Es kommt eher selten vor, dass ein Regisseur genau den Film realisieren darf, den er mehr als alles andere gerne machen möchte. Ryoo Seung-wan bekam dazu ein kleines Budget gestellt, was man dem Film an vielen Ecken anmerkt und somit Potential verspielt.
Der Seouler Kommissar Tae-su erfährt vom Tod seines alten Freundes Wang-jae. Dieser sei angeblich von einer Gruppe rebellischer Jugendlicher brutal zusammengeschlagen und getötet worden. Selbstverständlich reist Tae-su zurück in seine Heimatstadt Onsung, um an der Beerdigung von Wang-jae teilnehmen zu können. Direkt bemerkt er, dass sich das Stadtbild (seit er vor Jahren nach Seoul gezogen ist) verändert hat. Nicht nur dass überall gebaut wurde, wo früher einmal weite Flächen Ackerland vorzufinden waren, sondern auch Korruption, Macht und Gewalt, sowie die mafiösen Machenschaften seines Jugendfreunds Pil-ho beherrschen die Stadt. Schnell ist Tae-su davon überzeugt, dass Wang-jae nicht von Jugendlichen umgebracht werden konnte und beginnt mit seinen Nachforschungen. Durch seine Ermittelung wird Tae-su schon bald klar, wer etwas mit dem Mord zutun hat und dass man alte Freundschaften nicht immer aufwärmen sollte. Freundschaft ist auch der zentrale Begriff in City of Violence. Der Regisseur bezieht sich immer wieder auf die miteinander befreundeten Charaktere und wie sie in der Vergangenheit zueinander standen. Die kurzen Szenen beweisen wunderbar, wie sich Menschen in zwanzig Jahren zum Guten oder zum Bösen verändern können. Jeder Zuschauer soll sich im Klaren darüber sein, dass nichts mehr so sein wird, wie es früher einmal war.
Eine Stadt voller Gewalt
Der Regisseur hat selbst Erfahrungen gesammelt, wie es ist, von einem älteren Schüler an der Schule unterdrückt zu werden. Dies zeigt er zum einen in den bereits angesprochenen Szenen, wo alle Charaktere noch Jugendliche sind und zum anderen in der Entwicklung der Personen. Während Tae-su den ehrenhaften Weg des Gesetzes eingeschlagen hat, veränderte sich Pil-ho zu einem Mafiaboss, der immer mehr nach Macht giert und ihm dabei jedes Mittel recht ist. In City of Violence wird diese Gewalt mehr als nur einmal zum Ausdruck gebracht. Die ersten Kampfszenen zwischen Tae-su und Gruppen von Jugendlichen wirken dabei eher harmlos, sind aber nicht weniger erschreckend. Wer sich einmal vor Augen hält, wie die Kriminalität auf den jungen Geist wirken kann, den können die Kampfszenen am Ende des Films fast nicht mehr schocken. Diese Szenen bieten einen deutlich tiefgründigeren Wert, da man hier kaum mehr längere Szenen am Stück gedreht hat, sodass die Choreographien besser durchgeführt werden konnten. Ein Kampfkunstleckerbissen wie Once upon a Time in China oder Ip Man ist City of Violence aber nicht und möchte das auch gar nicht sein. Ebenfalls eifert der Film Ryoo Seung-wans Arahan nicht nach. Wie es der Titel des Films vermuten lässt, ist es dem Regisseur mehr wichtig, sich auf die Gewalt zwischen den Charakteren zu konzentrieren. Dabei gehen allerdings die inneren Charakterwerte fast vollkommen verloren.
Einprägsame Stilmittel
Der einzige Charakter, der sich in City of Violence fast vollständig entfalten kann, ist Pil-ho (gespielt von Lee Beom-su). Selten haben wir einen Bösewicht in einem Film gesehen, der dermaßen unsympathisch an das Publikum verkauft wird. Wir fiebern geradezu mit, wenn Tae-su (verkörpert von Jung Doo-hong) gegen ihn vorgeht. Obwohl die Schauspieler allesamt gut zu ihren Rollen passen, fehlt es ihnen an kräftigen Dialogen, welche den Plot vorantreiben sollen. Während die koreanische Tonspur in DTS-HD 5.1 etwas authentischer wirkt, kann die deutsche Sprachausgabe dennoch auf einer wenig niedrigeren Ebene mithalten. Das Bild wird durchgehend in 1080p und im 16:9-Format ausgegeben (1,85:1). Man merkt dem Film sein Entstehungsjahr allerdings an, weshalb wirkliche HD-Momente ausbleiben. Uns sind jedoch stilistische Punkte aufgefallen, die wir sehr gerne wieder in anderen Filmen sehen möchten. In einer Szene unterhalten sich Tae-su und Pil-ho in einer leeren Bar, die Kamera dreht sich nach rechts und langsam füllt sich die Kneipe. Nun wird gezeigt, wie Wang-jae auf die Jugendlichen trifft und sie hinaus durch die Gassen verfolgt und schlussendlich verletzt wird. Auf einmal befinden wir uns wieder in der Gegenwart und Tae-su schaut auf die Stelle hinab, wo sein Freund gestorben ist. Diese nahtlosen Übergänge gefallen uns sehr gut und tauchen immer mal wieder in der auf neunzig Minuten ausgelegten Handlung auf. Bonusmaterial liegt in Form von Interviews und Making-ofs vor und hat eine Laufzeit von etwa zwei Stunden. City of Violence ist bei weitem kein Meisterwerk, doch die stilistischen Einspielungen sollte man zumindest einmal in dieser Form gesehen haben.
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit (basierend auf der Blu-ray-Fassung): Von koreanischen Action-Filmen bin ich mittlerweile sehr angetan, doch City of Violence hat meine Erwartungen nicht ganz erfüllt. Es ist offensichtlich, dass der Regisseur sich hier einfach nur einen seiner Träume erfüllen wollte und daran ist auch überhaupt nichts verwerflich – jeder sollte seine Wünsche in die Realität verwandeln dürfen. Allerdings hat man Ryoo Seung-wan wohl nicht das Vertrauen entgegen gebracht und ihm nur ein kleines Budget zugesprochen. Obwohl ich von seinem Film Arahan überzeugt gewesen bin, kann ich meine Meinung von damals fast nicht mehr verstehen. City of Violence mangelt es an vielen Ecken an gut durchdachten Dialogen und Choreographien. In diesem Film sollte alles ein wenig realistischer wirken und damit habe ich auch überhaupt keinerlei Probleme, schließlich bin ich einer der letzten, die ein Effektfeuerwerk vor die Story setzen. Trotzdem wird mir City of Violence aus einem Grund nicht aus dem Gedächtnis fallen. Die stilistische Verbindung von einer Szene zur anderen wirkt in City of Violence sehr frisch und sollte bitte nicht zum letzten Mal in einem Film in dieser Form so umgesetzt werden. Ich bin jetzt jedenfalls schon sehr auf den nächsten Film von Ryoo Seung-wan und auch auf die Kritik gespannt, die ich dann fällen werde. Arahan ist mit Sicherheit sein besserer Film, doch wer Stil in einem Film nicht missen möchte, darf auch zu City of Violence greifen.
Vielen Dank an Splendid Film für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von City of Violence!