Review: A Dirty Carnival

Wenn man sich Filme aus dem Genre des Gangsterfilms anschauen möchte, endet die Suche für fast jeden meist bei Titeln wie Der Pate, Goodfellas oder Scarface. Das amerikanische Kino ist geradezu bekannt für diesen Filmzweig, doch auch Südkorea möchte sich behaupten und so versucht Regisseur Ha Yu in die Fußstapfen von Martin Scorsese zu treten.

Vorweg kann man getrost sagen, dass dies Ha Yu nicht gelungen ist, obwohl die Story den Grundzügen des Gangsterfilms folgt und auch Potential dazu hat. A Dirty Carnival erzählt die Geschichte des Kleinkriminellen Kim Byung-doo. Der möchte sehr gerne innerhalb der Organisation aufsteigen, doch sein direkter Vorgesetzter Sang-chul bezahlt ihn nicht nur sehr schlecht, sondern lässt ihm auch keine Möglichkeit, sich zu beweisen. Eines Tages wird Sang-chul vom Boss der Organisation beauftragt, einen unliebsamen Rechtsanwalt aus dem Weg zu räumen, doch lässt er zu viel Zeit verstreichen, um den Auftrag auszuführen. Die Gelegenheit ergreift Byung-doo und macht somit auf sich aufmerksam. Auf einmal ist er nicht nur in der Verbrecherbande hoch angesehen, sondern hat auch viel mehr Zeit für seine Freunde. Als er bei einem Klassentreffen auf seine Jugendfreundin Hyun-ju stößt, bahnen sich Gefühle bei ihm an. Hyun-ju ist allerdings nicht so wirklich von der Tätigkeit überzeugt, die Byung-doo ausübt. Während der Protagonist dieses Problem sicherlich mühelos beseitigen könnte, ist es viel mehr sein Freund und Regisseur Min-ho, der ihm ein großes Problem bereiten wird. Für Min-hos neuen Film erzählt Byung-doo ihm von seiner Arbeit, welcher die Situationen fast in derselben Form in seinem eigenen Werk verarbeitet. Byung-doo muss Min-ho töten oder um sein eigenes Leben bangen. Die Auflösung des Films ist dabei sehr überraschend.

Schmutzige Maskerade

Byung-doo wird in A Dirty Carnival von Jo In-seong gespielt, welcher deutlich zur Person des Gauners beträgt. Während Byung-doo bei seiner Arbeit je nach Situation ehrenvoll oder respektlos vorgeht, ist er gegenüber seinen Freunden stets höflich und unterstützt sogar seine Familie mit finanziellen Mitteln, als diese aus ihrem Haus ausziehen muss. Sang-chul ist eher unsympathisch, egoistisch und nur auf sein Wohl konzentriert, scheut sich allerdings vor der Drecksarbeit, die das Oberhaupt der Organisation von ihm verlangt. Hwang, gespielt von Ho-jin Chun, ist allerdings der stärkste beziehungsweise bodenständigste Charakter des Films. In dieser Dreieckskonstellation spitzt sich der Konflikt zu. Sang-chul erkennt, dass Byung-doo in der Organisation einen neuen Rang erreicht hat und macht sich selbstverständlich um seinen Platz im Gefüge Sorgen, weshalb er Byung-doo ebenfalls aus dem Weg räumen muss. Welche Wendungen stattfinden und vor allem wie der Film überraschenderweise ausgeht, verraten wir an dieser Stelle aber nicht. Über zwei Stunden (exakt 133 Minuten) bleibt die Maskerade von Anfang bis Ende schmutzig. Der auf der Verpackung angepriesene Vergleich mit Scorsese hinkt allerdings, denn Regisseur Ha Yu hat es nicht geschafft, Dialoge geschickt miteinander zu verknüpfen und den makaberen Humor in diesen Gesprächen mit einzubinden.

Kein Scorsese-Film

Selbstverständlich gibt es in A Dirty Carnival auch die eine oder andere witzige Szene, doch ist der Humor schon sehr speziell und man muss asiatische Filme und die Kultur mögen, um dabei schmunzeln zu können. Wer des Koreanischen mächtig ist, schaut sich den Film im Originalton an. Wahlweise lassen sich deutsche oder niederländische Untertitel aktivieren, um den Gesprächen folgen zu können. Die deutsche Synchronisation, die ebenfalls in DTS-HD Master Audio 5.1 auf der Blu-ray vorliegt, ist durchaus gut. Bekannte Sprecher wie Timmo Niesner bereichen die deutsche Tonspur. Das Bildformat liegt übrigens wie gewohnt in 1080p und im 16:9-Format (2,35:1) vor. Bonusmaterial liegt in Form von Making-ofs, Kommentaren von der Filmcrew und den Darstellern auf der Disc bereit. Geschnittene Szenen bereichern das Gesamtpaket. A Dirty Carnival ist sicherlich kein Film, den man sich mehrmals ansehen muss oder vielmehr möchte, so wie es bei den Filmen von Martin Scorsese der Fall ist. In A Dirty Carnival fehlen einfach Schauspieler wie Robert De Niro oder Joe Pesci, die mit ihrer charmanten Art, aber auch sehr düsteren Seite den Zuschauer zur Verzweiflung und zur Bewunderung treiben.  Südkorea hat dennoch in diesem Bereich, zumindest aus der Sicht von westlichen Zuschauern, diesen einen Punkt noch nicht erreicht. Immerhin stimmen Gestiken und Mimiken. Wir hoffen inständig, dass irgendwann einmal ähnliche Darsteller wie De Niro in Korea auf die Bühne treten werden – dann darf es Ha Yu gerne noch einmal probieren.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der Blu-ray-Fassung): Ich freue mich immer so sehr darüber, wenn ein Publisher auf der Verpackung eines Films Vergleiche mit anderen Filmen oder gar den Qualitäten eines Regisseurs solcher Streifen anstellt. In den meisten Fällen entpuppen sich solche Marketing-Strategien in der Realität als heiße Luft. So ist es leider auch bei A Dirty Carnival. Der Film ist selbstverständlich nicht schlecht, doch der Vergleich mit Regisseur Martin Scorsese hinkt gewaltig. Die Handlung entfaltet sich immer mehr – sie wird kurzum interessanter, doch das Gefühl, man müsse Byung-doo als coolen Protagonisten annehmen, kommt einfach nicht auf. Während ich bei Goodfellas direkt mitgrinsen muss, wenn Robert De Niro dem Barkeeper hundert Dollars gibt, um die Eiswürfel kalt zu halten, kann Jo In-seong mir nicht einmal ein müdes Lächeln aufs Gesicht zaubern, wenn er nur mit Boxershorts durch die Wohnung eines Schuldners spaziert. Solche Momente reißen die Atmosphäre von A Dirty Carnival dann und wann auseinander, doch dann gibt es wiederum Szenen, die ein Scorsese nicht hätte besser machen können. Beispielsweise die kritische Auseinandersetzung von Byung-doo mit seiner Arbeit, als er seinem Freund alles über diese erzählt und ihm am Set sogar teilweise die eine oder andere Anweisung gibt. Obwohl ich südkoreanische Action-Filme mag, müssen die Koreaner beim Gangsterfilm unbedingt noch aufholen. So funktioniert der Titel nur bedingt.

Vielen Dank an Splendid Film für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von A Dirty Carnival!

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