Noch vor dem Horror-Klassiker Resident Evil lehrte uns 1992 Alone in the Dark das Fürchten. Aber genauso wie Capcoms Resident-Evil-Serie, hat sich Alone in the Dark im Laufe der Zeit stark verändert. Die Reihe ist nicht mehr das, was sie einst gewesen ist.
Der neuste Teil der Serie, erschienen im Juni 2008, hört auf den einfachen Namen Alone in the Dark, obwohl der Titel bereits der fünfte Teil der Serie ist. Atari beauftragte zur Entwicklung das aufgekaufte Studio Eden Games und erhoffte sich damit wohl einen völligen Neuanfang der Reihe. So verabschiedete man sich von klassischen vorgerenderten Hintergründen, implementierte eine reguläre Third-Person-Perspektive und versuchte sich zum ersten Mal an einer filmreifen Story mit ebenso cineastischer Präsentation. Wie in jedem Teil von Alone in the Dark (ausgenommen das Kurzspiel Jack in the Dark) schlüpfen wir in die Rolle des Edward Carnby. Er selbst verlor jedoch unter mysteriösen Umständen seine Erinnerungen und weiß genauso wenig wie wir nichts aus seiner Vergangenheit. Wer er ist und was er mitten in der Nacht in einem Hotel der New Yorker Innenstadt zu suchen hat, bleibt ihm ein Rätsel. Zeit um einen klaren Kopf zu bekommen bleibt ihm allerdings nicht, denn ehe er sich versieht, wird die Stadt von Erdbeben erschüttert und von teuflischen Dämonen heimgesucht. Glück für hin, dass er schon bald auf die aufgeschlossene Sarah Flores trifft. Gegenseitig unterstützen sie sich bei der Flucht aus dem Hotel und finden sich schließlich im nahe gelegenen Central Park wieder.
Eine Fahrt durch die Geisterstadt
Nach einem erzwungenen und sehr linearen Start nimmt das Spiel erst ab dieser Stelle richtig Fahrt auf. Edward Carnby wird sich die restliche Spielzeit über nur noch einzig und allein im weitläufigen Central Park aufhalten, wodurch das Spiel durch den Open-World-Aspekt eine ganz andere Richtung einschlägt, als man es zunächst erwartet hätte. Mit von der Partie ist zwar auch Sarah, jedoch fungiert sie nur im Hintergrund als storybedingte Begleitperson und trägt nichts zum direkten Spielgeschehen bei. Auf ihrem Weg treffen die beiden nur selten auf weitere Überlebende der Katastrophe. Meist helfen diese Edward nur beim Überleben oder beim Lüften seiner geheimnisvollen Vergangenheit. Um die langatmigen Wanderungen durch den Park zu vermeiden, kann man sich nach gewohnter Grand-Theft-Auto-Manier verwaiste Autos schnappen und mit ihnen den Park unsicher machen. Die Entwickler legten dabei sehr großen Wert auf eine möglichst realistische Fahrzeugmodellierung. Alle Autos besitzen ein ausgetüfteltes Schadensmodell, welches sogar manche Rennspiele alt aussehen lässt. Kein Wunder, schließlich hat Eden Games zuvor an der V-Rally-Reihe gewerkelt und 2006 erst Test Drive Unlimited fertiggestellt. Zudem gibt es noch ein paar Spielereien, sodass zum Beispiel die Lichteinrichtungen in- und außerhalb des Fahrzeugs betätigt, das Handschuhfach nach versteckten Items durchsucht und das Radio verwendet werden kann. Nicht umsonst bestehen einige Teile des Spiels aus reinen Fahrpassagen, um alle Gadgets des Fahrzeugs zu präsentieren.
Eine große leere Welt
Das Design des New Yorker Central Parks orientiert sich am originalen Vorbild und bietet vom Gewässer bis hin zu begehbaren Gebäuden reichlich Abwechslung. Er kann übrigens sowohl in der regulären Third-Person-Ansicht als auch in der Ego-Perspektive erkundet werden. Trotzdem lohnt es sich für uns kaum, uns auch abseits der Wege umzusehen. Überlebenswichtige Items finden wir im regulären Spielverlauf zu Genüge und zusätzliche einsammelbare Gegenstände gibt es nicht. Außerdem halten einem die zahlenmäßig weit überlegenen Gegner von einer gemütlichen Erkundung ab, sodass man sich lieber wieder schnell in ein Auto flüchtet. Dieser interessante Genre-Mix wirkt leider aufgesetzt, verleiht Alone in the Dark aber noch bis heute eine besondere Stellung in der Spielelandschaft. Eine Besonderheit ist auch die aus DVDs bekannte Vor- und Zurückspulfunktion. Im Menü genügt ein Knopfdruck und wir können uns mittels einer Kapitelmarke in die Vergangenheit oder in die Zukunft versetzen lassen. Bossgegner können genauso übersprungen werden wie wichtige Handlungsabschnitte und man könnte sich theoretisch innerhalb von fünf Minuten bis in die letzte Episode katapultieren. Wegen der hohen Anzahl an Rätseln ist diese Funktion gerechtfertigt, sorgt aber für einen starken Bruch in der Atmosphäre. Im Endeffekt darf aber jeder für sich selbst entscheiden, ob und wie oft er diese Funktion in Anspruch nehmen möchte. Wir raten aber davon ab.
Das Leid mit der Steuerung
Die meisten Survival-Horror-Spiele punkten miest mit bizarrem Gegnerdesign. Das ist bei Alone in the Dark nicht der Fall. Der Park wird hauptsächlich von Vampirz (mutierte Fledermäuse) und Humanzen (Zombies) belagert. Im Kampf sind Schusswaffen relativ wirkungslos, wodurch sich Edward lieber auf den Nahkampf spezialisieren sollte. Dazu sind in jedem Spielabschnitt dutzend greifbare Objekte verteilt. Etwa einen Stuhl, eine Gartenschaufel oder einen Feuerlöscher – alles Dinge, die sich in eine tödliche Waffe verwandeln lassen. Um die Untoten vollständig zu eliminieren, müssen sie aber verbrannt werden. Dies geht am besten, indem man sie mit Schlägen gezielt in die Flammen treibt oder erst bewusstlos schlägt und dann in ein nahe gelegenes Feuer schleift. Des Weiteren erlaubt es uns die Physik-Engine, tragbare Objekte aus Holz in Brand zu stecken. Benutzt werden diese Waffen nicht wie üblich mit einer Schulter- oder einer Aktionstaste, sondern mit dem rechten Analogstick. Gehaltene Gegenstände können so im 360-Grad-Winkel frei geschwenkt werden. Die innovative Steuerung funktioniert aber nicht immer wie sie sollte und wird nie instinktiv. Dazu ist sie zu störrisch und unpräzise. Auch der Charakter selbst steuert sich mehr schlecht als recht. Zu sehr orientierte man sich an der panzerartigen Steuerung aus den ersten Resident-Evil-Ablegern auf der PlayStation und dem Gamecube. War es damals noch eine gewollte Technik um nervenaufreibende Momente zu erzeugen, ist es in Alone in the Dark einfach nur noch nervig.
Survival-Simulation
Einstellbare und ausgeglichene Schwierigkeitsgrade sucht man ebenfalls vergebens und den Game-Over-Bildschirm sehen wir ohne eigenes Verschulden viel zu häufig. Das Spiel setzt teilweise zu viel voraus, wodurch nicht wenige Spielabschnitte in einem reinem Trial and Error enden. Das wäre vermeidbar gewesen.Edward trägt übrigens nur das bei sich, was auch wirklich in seinen Mantel passt. Unendlich große Inventare werden durch ein realistisches Echtzeit-Inventar ersetzt. Es gibt nur eine begrenzte Anzahl an Fächern und Taschen, wodurch wir schon das eine oder andere wichtige Item zurücklassen mussten. Auch dies erinnerst stark an das Inventar-System aus Resident Evil, wurde aber bei weitem authentischer umgesetzt. Realistisch ist auch der Heilungsvorgang. Verletzungen werden nicht wie üblich über Energieanzeigen oder Verfärbungen der Bildschirmränder dargestellt, sondern sind am Charakter selbst in Form von mehr oder weniger großen Wunden abzulesen. Mit der linken und rechten Taste des Steuerkreuzes wechselt die Kameraperspektive auf die einzelnen Verletzungen am Körper, welche dann nur mit Verbandsmaterial und Gesundheitssprays verarztet werden können. Auch das läuft in Echtzeit ab. Per Druck auf den rechten Analog-Stick werden die Augen geschlossen. Das Blinzeln entfernt dabei überraschend von Gegnern abgefeuerte Giftspritzer und andere Flüssigkeiten aus unserer Sicht. Dieses Spielelement wird durch eine verschwommene Sicht dargestellt und stärkt erneut den Simulations-Charakter.
Der technische Aspekt
Grafisch geht das Spiel für einen Titel aus dem Jahre 2008 durchaus in Ordnung. Einige unscharfe Texturen bleiben dabei die Ausnahme. Man sollte aber beachten, dass im selben Jahr das visuelle Highlight Dead Space erschien, welches Alone in the Dark ohne Zweifel tief in den Schatten stellt. Die grafisch schwächere Fassung lässt sich natürlich nicht mit der HD-Ausgabe des Spiels vergleichen, macht aber auf der Wii und der PlayStation 2 eine sehr annehmbare Figur. Dafür präsentiert es sich auch dort sehr cineastisch und versucht auch nicht die unverkennbaren Parallelen zu Action- und Horrorfilmen zu kaschieren. Als Beispiel sei eine hitzige Verfolgungsjagd durch die New Yorker Innenstadt genannt, die eins zu eins aus einem Hollywood-Blockbuster entnommen sein könnte. Auch für die Ohren wird einiges geboten. Das Spielgeschehen wird nämlich von orchestraler Musik und zeitweise oftmals von Chören begleitet, die im späteren Verlauf zusätzlich noch orientalische Züge annehmen. Obwohl das Spiel am Ende noch unnötigerweise gestreckt wird, kommt man mit Alone in the Dark maximal auf gerade einmal zehn Stunden Spielzeit. Das ist im Survial-Horror-Genre keine Seltenheit. Vertröstet wird man dafür aber mit alternativen Enden, die den Wiederspielwert ein wenig verstärken. Alone in the Dark richtet sich an Horror-Fans, denen auch eine Prise Action nicht zu viel ist.
Geschrieben von Jonas Maier
Jonas‘ Fazit (basierend auf der Xbox 360-Fassung): Meiner Meinung nach sind die meisten Videospielbewertungen für Alone in the Dark viel zu niedrig ausgefallen. Es ist klar, dass es dem Spiel an manchen Stellen durchaus an einigen erheblichen Verbesserungen bedarf. Es bleibt mir aber ein Rätsel, warum die Glocken der Qualitätskontrolle von Atari nicht schon bei simplen und auffallenden Mankos wie der Steuerung Alarm geschlagen haben. Diese Fehler beschränken sich aber bei genauerer Befassung mit dem Spiel hauptsächlich nur auf die Steuerung, den Charakterdialogen und der dazugehörigen Sprachausgabe. Für mich artete es in einen Überlebenskampf mit dem Spiel selbst und weniger mit den Gegnern aus. Eden Games zeigte mit den Physikrätseln und der großen Verwendungsmöglichkeit von Gegenständen ein enormes Potential, vernachlässigte aber die erkundbare Spielwelt sowie auch den Horror-Aspekt, der die Serie einst erfolgreich gemacht hat. Die Ideen sind gut, die Umsetzung leider mangelhaft. Allerdings soll die verspätet erschienene PlayStation-3-Version mit dem Beinamen Inferno um einiges spielbarer sein, wozu jeder, der sich jetzt noch für das Spiel interessiert, zu Sonys Variante greifen sollte.