Review: Revenger

In den letzten Jahren scheinen Samurai in populärkulturellen Werken deutlich an Beliebtheit zu gewinnen – zumindest im deutschsprachigen Raum gibt es wesentlich mehr Videospiele, Filme, Serien, Manga und Anime wie Revenger, welche die klaffende Lücke füllen sollen.

Samurai bleiben bis heute eng mit der japanischen Geschichte verbunden, haben sie doch über Jahrhunderte hinweg anstelle des Kaisers regiert. Oftmals übersehen Fans der adligen Krieger, dass dadurch gravierende gesellschaftliche wie wirtschaftliche Probleme entstanden sind. Ein klarer Fall von Romantisierung, ohne die Revenger zumindest am Rande nicht auskommt. Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Samurai Kurima Raizō, dessen Ehre und Loyalität ausgenutzt wird, um einen Anschlag auf seinen Schwiegervater in spe zu töten. Der geglückte Mordanschlag löst eine Kettenreaktion aus, durch den seine Verlobte Selbstmord begeht. Desillusioniert zieht er als Herumtreiber durch die Gegend. Aufgelesen vom Lackkünstler Usui Yūen erhält er eine zweite Chance, seinem Leben wieder einen Sinn zu geben. Die Lackkunst seines neuen Freundes ist aber nur eine Tarnung, denn tatsächlich leitet Yūen eine Art Agentur für Auftragsmorde. Jeden Auftrag nimmt er aber nicht an. So arbeitet er zusammen mit seiner Untergrundorganisation für einen Priester einer christlichen Kapelle. Sie führen Auftragsmorde für jene Personen aus, die sich einen Mörder nicht leisten können. Symbolisiert über einen Biss in einen koban, einer japanischen Goldmünze der Edo-Zeit, nehmen sie den Groll des Auftragsgebers als Bezahlung. Genau so verläuft das Tagesgeschäft in Revenger.

Tolle Helden, maue Antagonisten

Neben Yūen lernt Raizō schon zu Beginn der auf zwölf Episoden ausgelegten wie feinfühlig abgeschlossenen Geschichte noch weitere Charaktere kennen, mit denen er Hand in Hand arbeitet. Zunächst wäre da sein Zimmergenosse Sōji, der seinen Verdienst beim Glücksspiel verspielt oder es vertrinkt. Kommt er im Kampf zum Einsatz, wirft er mit spitzen Eisenstücken versehene hanafuda-Karten auf seine Gegner. Der androgyn gestaltete Junge Nio verfügt hingegen über einen scharfen Verstand und es setzt in Auseinandersetzungen passend dazu auf mit winzigen Glassplittern besteckte Schnüre. Letzter im Bunde ist der muskelbepackte Arzt Murakami Teppa, der früher einmal Pirat war, die Truppe mit Waffen ausrüstet und aufgrund seiner schieren Körperkraft überdimensional große Bögen spannen kann. Das Charakterdesign von Revenger ist äußerst gut gelungen und erinnert in kleinem Maße sogar an ähnlich vielseitig gestaltete Werke wie Speed Grapher. Leider lässt sich selbiges nicht über die Nebenfiguren sagen, bei denen es sich vorrangig um die Gegenspieler von Raizō und Co handelt. Gerald Kanō bleibt als Priester gesichtslos und nutzt die Praktiken der Kirche für seine Zwecke aus. Dazu gesellt sich eine geheimnisvolle, aber letztlich blasse Nonne. Weitere dubiose Handlanger und Antagonisten sind schlicht in den Opiumhandel in Nagasaki verstrickt.

Guter Abschluss trotz verpasster Chancen

Angesiedelt ist Revenger in der ausgehenden Edo-Zeit, weshalb hier und da bereits aus dem Ausland importierte Gegenstände wie Fotoapparaturen und Zielfernrohre auftreten. Bei der Entwicklung der Anime-Serie sollte tatsächlich das japanische auf das nicht-japanische Weltbild stoßen, aber dies ist nur in wenigen Momenten bemerkbar. Dies hätte sich beim gewählten Handlungsort Nagasaki aufgrund der künstlich angelegten Insel Dejima wunderbar angeboten, da auf dieser Insel der alleinige Handel zwischen Japan und Europa stattfand. Mit dem Opiumhandel kommt der wirtschaftliche Ansatz zwar durchaus zum Tragen, aber mehr haben sich Animationsstudio Nitroplus in Zusammenarbeit mit der Filmgesellschaft Shōchiku nicht getraut. Unter technischen Gesichtspunkten ist die Anime-Serie jedoch über viele Zweifel erhaben, denn die Umgebungen wirken plastisch und lassen den Zuschauer ins mittlere 19. Jahrhundert eintauchen. Auch die Charaktermodelle fügen sich in dieses Bild trotz ihres markanten wie teils eckigen Stils hervorragend ein. Damit steht die Serie im Kontrast zur ähnlich angehauchten Serie Meiji Gekken: 1874, bei dem sich die Hauptfiguren zu stark davon abgehoben haben. Trotz des angemessenen Endes, das vielleicht nach einer Fortsetzung schreit, ist die Story bis auf einzelne Fäden geschlossen. Revenger macht das, was andere Anime-Serien verlernt haben: Loslassen und den Zuschauer mit einem bittersüßen Gefühl zurücklassen.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf dem Stream bei Crunchyroll): Genau genommen erzählt Revenger mehrfach eine Rachegeschichte innerhalb eines historisch anmutenden Settings. Die Story selbst ist natürlich rein fiktiv und auch die Darstellung einzelner Figuren ist durchaus übertrieben. Wer allerdings Anime-Serien dieser Art mag, wird sich aber gerade aufgrund der Protagonisten auf das Werk von Nitroplus einlassen. Trotz vereinzelter Geheimnisse, die im Verlauf der zwölf Episoden erst aufgearbeitet werden, ist die Handlung aufgrund ihrer weitgehend stringenten Erzählweise leicht verständlich. Hinzu kommt tolle Action, die genau richtig dosiert an den Zuschauer übermittelt wird. Zu guter Letzt ist es noch das audiovisuelle Gesamtbild, das wie aus einem Guss wirkt. Schade ist lediglich, dass einerseits die Perspektiven zwischen Japan und Europa nur marginal erkennbar sind, nicht alle Fäden zu Ende erzählt werden und somit eine kleine Hintertür für eine mögliche Fortsetzung offen bleibt. Trotzdem kommt der eigentliche Handlungsstrang zu einem Schluss, den der Zuschauer mit einem bittersüßen Nachgeschmack zurücklässt. Die positiven Aspekte überwiegen bei dieser Serie ganz klar, weshalb Fans der ausgehenden Edo-Zeit ruhig einen Blick riskieren sollten!

Vielen Dank an Crunchyroll für die freundliche Bereitstellung des Zugangs zum Streaming-Angebot!

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