Review: The promised Neverland (Season 2)

Während die erste Staffel von The promised Neverland in Japan 2019 ausgestrahlt wurde, war die zweite Season für das Jahr 2020 geplant. Pandemiebedingt wurde die zwölfteilige Staffel auf das darauffolgende Jahr vertagt – dem Inhalt der Anime-Serie ist das leider anzumerken.

Vermutlich gehört The promised Neverland zu einer der Serien, die bei vielen Anime-Fans unter dem Radar fliegen. Dabei gehört die erste Staffel doch zu jenen Serien, die erzähltechnisch solide und selbstbewusst gestaltet sind. Bei der zweiten Season ist davon, zumindest in der zweiten Staffelhälfte, so gut wie nichts mehr zu spüren. Dennoch greifen gerade die ersten Folgen der Fortsetzung das spannende und durchdachte Konzept des Seriendebüts wunderbar auf. Den Waisenkindern, angeführt von Don, Emma, Gilda und Ray, ist die Flucht aus dem Gracefield-Haus gelungen. Sie wollten nicht länger von der Aufseherin, Mama Isabella, nach und nach als Nahrung für die Monster ausgeliefert werden. Außerhalb der Mauern ihres bisherigen Zuhauses sind sie vollkommen auf sich alleine gestellt. Ihr Verschwinden wurde natürlich bemerkt und so sind sie ab der ersten Minute auf der Flucht vor Monstern. Manche größer und bestialisch, andere wiederum intelligent und fast schon humanoid. Auf ihrer Reise durch den Wald, in dem Tiere existieren, von denen weder die jungen Protagonisten noch der Zuschauer je etwas gehört oder gesehen haben dürften, werden viele Fragen aufgeworfen. So stellen sich Emma und Ray die Frage, ob sie sich überhaupt auf der Erde oder im Jahr 2045 befinden. Anfänglich geht The promised Neverland sehr clever mit der Ausgangssituation um.

Hastiger Wechsel von Handlungsorten

Tatsächlich ist es sehr schwierig, ohne Spoiler auf die zweite Staffel einzugehen. Ohne etwaige Story-Wendungen anzusprechen, ist es nicht möglich, die Schwächen aufzuzeigen, an denen die insgesamt zwölf Episoden bedauerlicherweise leiden. Wer gänzlich unbekümmert an die Serie herangehen möchte, sollte diesen Abschnitt unserer Rezension am besten überspringen. Kurz nach der Flucht trifft die Gruppe auf zwei Monster, die sich mit ihnen in ihrer Sprache unterhalten. Mujika und Sonju essen aus angeblich religiösen Gründen keine Menschen und bieten den Kindern Schutz an. Gerade von Sonju erfahren Emma und Co, wie sie in der Außenwelt überleben können. Sie erhalten unter anderem eine Einweisung in die Jagd. Ihr Weg verläuft in The promised Neverland aber nicht parallel zueinander, auch wenn Mujika in der zweiten Serienhälfte wieder auftaucht und eine zentrale Rolle einnimmt. Die Kinder sind auf der Suche nach William Minerva, der sie mit Hilfe von Morsecodes an eine bestimmte Koordinate lockt. Unter anderem stoßen sie auf eine unterirdische Station. Wer jetzt an die US-amerikanische Fernsehserie Lost denkt, darf genüsslich schweigen. Dort sind sie jedoch nicht lange geschützt. Es folgt eine weitere Flucht, das Leben im Verborgenen und der Kampf gegen die Monster – und an dieser Stelle folgen mehrere und sogar unbequeme Zeitsprünge.

Holprige Zeitsprünge und offene Fragen

Sicherlich gibt es auch in der ersten Staffel von The promised Neverland zumindest einen und wohl auch etwas größeren Zeitsprung. Dieser fühlt sich im Gegensatz zur zweiten Season gut und richtig an. Bei der zweiten Staffel ist an allen Ecken und Enden zu merken, dass Animationsstudio CloverWorks entweder Geld oder Zeit oder beides ausgegangen ist. Da die Produktion genau in den Beginn der Coronavirus-Pandemie fiel, könnte dies ein möglicher Grund für die ungelenke Entwicklung der Episoden sein. Plötzlich vergeht in der Geschichte ein Jahr, dann taucht ein für tot geglaubter Charakter wieder auf und auch Mama Isabella erhält von den Monstern eine neue Chance, sich zu beweisen. Hinzu kommen weitere Erwachsene, die für die Monster für ihren eigenen Vorteil arbeiten. Auch warum die Welt so ist, wie sie ist, und warum Monster Menschen verspeisen, wird eindrucksvoll erklärt. All das passiert aber viel zu schnell. Die Anime-Serie bräuchte eher eine dritte, vierte oder vielleicht sogar fünfte Staffel, um all das im Erzähltempo der ersten Season zu behandeln. Dies ist auch kein Wunder, denn während die erste Staffel 37 Kapitel der Manga-Vorlage umfasst, sind es bei der zweiten Season gleich 144 Kapitel, die abgedeckt werden. The promised Neverland hat zwar einen starken Auftakt, krankt dafür aber an einem nicht ganz so zufriedenstellenden Ende.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf dem Stream bei Amazon Prime): Nachdem ich mir die erste Staffel von The promised Neverland angeschaut hatte, wollte ich unbedingt wissen, wie es mit Emma, Ray und Co weitergeht. Im Vorfeld hatte ich leider schon gehört, dass die zweite Season wirklich schwach sein soll, weshalb ich nicht unbefangen an das Rezensieren der zweiten Staffel herangehen konnte. Bei den Episoden der ersten Staffelhälfte kann ich die negative Kritik, die wie ein Damoklesschwert über der Serie hängt, nicht verstehen. Die wundersame Welt öffnet sich peu à peu, der Zuschauer erfährt neue Details und fiebert mit den Kindern mit, die unter allen Umständen ihr Ziel erreichen wollen. Sobald jedoch die zweite Staffelhälfte anbricht, bröckelt die bis zu diesem Zeitpunkt erbaute Fassade dieser Season. Zeitsprünge, hastig eingeführte Charaktere und sehr viel mehr Einzelheiten werden fast schon im Minutentakt eingebaut und verderben das Sehvergnügen zu einem guten Teil. Stellt euch mal vor, Attack on Titan hätte Inhalte der dritten und vierten Staffel schon in der zweiten Hälfte der langen ersten Staffel untergebracht. So fühlt sich The promised Neverland gerade für mich an. Am Ende bleiben sogar einige Fragen offen. Je nach Anspruch, die der Zuschauer an eine Anime-Serie legt, kann dies recht frustrierend sein. Es ist zwar schön, dass die Story mit der zweiten Staffel zu einem Abschluss gebracht wurde, doch hinterlässt die Serie einen faden Beigeschmack. Beinharte Fans können einen Blick riskieren. Alle anderen sollten sich lieber nach Alternativen umsehen oder auf den Manga von The promised Neverland umsteigen.

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