Wenn das Haustier eines Menschen stirbt, dann ist das für die betroffene Person ein sehr großer Verlust. Wenn sich diese Person daraufhin jedoch umbringt und einen Regisseur dazu veranlasst, einen Film zu drehen, dann war dieser Tod vielleicht nicht ganz umsonst.
In der in der Zukunft angesiedelten Welt von Natural City haben nicht nur die Menschen ihren Platz, sondern auch die leistungsfähigen Cyborgs. Anders wie die Menschen, haben die Cyborgs jedoch eine von vornherein vordefinierte Lebensdauer, bis sie sich abschalten. Dies nennt man in Natural City den so genannten Verfall, der einen Cyborg dazu bringt, seinen wichtigsten Chip – also der, der für die künstliche Intelligenz verantwortlich ist, selbst zu entfernen. Da ist es nur natürlich, dass einige Cyborgs den eigenen unausweichlichen Tod besiegen wollen, doch müssen sie für dieses Ziel wiederum gegen ihre Schöpfer vorgehen. Als diese nämlich erfahren, dass der Wissenschaftler Croy es endlich geschafft hat, eine künstliche Intelligenz in einen menschlichen Körper zu transferieren, wollen die abtrünnigen Cyborgs dieses System umgehend nutzen, um ihrem befristeten Dasein ein Ende zu bereiten. Die Menschen bilden daraufhin eine Task Force, welche die Cyborgs bekämpfen soll. Der Kämpfer R dieser Einheit wehrt sich jedoch dagegen, seine überlegenen Feinde zu exekutieren. Der Grund dafür ist relativ einfach, denn dieser liebt eine Frau, welche ebenfalls ein Cyborg ist und die Zeit ihres Verfalls steht unmittelbar bevor. Der Zeitpunkt rückt immer näher und das Leben des Kämpfers gerät nach und nach aus den Fugen. Er will versuchen, Rias künstliche Intelligenz in den Körper der Prostituierten Cyon zu übertragen.
Cyborg-Liebe
Auf diese Idee kommt sein Gegenspieler Cyper ebenfalls, da dessen Ablaufdatum kurz bevorsteht und auch für ihn ist nur Cyon als neuer Wirt infrage kommt. Die grundlegende Idee, wie es zu Natural City gekommen ist, ist schon sehr obskur. Da stirbt der Hund einer unbekannten Person und Regisseur Min Byung-chun kommen direkt die ersten Bilder in den Kopf, wie eine mögliche futuristische Welt aussieht, in der Cyborgs unterdrückt werden, es aber dennoch Liebe zwischen organischen und anorganischen Lebewesen gibt. Die Gefühlswelt zwischen dem Protagonisten und seiner Cyborg-Liebe wird aber nur geringfügig angedeutet, denn komischerweise hat der Regisseur die zwei wichtigsten Szenen dafür aus dem Film entfernt. So wird dieses Kapitel sehr schnell abgearbeitet und läuft im Hintergrund bis zum Ende weiter. Überhaupt werden Antriebe der Charaktere nur angedeutet und niemals direkt ausgedrückt. Dafür hat es das Produktionsteam innerhalb von vier Jahren geschafft, eine fantasievolle Cyberpunk-Welt zu erschaffen, die in ihren Grundzügen jedoch stark an Ridley Scotts Blade Runner erinnert. Verregnete Nächte und jede Menge Neonreklametafeln kennen wir somit schon und für viele mag Blade Runner immer noch der bessere Film sein, doch ist dieser Stil in Natural City definitiv nicht fehl am Platz. Wir gehen sogar soweit und sagen, dass die Stadt, die aus einzelnen Fragmenten von Hongkong, Thailand und Südkorea besteht, der atmosphärischste Handlungsort in einem Film seit langem ist.
Südkoreanische Science-Fiction
Optisch besticht der Film leider nicht ganz. Zwar sind alle Szenen, die mitten in der Stadt gedreht worden sind, vom Bild her sehr scharf und auch atmosphärisch, doch in Wohnungen und anderen Locations verschwimmt das Bild leider häufig. Unschärfen machen sich bemerkbar. Der Film ist zwar 2003 bereits auf DVD veröffentlicht worden, oder für die Blu-ray-Veröffentlichung hätten wir uns mehr erhofft. So bleibt der Film im 16:9-Format und in 1080p eher auf gehobenem DVD-Niveau. Ärgerlich ist das auch, da der Film überwiegend auf Effekte verzichtet und nur besonders am Anfang, am Ende und am Rande sich darauf konzentriert. Die deutsche Synchronisation ist dafür jedoch sehr gut gelungen, doch wer es wieder mal gerne authentischer mag, muss sich den Film in Koreanisch anhören beziehungsweise anschauen. Untertitel in Deutsch können natürlich hinzu geschaltet werden. Der Soundtrack gehört ebenso zum Besten, was wir seit langer Zeit in einem Film gehört haben. Asiatische, düstere und futuristische Klänge geben sich hier die Klinke in die Hand. Wer nach 108 Minuten immer noch nicht genug von Natural City hat, darf sich circa zwei Stunden Bonusmaterial, bestehend aus einem Making-of und vielen weiteren interessanten Fakten und Tatsachen zum Film, ansehen. Natural City ist ein Film, den sich Science-Fiction-Liebhaber unbedingt einmal anschauen müssen.
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit (basierend auf der Blu-ray-Fassung): Die ersten Minuten von Natural City werden sehr langatmig gestreckt und sind eher nichtssagend, doch nachdem man dem Zuschauer das Konzept des Films nähergebracht hat, nimmt die Handlung richtig an Fahrt auf und beeindruckt dabei mit einer dystopischen Zukunftsvision, schönen Effekten und passenden Charakteren. Jetzt ist es aber leider so, dass man sich vor der Veröffentlichung dazu entschieden hat, die eine oder andere Szene aus dem Film zu entfernen und dadurch ist es leider nicht immer ersichtlich, warum ein Charakter gerade so mit seiner Umwelt agiert. Seine Motivation und sein Antrieb müssen da eher erahnt als nachvollzogen werden. Aufgrund des Cyberpunk-Settings und den vielen kleinen Ideen, mit denen der Film spielt (beispielsweise eine Art Tamagotchi, wo eine Blume ständig mit virtuellem Wasser genährt werden muss), kann ich darüber aber hinwegsehen, zumal die Story jederzeit nachvollzogen werden kann. Ich finde jedoch, dass die Handlung zum Ende hin leider ein wenig an Fahrt verliert. Da hätte sich der Regisseur eventuell alternativ ein kürzeres Finale überlegen können. Natural City werde ich mir sicherlich ein weiteres Mal anschauen, denn dafür hat mir die Welt, die Charaktere und ihre Bedeutungen einfach zu gut gefallen.
Vielen Dank an Splendid Film für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Natural City!