Special: Leben in Fernost

Schillernde Metropolen, eine faszinierende Pop- und Jugendkultur, exotische Essgewohnheiten: All das und noch viel mehr macht den Reiz aus, den Japan auf viele Menschen in aller Welt ausübt. Nicht wenige kommen über ihre Faszination für Manga und Videospiele mit der japanischen Sprache in Berührung. Wir versuchen, euch einen kleinen Einblick in das Leben im fernen Osten zu geben.

Als ich vor einigen Jahren zum ersten Mal in Tōkyō aus dem Flugzeug stieg, war alles sehr neu und ungewohnt für mich. Das geschäftige Treiben des Flughafens hieß die Reisenden willkommen, mancherorts konnte man schon die ersten japanischen Schriftzeichen erkennen, deren Bedeutungen mir nicht minder verschlossen blieben, als wenn es sich um ägyptische Hieroglyphen gehandelt hätte. Der Aufenthalt war sehr kurz, aber vermutlich gerade deshalb sehr intensiv. Ich konnte mich nicht verständigen, war aber begeistert von Stadtteilen wie Shibuya und Akihabara. Einige Jahre und viele Stunden intensiven Sprachunterrichts später betrat ich erneut japanischen Boden – dieses Mal jedoch, um für längere Zeit zu bleiben. Nicht mehr nach Tōkyō, sondern in die Kansai-Region verschlug es mich, die mit Städten wie Kōbe, Ōsaka oder Kyōtō ebenfalls jede Menge zu bieten hat. Unweit des Flughafens wird das Szenario abgelöst von vorstadtähnlichen Verhältnissen – kleinen Häusern, engen Straßen – die sich zwischen der Meeresbucht und den eingrenzenden Bergen endlos dahinzuziehen scheinen. Im Kerngebiet Ōsakas geht man ein wenig unter zwischen all den Autos und riesigen Menschenmengen. Vereinzelt stehen wunderbar gepflegte Bäume herum, ganz so, als wüssten sie ebenfalls nicht, was sie an Ort und Stelle zu suchen haben. Die Gehsteige und Straßen sind zwar zumeist sehr sauber, doch auf richtige Natur trifft man innerhalb der Städte eher selten.

Ohne Rücksichtnahme geht es nicht

Was man sich immer wieder vergegenwärtigen muss: Japan ist von der Landesfläche her nur minimal größer als Deutschland, besitzt aber gleichzeitig über 127 Millionen Einwohner. Das Land ist zudem zum großen Teil mit Bergen bedeckt, sodass sich das menschliche Leben, samt Industrie und Ackerbau, auf weniger als dreißig Prozent der gesamten Landesfläche konzentriert. Als Resultat sind die Straßen meist eng, die Häuser auch eher klein gebaut und es fällt schwer, einmal für längere Zeit alleine zu sein. Dies macht das korrekte gesellschaftliche Verhalten umso wichtiger und übt einen gewaltigen Anpassungsdruck auf das Individuum aus. Ein bekanntes und in diesem Kontext vielfach bemühtes japanisches Sprichwort lautet: „Deru kugi wa utareru.“ Der hervorstehende Nagel wird eingeschlagen. Japan ist als Inselstaat vom asiatischen Festland abgetrennt; ein Umstand, aufgrund dessen eine Abgrenzung von äußeren Einflüssen auf politischer und kultureller Ebene lange relativ einfach vorzunehmen war. Ausländer, die sich permanent oder für einen längeren Zeitraum in Japan aufhalten möchten, müssen sich registrieren lassen und kriegen einen Ausländerausweis ausgehändigt. Da Japaner keinen Ausweis besitzen, kann es für eingebürgerte Personen mitunter zu Schwierigkeiten mit der Polizei kommen, wenn es darum geht, die Einbürgerung nachzuweisen.

Nur auf den ersten Blick „typisch japanisch“

Sinnbildlich für das den Japanern immer wieder nachgesagte Uniformitätsstreben stehen die Dresscodes, die ein jeder zu befolgen hat. Männliche Firmenangestellte tragen für gewöhnlich schwarze Anzüge, die Schulmädchen Matrosenuniformen, Mitglieder von Sportclubs laufen häufig in Trainingskleidung mit eigenen Emblemen herum. Es wird die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe selbstbewusst nach außen getragen, ein positives Image zu fördern gesucht. Gleichzeitig bestehen innerhalb der Gruppen Hierarchien, die zum Teil äußerst streng sein können. Ein Beispiel für diese Hierarchien ist die Beziehung zwischen senpai und kōhai, eine Art von Senioritätsprinzip. Ein senpai ist jemand, der bereits länger einer bestimmten Organisation zugehörig ist. Als solcher hat er sich gegenüber den Nachrückenden, seinen kōhai, wie ein Mentor und Vorbild zu verhalten, darf aber im Gegenzug Gehorsam und Respekt einfordern. Was man hier vorschnell als „typisch japanisch“ bezeichnen möchte, hat dabei seinen Ursprung in konfuzianistischen Prinzipien, die vom chinesischen Festland übernommen wurden. Und so verhält es sich mit vielen Dingen, die man in Japan vorfindet: Die japanische Geschichte ist auch eine Geschichte der Übernahme fremder Ideen. Man darf diese Aussage jedoch nicht so interpretieren, dass die Japaner bloß kopierten: Vielmehr ist die Übernahme fremder Ideen häufig auch mit einer inhaltlichen Weiterentwicklung verbunden.

Eine lange Tradition

Ein exemplarisches Beispiel für eine solche Übernahme und Weiterentwicklung ist die heute in Japan verwendete Schrift. Sie besteht aus drei Arten von Zeichen: Kanji, Hiragana und Katakana. Die Kanji wurden etwa 500 n. Chr. aus China importiert, aus ihnen entwickelten sich später die Silbenschriften Hiragana und Katakana. In der modernen Schriftsprache werden alle drei Zeichenarten gemeinsam benutzt, wobei ihnen unterschiedliche Bedeutungen zukommen. Während man etwas generalisierend sagen kann, dass Hiragana für grammatikalische Konstruktionen zuständig sind und Katakana häufig für ausländische Wörter verwendet werden, so bilden die Kanji nicht nur die Wortstämme, sondern bauen als komplexeste Zeichenart häufig auch auf bildlichen Motiven auf. Ein sehr einprägsames Beispiel dürfte das Zeichen für „Baum“ (木) sein, das – dreimal geschrieben – zum Zeichen für „Wald“ (森) wird. Man sagt, dass zum Lesen einer japanischen Tageszeitung die Kenntnis von etwa zweitausend dieser manchmal mehr und manchmal weniger nachvollziehbaren Zeichen notwendig wäre. Deswegen muss die entsprechende Anzahl nicht nur von japanischen Schulabgängern beherrscht werden – auch Studenten der Japanologie kommen um dieses Pensum nicht herum.

Dazugehören um jeden Preis?

Das Bild des unermüdlich arbeitenden Japaners hält sich hartnäckig, doch wie bei so vielen Klischees steckt auch hier ein Funken Wahrheit dahinter. Das Alltagsleben der Japaner gestaltet sich aufgrund vieler Überstunden und langer Pendelwege tatsächlich als sehr zeitraubend, lange Urlaubszeiten sind eine absolute Seltenheit und mangelnder Schlaf wird schon mal während der Zugfahrten nachgeholt. Was anderswo eine Fahrlässigkeit wäre, bleibt hier aber häufig folgenlos: Japan gilt als eines der sichersten Länder der Welt, Diebstähle sind so gut wie ausgeschlossen. Man bekommt zuweilen das Gefühl, dass die Gesellschaft noch sehr viel mehr zusammenhält, als dies in anderen Ländern der Welt der Fall ist. Um als wirklicher Teil der Gesellschaft zu gelten, muss man jedoch dem hohen Leistungs- und Anpassungsdruck gerecht werden. Wer nach Schule oder Studium in die Arbeitswelt eintritt, wird bezeichnenderweise zum shakaijin, zu einem Menschen der Gesellschaft. Neben der hohen Zahl von Suiziden findet sich dabei eine nicht zu vernachlässigende Gruppe von gesellschaftlichen Aussteigern. Es sind vor allem junge Menschen, die sich vom traditionellen Lebensentwurf nicht länger angesprochen fühlen und entweder als sogenannte Freeter lieber diversen Nebenjobs als einem festen Arbeitsverhältnis nachgehen oder als hikikomori den Umgang mit der Außenwelt gleich komplett einstellen. Fairerweise muss an dieser Stelle aber auch erwähnt werden, dass Umstrukturierungen in der Arbeitswelt es für junge Menschen generell schwieriger gemacht haben, ein reguläres Arbeitsverhältnis zu erreichen.

Aufgaben für die Zukunft

Als wären solche Probleme für sich genommen noch kein Grund zur Sorge, macht sich zusätzlich am Horizont bereits der demographische Wandel bemerkbar. Auch die japanische Gesellschaft wird in Zukunft schrumpfen und altern, man schlägt sich mit den gleichen Problemen herum, die auch Deutschland plagen. Diese Entwicklung wird es erforderlich machen, Lösungen zu suchen, die über die Wiedereingliederung der Freeter und hikikomori hinausgehen. Eine Steigerung der Frauenerwerbstätigkeit steht dabei ebenso im Raum wie eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit. Zusätzlich sollen Arbeitsprozesse automatisiert werden; in Bereichen wie der Robotik gehören japanische Wissenschaftler heute schon zu den führenden der Welt. Die stark konservative, teils sogar nationalistisch geprägte Politik möchte große Immigrationsströme nach Möglichkeit vermeiden. Natürlich schaut man diesbezüglich mit Argusaugen auch auf die Erfahrungen anderer Länder und speziell nachdem Bundeskanzlerin Angela Merkel 2010 erneut davon sprach, dass die multikulturelle Gesellschaft gescheitert sei, sind die Befürworter einer Öffnung kleinlauter geworden. Es wäre in jedem Falle ein interessantes Experiment, Japan auf diese Weise womöglich „gesundschrumpfen“ zu lassen und den frei werdenden Platz in höhere Lebensqualität für die Restbevölkerung umzuwandeln. Ob es gelingt, steht derweil auf einem anderen Blatt.

Geschrieben von Daniel Büscher

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