In der Sphäre der kleineren Entwicklerstudios kommt es immer mal wieder zu ebenso kleinen Experimenten, die einen aber durchaus länger an den Bildschirm fesseln können. Keep Driving gehört zu diesen Spielereien, die spaßige Ideen verfolgen, aber nicht alle erreichen.
Stellt euch vor, ihr würdet in den frühen 2000er-Jahren leben. Euer erstes Auto dürfte unter Umständen ein Gebrauchtwagen aus den 1980er-Jahren sein. Anstatt in euer Autoradio eine SD-Karte mit eurer kompletten Musiksammlung zu stecken, seid ihr noch auf CDs angewiesen. Smartphones in ihrer heutigen Form sind ebenso Zukunftsmusik, weshalb euer Mobiltelefon für eine klobige Beule in eurer Hosentasche sorgt. Ein Schelm, der Böses dabei denkt! So und nicht anders könnt ihr euch ungefähr das Szenario von Keep Driving des schwedischen Entwicklerstudios Y/CJ/Y vorstellen, welches im Februar 2025 für den PC veröffentlicht wurde. Zu Beginn des auf ein bis vier Stunden anwachsenden Abenteuers entscheiden wir uns für eine männliche oder weibliche Spielfigur. Zudem geben wir an, wie gut unser Verhältnis zu unseren Eltern im Spiel ist. Das ist tatsächlich sehr wichtig – vor allem, wenn ihr das Adventure zum ersten Mal angeht, kann es wirklich nicht schaden, dass ihr euch mit euren Altvorderen vertragt. Haben wir uns für ein Starterpaket an Items und unseren Wagen entschieden, geht die Reise auch schon los. Von einem Freund erfahren wir per Brief, dass in vier Wochen ein Konzert ansteht, an dem wir teilnehmen wollen. In Keep Driving ist wie in Road to Guangdong der Weg das Ziel, denn auf dem Roadtrip erleben wir allerhand Geschichten.
Roadtrip mit Hindernissen
Erzählt wird das Adventure aus der zweidimensionalen Seitenansicht. Im Pixel-Look, der an wohlige 8- und 16-Bit-Zeiten erinnert, fahren wir im Grunde nur automatisch von links nach rechts. Zwischendurch ist es jedoch unsere Aufgabe, verschiedene Entscheidungen zu treffen. Dies beginnt bereits beim Sinnieren unseres Protagonisten über etwaige Erlebnisse oder persönliche Eigenschaften, die mitunter unseren Status bestimmen. Juckt es beispielsweise auf unserem Kopf, haben wir die Möglichkeit, uns an besagter Stelle zu kratzen. Dies verpasst uns allerdings einen schmutzigen Status. Mit Hygieneartikeln lässt sich das problemlos korrigieren, doch bis dahin erhalten wir einen Malus auf Erfahrungspunkte. Ja, auch Rollenspiel-Elemente kommen in Keep Driving vor. Zwischen den Standorten von Tankstellen, Rastplätzen und Kleinstädten kommt es immer wieder zu kleinen Begegnungen. Lauern Vögel auf der Fahrbahn, wird diese von einer Herde Schafe blockiert, liegt eine Leiche am Straßenrand oder verzögern Schlaglöcher den Roadtrip, müssen diese Gefahren mit unseren Skills beseitigt werden. Das klingt allerdings spektakulärer als es ist. Wir müssen lediglich die passenden Skills auf die Gefahrensymbole schieben. Gelingt uns dies nicht, verliert unsere Spielfigur wertvolle Energie, unser Tank Sprit oder unser Wagen erhält ein paar ärgerliche Dellen.
Spannendes Item-Management
Hinzu kommt, dass diese Erlebnisse sich zunehmend wiederholen. Binnen weniger Minuten ist es also durchaus möglich, dass wir gleich dreimal gegen eine Schar Krähen „kämpfen“. In unseren Augen hätte Keep Driving eine höhere Varianz durchaus gut getan. Besser gefallen uns da schon Tramper, die uns am Straßenrand zum Anhalten bewegen. Da steigt schon mal eine Braut zu uns ins Auto, die von ihrer eigenen Hochzeit geflohen ist. Auch ein Musiker ist mit von der Partie, dem wir im Kofferraum sogar Platz für seine Gitarre machen müssen. Item-Management ist ein weiteres Charakteristikum des Spiels. Ähnlich wie in Diablo II und Co müssen wir Items richtig verstauen, um den Platz möglichst effizient auszunutzen. Manche Items lassen sich sogar im Handschuhfach unterbringen und im Kampf verwenden. Eine gute Vorbereitung ist dementsprechend sehr hilfreich. Geht uns der Platz aus, können wir die Sitze auch umklappen, um mehr Stauraum zu schaffen. Bleiben wir irgendwann mit dem Auto liegen und haben kein Geld mehr für den Abschleppdienst, hilft nur noch der Griff zum Telefon. Tja, aber ob unsere Eltern unseren Roadtrip weiterhin finanzieren wollen, hängt prozentual davon ab, wie gut wir uns mit ihnen verstehen. Die ein- bis vierstündige Einzelspieler-Erfahrung von Keep Driving könnte also durchaus schneller vorbei sein, als uns lieb ist.
Kurzweiliges Adventure
Bedientechnisch ist am Spiel nichts auszusetzen. Es sei jedoch gesagt, dass das Spiel kurz vor Release nur über eine Steuerung per Maus und Tastatur zugänglich war. Diese Steuerungsmethode klappt ordentlich und wir können uns derzeit auch nur schwer vorstellen, wie das Spiel vernünftig mit einem Controller spielbar wäre. Wir haben uns schnell an die komfortable Bedienung zusammen mit dem intuitiven Interface von Keep Driving gewöhnt. Letzteres geht sogar soweit, dass wir unseren CD-Player im Auto persönlich konfigurieren können, sprich im Detail angeben, welche Songs genau auf der Playlist landen. Das passt vielleicht nicht so ganz in die Zeit, ist aber dennoch eine nette Spielerei mit Retro-Charme. Auch auf den verspielten Pixel-Look trifft dies zu, der vor allem auf große Sprites setzt. Zwar mag gerade der Hintergrund hier und da verschwommen wirken, doch gerade die vordergründigen Grafikelemente können überzeugen. Lediglich die Symbole in den Kämpfen könnten etwas größer beziehungsweise deutlicher zu erkennen sein. So wird die Spielbarkeit ein wenig beeinträchtigt. Am ehesten erinnert uns der Titel an das Adventure Where the Water tastes like Wine, erreicht aber nicht ganz dessen Qualität. Wer auf Abenteuerspiele steht und eine knackige Spielerfahrung sucht, sollte sich das kurzweilige Keep Driving aber dennoch einmal anschauen.
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit: Manchmal weiß ich gar nicht, woher auf einmal all diese kleinen Spiele kommen, von denen ich im Vorfeld meist überhaupt nichts gehört habe. Auch Keep Driving kam für mich wie aus dem Nichts. Dennoch wird der Titel aus meinen Erinnerungen wohl nicht so schnell verschwinden. Dies liegt nicht nur an der zeitgenössischen Musik der 2000er-Jahre und dem Pixel-Charme, sondern auch an der grundlegenden Spielidee. Mich einfach auf einen Roadtrip einzulassen und zu schauen, was als nächstes passiert, ist eine unfassbar meditative Erfahrung. Ich hätte mir jedoch gewünscht, dass die Entwickler den Fokus deutlich mehr auf die Story legen würden. Die puzzleartigen Kämpfe sind zwar durchaus interessant, wiederholen sich für meinen Geschmack aber viel zu oft. Da finde ich es viel interessanter, was mir die ganzen von mir aufgenommenen Anhalter nebenher erzählen. Ganz an Road to Guangdong oder Where the Water tastes like Wine kommt Keep Driving im Großen und Ganzen zwar nicht heran, aber dennoch möchte ich eine Empfehlung für Adventure-Fans aussprechen, die einfach mal etwas abseits der Norm spielen wollen und sich eher etwas Entspannung vor dem Bildschirm wünschen.
Vielen Dank an Future Friends Games für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Keep Driving!