem aber natürlich nichts, wenn wir nicht mit den richtigen Charakteren zusammenspielen, doch auch dafür haben die Entwickler gesorgt. So schlüpfen wir in die Rolle unseres Miis und spielen gemeinsam mit den Charakteren aus den Universen der eingangs erwähnten Videospielserien. So tauchen aus der Welt von Super Mario nicht nur der Klempner höchstpersönlich auf, sondern selbstverständlich auch sein treuer Dinosaurier Yoshi. Dragon-Quest-Fans freuen sich hingegen unter anderem über Schnitz aus dem (erst im letzten Jahr in Europa veröffentlichten) sechsten Teil der Reihe. Selbstverständlich ist das auf der ganzen Welt bekannte Schleimmonster ebenfalls mit von der Partie, für Abwechslung ist also definitiv gesorgt. Sobald wir dann einmal alle Einstellungen getroffen haben, dürfen wir auch schon ein Spielbrett aus dem Tour-Modus aussuchen. Anschließend werden die Siegesbedingungen bekannt gegeben. So ist es oft der Fall, dass wir eine gewisse Anzahl an Goldmünzen erwirtschaften oder dafür sorgen müssen, dass ein Spieler ausscheidet, wir aber das meiste Kapital besitzen müssen. Hier unterscheidet das Spiel übrigens zwischen Bargeld und dem Eigenkapital, was die ganze Sache für jüngere Spieler vielleicht erschweren könnte.
Geld regiert die Welt
Dazu werden wir uns im Nachfolgenden aber noch einmal genauer befassen. Nachdem die Startreihenfolge für die jeweilige Partie jedenfalls geklärt wurde, würfeln die Spieler (oder Computergegner) nacheinander ihre Züge aus und dürfen anschließend ihre Spielfigur über das Brett bewegen. Landen wir auf einer Straße, dürfen wir diese für einen bestimmten Betrag erwerben (oder eben nicht). Wenn wir das tun, vermindern wir unser Bargeld, jedoch nicht unser Eigenkapital (der Wert der Straße fließt unverzüglich in dieses mit ein). Landen wir auf einer Straße, die bereits jemanden gehört, so wird dort unweigerlich ein Laden stehen, in dem wir zwangsweise einkaufen müssen. Je nachdem, wie viele Goldmünzen unsere Konkurrenten bereits in die unterschiedlichen Läden investiert haben, desto höher sind die Ladenpreise, die wir für das bloße Betreten blechen dürfen. Um unseren Besitz selbst aufzuwerten, müssen wir allerdings erst einmal mit einem Würfelwurf auf einem unserer Felder landen, jedoch dürfen wir dann eine beliebige Straße aufwerten. Gehören uns in einem Bezirk mehrere Straßen, so steigen diese automatisch mit an Wert und natürlich mit den jeweiligen Ladenpreisen. Damit wir selbst wieder an Bargeld kommen, gilt es vier kreuz und quer (aber immer an derselben Stelle auffindbaren) Symbole einzusammeln und es zurück zur Bank zu schaffen. Umso mehr Straßen wir besitzen, desto höher fällt unsere Belohnung auf die nächste Stufe aus.
Wall Street: Geld schläft nicht
Landen wir direkt auf einem Farben- oder einem Fortunafeld, dürfen wir eine Karte aus einem Stapel Fortunakarten ziehen, welche dann bestimmte Auswirkungen auf uns beziehungsweise auf unsere Konkurrenz hat. Da erhöhen sich dann schon mal Ladenpreise oder Läden bleiben für eine Runde unter Umständen komplett geschlossen, selbst Auszahlungen sind möglich. Ist es einmal soweit, dass uns kein Bargeld mehr zur Verfügung steht und wir auf einer Straße landen, bei der wir ein paar hundert Münzen bezahlen sollen, müssen wir unweigerlich unsere Straßen verkaufen. Dies geschieht dann über Auktionen, bei denen dann unsere Konkurrenten mit bieten dürfen. Selbiges gilt natürlich auch für uns, wenn einer unserer Gegner Auktionen ausrichtet. Eine feine Sache, um schnell (und günstig) an das eine oder andere Kaufobjekt zu gelangen. Wenn wir nicht nach den einfachen, sondern nach den Standardregeln spielen, sind sogar Aktien mit im Spiel, die wir verkaufen können, sobald wir pleite sind. Aktien dürfen immer dann für einen Bezirk gekauft werden, wenn wir bei der Bank vorbei kommen. Der Aktienwert des jeweiligen Bezirks steigt, wenn in einem Gebiet Straßen ausgebaut werden. Er fällt, wenn auf einmal dutzende Aktien verkauft werden. Das ist spannend und motiviert uns, die Partie zu einem glücklichen Ende zu führen. Es ist sogar möglich, unseren Mitspielern ein Tauschgeschäft vorzuschlagen. So dürfen wir direkt eine oder mehrere Straßen tauschen oder verkaufen, selbst Kaufangebote und Zuzahlungen dürfen wir unserem Gegner anbieten.
Abgespeckter Online-Modus
Selbstverständlich wird es partout vorkommen, dass unsere Mitspieler ihre Straßen überhaupt nicht verkaufen möchten. Zum Glück gibt es da feindliche Übernahmen, die allerdings nicht gerade billig sind. Wenn wir dazu bereit sind, den fünffachen Marktwert zu bezahlen, dürfen wir die Straße des Gegners schnell und einfach abluchsen. Da die künstliche Intelligenz zwar durchaus menschlich agiert, aber vielleicht nicht immer durchdacht funktioniert, sollten wir schleunigst unseren Freunden von Straßen des Glücks erzählen. Mit menschlichen Spielern macht das Spiel um das große Geld gleich doppelt so viel Spaß, zumal man sich nebenbei sehr gut über die alltäglichen Dinge des Lebens unterhalten kann, was in anderen Spielen wie die Ableger der Mario-Party-Reihe nicht durchgehend der Fall ist. Die Entwickler haben sogar daran gedacht, dem Spiel einen Online-Modus zu spendieren. Dieser funktioniert entweder regional (aufgrund von Teilnehmermangel konnten wir diesen bis zum Testzeitpunkt am 15. Januar 2012 nicht testen) oder eben weltweit. Obwohl dieser Modus ein wenig abgespeckt ist (Auktionen gibt es nicht, hier krallt sich die Bank alles, wenn man Objekte zwangsversteigern muss), kann er dennoch überzeugen. Leider fehlt es ihm an der Wii-Speak-Unterstützung, so können wir uns also nicht mit der Konkurrenz bereden. Einzig und allein Icons für Emotionen stehen uns zur Verfügung, wenn wir Ärger, Wut oder Freude ausdrücken möchten. Während wir das regional und global noch verstehen könnten, wird Wii Speak nicht im Freundesspiel ebenfalls nicht unterstützt. Das ist sehr schade, da die Hardware mittlerweile stark verstaubt.
Grandioses Gesellschaftsspiel
Selbstverständlich haben wir in unserem Test nicht alle Features des Spiels erklärt, doch die Grundzüge sollten leicht und verständlich sein. Wer das System auch nach unserem Review nicht vollends verstanden hat, dem empfehlen wir beim ersten Spielstart die beiden Tutorials zu spielen. In diesen Modi wird das Spiel sehr verständlich erklärt. Jüngere Spieler oder auch Menschen, die keine kaufmännische Ausbildung haben oder nicht über die notwendigen Kenntnisse verfügen, könnten vielleicht zu Beginn etwas überfordert sein. Nach den ersten Spielstunden ist dieses Manko aber überhaupt nicht mehr vorhanden, denn dann Straßen des Glücks absolut überzeugen, zumindest in fast allen Gameplay-Belangen. Wir finden es nämlich sehr schade, dass es auf den Spielbrettern zu wenige Kreuzungen gibt und wir oftmals einen vorgefertigten Weg ablaufen müssen. Immerhin katapultieren uns auf einigen Spielfeldern Kanonen auf das Feld eines anderen Spielers, weshalb zumindest ein wenig Abwechslung geboten wird. Dabei ist die Grafik des Spiels allerdings nur zweckmäßig. Während das Spielbrett scharf auf dem Bildschirm zu sehen ist, leiden die (viel zu kleinen Charaktere) an Kantenflimmern und die animierten Hintergründe wirken oftmals etwas schwammig und sind teilweise etwas aus dem Kontext gerissen, denn warum im nicht mehr von Rankern überwucherten Schloss Trodain noch Monster umher stolzieren sollten, wissen wir auch nicht. Sinn und Logik führt an dieser Stelle aber zu weit, da das Spiel in sonstigen Belangen absolut funktioniert. Einzig allein eine Pointerfunktion hätten wir uns dann noch in der einen oder anderen Situation gewünscht. Der Titel ist für jeden Fan von anspruchsvollen Gesellschaftsspielen absolut zu empfehlen. Punkt.
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit: Ich bin sprachlos. Als ich die ersten Trailer vor einigen Monaten gesehen habe, konnte ich mir nicht sehr viel aus dem Spiel machen. Kein Wunder, denn schließlich sind die Vorgänger hierzulande niemals erschienen. Straßen des Glücks ist für mich das einzig wahre Weihnachtswunder des letzten Jahres. Selten habe ich bei einem Spiel in letzter Zeit das Gefühl gehabt, ein wirklich durchdachtes Spielprinzip zu genießen. Hier stimmt für mich einfach alles. Vom Erwerb der Straßen, über ihren Ausbau, feindlichen Übernahmen, Aktienkursen und kleinen Abwechslungen wie ein paar Minispielen abseits des harten Brettspielalltags, ist alles dabei, was ich mir in diesem Spiel vorstellen kann. Yuji Horii, seines Zeichens im Übrigen auch der Erfinder von Dragon Quest, hat mit der Itadaki-Sutorīto-Serie wahrlich ein meisterliches Spiel geschaffen, welches ich in Zukunft immer dann ausgraben werde, wenn mal wieder ein paar Freunde zu Besuch sind, denn online und ohne Wii-Speak-Mikrofon ist es einfach nicht dasselbe. Straßen des Glücks sollte ein jeder Wii-Besitzer mal in seinem Leben gespielt haben, denn ich kann mir durchaus vorstellen, dass dieser Teil der Reihe für lange Zeit der einzige bleiben wird, der hierzulande erscheint. Da hoffe ich doch einfach mal, dass Nintendo und Square Enix das Glück hold ist und die Kasse klingeln wird. Verdient hätten es die japanischen Konzerne definitiv – mal wieder!
Vielen Dank an Nintendo für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Straßen des Glücks!