Die meisten Open-World-Spiele benutzen klischeehafte amerikanische Großstädte als ihr spirituelles Vorbild. Waffen, Drogen, große Autos und viele weitere westliche popkulturelle Elemente prägen diese Spiele. Sleeping Dogs beweist, dass der noch unverbrauchte asiatische Raum einen enormen Mehrwert für das Genre mit sich bringt.
Die Handlung dagegen erinnert anfangs stark an einen der unzähligen amerikanischen Action-Thriller. Sie dreht sich um unseren Charakter Wei Shen, einem chinesischen Polizisten im fernen Hongkong. Als V-Mann versucht er sich in die Reihen der Triaden einzuschleichen, um dadurch die Machenschaften und Aufenthaltsorte der hohen Tiere heimlich aufzudecken. Ohne das sein polizeilicher Hintergrund auffliegt, muss er sich den Triaden anschließen und dann ihr Vertrauen gewinnen. Da sich die Fraktionen der chinesischen Unterwelt gerade selbst rivalisieren, werden verstärkt neue Mitglieder gesucht. Wei hat Glück, wird eingeschleust und die Story rund um Gerechtigkeit, Loyalität und Verrat kann beginnen. Schließlich wird er auch für die normale Polizei, ausgenommen natürlich für wenige Eingeweihte, zu niemand anderes als ein gewöhnlicher Verbrecher und sollte sich also daher besser nicht verhaften lassen. Die alte Marke True Crime sollte mit True Crime: Hong Kong in die dritte Runde gehen, doch Activision Blizzard entschied sich dummerweise dazu, die Entwicklung einzustellen. Unter der Flagge von Square Enix konnten die Entwickler in London die Entwicklung fortführen, jedoch ohne die True-Crime-Rechte. Inhaltlich entspricht Sleeping Dogs jedoch vollkommen ihrer Vision und schufen so abseits von Grand Theft Auto ein so nie dagewesenes Open-World-Spiel.
Hongkong, die Stadt der Superlative
Die Story wird jedoch sehr linear erzählt und wir bekommen nicht die Möglichkeit, uns zu entscheiden, ob wir lieber die Polizei oder die Triaden unterstützen möchten. Auch wenn das grundlegende Setting eine willkommene Abwechslung ist, orientiert sich die Aufgaben- und Missionsstruktur stark an anderen Genrevertretern. Das beliebteste Fortbewegungsmittel der Chinesen scheint auch wie bei uns das Automobil zu sein. Die simpelste Methode anderen Leuten von unseren Ansichten zu überzeugen, ist immer noch ihnen diese mit Gewalt einzubläuen. Dass das Hautaugenmerk eindeutig auf diesen beiden Aspekten liegt, versucht Sleeping Dogs nicht zu kaschieren. Langweilig wird uns beim Vermöbeln der Gegner und beim Herumfahren in ganz Hongkong aber nie. Vom Spiel überzeugt uns hauptsächlich das mannigfaltige und lebendige Hongkong selbst. Besonders in regnerischen Nächten, wenn sich im verschmutzten und verwinkelten Gassengewirr der Stadt die strahlenden Werbereklamen auf dem Boden widerspiegeln, führt das zu atmosphärischen Momenten, wie wir sie in Open-World-Spielen so noch nicht erleben durften. Und wenn die Stadt am Tag erwacht, säumen unzählige winzige Läden mit bunten zerfledderten Markisen die Straßen, während neben Wäscheleinen und Oberleitungen der Himmel von den monströsen grauen Wolkenkratzern verdeckt wird und uns in der vollgestopften Millionenstadt sicherlich untergehen lässt. Besser hätten die Entwickler den asiatischen Flair kaum auf einer Disc einfangen können.
Gebremster Fahrspaß
Dazu gesellt sich zudem auch noch die exzellente Vertonung. Alle Charaktere sind dem Englischen mächtig, können aber insbesondere bei emotionalen Gesprächen oder beim Fluchen nicht verhindern, in ihre Muttersprache zu wechseln. Daraus entsteht ein Sprach-Mischmasch, der zusammen mit starken chinesischen Akzenten eine erfrischende Abwechslung für unsere Ohren bietet. Die Grafik ist konstant gut, hinkt dafür aber ein wenig aktuellen Standards hinterher. Auch die Bewegungsmodelle der Charaktere sind leider nur durchschnittlich. Besonders seltsam sind Weis Hände, die wegen ihrer Größe eher an Gorillapranken oder die selige Nintendo-64-Zeit erinnern. Zusätzlich lässt die Physik Wei manchmal mit arg merkwürdigen Manövern auf Gebäude klettern und über Hindernisse hechten. Und auch die Fahrphysik, ein sehr wichtiger Punkt in einem auf Fahrzeugen basierenden Open-World-Spiel, ist nur mittelklassig. Autos steuern sich teilweise wie in einem Arcade-Racing-Spiel. Dutzende unterschiedliche Fahrzeugmodelle sorgen für genug Abwechslung auf den Straßen, die sich vom Moped bis zum schweren Linienbus alle sehr individuell steuern lassen. Aber Obacht: Es herrscht Linksverkehr in Hongkong und als eingefleischte Rechtsfahrer mussten wir uns erst einmal umorientieren, um bei hitzigen Verfolgungsjagden und Straßenrennen überhaupt eine Chance zu haben.
Martial Arts
Das vielschichtige Kampfsystem erinnert stark an die der beiden neusten Batman-Videospielableger. Ähnlich wie in Batman: Arkham Asylum und Batman: Arkham City bauen wir mit leichten und schweren Hieben Combos auf, packen und schleudern benommene Gegner durch die Gegend oder erledigen Feinde einfach und direkt mit den sogenannten Environmental-Kill. Das sind Finisher, mit denen Wei seine Gegner mit herumliegenden Gegenständen und Geräten ausschaltet. Sie sind teils übertrieben brutal und blutig inszeniert, bieten dafür aber die nötige Abwechslung während der Nahkampf-Prügeleien und sind zudem unglaublich genugtuend. Wir verstehen, dass die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle, kurz USK, in diesem Fall in der deutschen Version des Spiels Entschärfungen vornehmen musste, denn der Anblick der aufgespießten und zerquetschten Leichen sei sicherlich nichts für schwache Nerven. Erst relativ spät im Spiel können wir Gebrauch von Schusswaffen machen, was nicht bedeutet, dass nur mit Fäusten bewaffnete Feinde keine Bedrohung mehr darstellen. Auch während Autofahrten kann natürlich jederzeit geschossen werden. Um das Zielen vor allem in rasanten Situationen zu erleichtern, können wir das Geschehen kurzzeitig in Zeitlupe wahrnehmen. Das kennen wir doch irgendwo her. Stimmt genau, Max Payne lässt grüßen!
Open World der guten alten Schule
Sleeping Dogs besitzt alle zeitgemäßen Mechaniken und Prämissen eines Open-World-Spiels. Das äußere Erscheinungsbild von Wei Shen können wir mit Kleidern frei gestalten. Um die eigenen Finanzen aufzubessern, gibt es eine Menge abwechslungsreiche Nebenmissionen. Geld verdient man am einfachsten mit Wetten auf Hahnenkämpfe und mit Überfällen auf Geldtransportern. In unserer raren Freizeit als Undercover-Cop schmökern wir in freigeschalteten Polizeiberichten, verbessern unsere Kampfkenntnisse im örtlichen Dōjō und investieren unser hart verdientes Geld in schicke Autos. Nach jeder erfolgreich absolvierten Mission bekommen wir unseren Fertigkeitsbäumen Polizei- und Triadenpunkte gutgeschrieben. Der Zähler der Triaden füllt sich, wenn während der Missionen eine Menge Radau veranstaltet und besonders viele Gegner erledigt werden und die anfangs volle Leiste der Behörden lehrt sich beim Zerstören von Straßenschildern oder beim Töten unschuldiger Passanten. Natürlich gibt es auch eine Menge Dinge am Wegesrand einzusammeln, was zur Abwechslung auch mehr als nur ein kleiner Vermerk in der Statistik bewirkt. Tresore voller Bargeld wollen geknackt werden, Überwachungskameras gehackt und wenn wir an Gesundheitsschreinen ein kleines Stoßgebet abgeben, erhöht sich unsere maximale Lebensausdauer. Das ist auch bitter nötig, denn besonders im finalen Teil des Spiels werden die Missionen richtig anspruchsvoll und hinterlassen nach dem Spielfinale einen angenehmen Nachgeschmack.
Geschrieben von Jonas Maier
Jonas‘ Fazit (basierend auf der Xbox-360-Fassung): Es verwundert mich, warum sich noch niemand ernsthaft an einem Open-World-Spiel im fernöstlichen Look versucht hat. Sleeping Dogs ist in diesem Zusammenhang sozusagen ein Vorreiter und macht seine Arbeit sehr gut. Sogar ich, einem Verfechter jeglicher Combo-Kampfsysteme, freundete mich mit den Mechaniken von Sleeping Dogs schnell an und empfand es im Endeffekt sogar unterhaltsam. Niemals fühlte ich mich mit neu freigespielten Fähigkeiten überfordert. Das beste Gimmick ist für mich die Sprachausgabe, die mit ihren chinesischen Elementen eine Variation zu der gewöhnlichen englischen oder japanischen darstellt. Auch gehört Sleeping Dogs zu den wenigen motivierenden Spielen, bei denen ich unbedingt alle Nebenmissionen und sammelbaren Items komplettieren wollte. Obwohl weder die Story noch die kompakte zu erkundende Welt fehlerfrei sind, geschweige denn neue Maßstäbe setzten, zählt Sleeping Dogs für mich zu einem der besten Sandbox-Spielen überhaupt. Wer mit dem rauen von Mord und Totschlag geprägten Universum der Triaden etwas anfangen kann, ist hier genau richtig. Denn Sleeping Dogs ist auf keinen Fall nur ein seichter Zeitvertreib während dem großen Warten auf Grand Theft Auto V.
Vielen Dank an Square Enix für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Sleeping Dogs!