Mit dem sechsten Band der Manga-Reihe der Perfect Edition leitet Neon Genesis Evangelion das große Finale ein. Dabei wird zumindest in diesem Band klar, dass sich der Manga deutlich mehr an die Revision aus dem Abschlussfilm The End of Evangelion als an das ursprüngliche Serienfinale anlehnt. Dennoch bietet auch der sechste Band an ein paar wenigen Stellen reichlich Raum zum Atmen. Soll heißen, dass die Story zwar im Kern gleich bleibt, aber dennoch alternierend zur Anime-Serie steht. Allen voran erhält das vom Komitee geschickte wie zunächst noch undurchschaubare Fifth Children Nagisa Kaworu mehr Platz, um sich zu entfalten. Dadurch werden dem Leser ein paar Hintergründe klarer. Auch die Beziehung zum Third Children und Protagonist Ikari Shinji erreicht somit eine deutlich glaubhaftere Wirkung als es in der Anime-Vorlage von Neon Genesis Evangelion der Fall ist. Im Kampf gegen die Engel spitzt sich die Lage derweil immer weiter zu: Ohne dass irgendjemand beim Unternehmen NERV es gewusst hätte, ist der letzte der Engel bereits angekommen und wartet nur darauf, mit aller Macht ins Central Dogma hinabzusteigen. Shinji hat hierbei eine folgenschwere Entscheidung zu treffen, denn von ihm hängt maßgeblich die Zukunft der Menschheit ab. Gelingt es dem Engel, das Central Dogma zu erreichen, so würde der Third Impact ausgelöst werden.
Unerwartet befriedigende Enthüllungen
Darüber hinaus zeigt sich in Neon Genesis Evangelion, dass nicht nur die Engel eine Bedrohung für die Menschheit sind. Auch der Mensch selbst steht sich im Weg, da er noch zu sehr viel übleren Gräueltaten imstande ist. Das Hauptquartier von NERV muss sich deshalb auch einem Angriff von SEELE erwehren, bei dem nicht nur Nebenfiguren den Tod erleiden. Diese Grausamkeiten haben zwar in der Anime-Serie durch die Animationen einen größeren Effekt auf den Zuschauer, doch auch dem Leser des Mangas bleibt ein Rest Fassungslosigkeit nicht erspart. Da der Anime für den einen oder anderen Zuschauer zum Schluss immer unverständlicher wurde und Regisseur Anno Hideaki dafür maßgeblich Kritik erfuhr, füllt der Manga von Sadamoto Yoshiyuki ein paar Lücken. Insbesondere die Handlungsweise von Gendō Ikari sei hierzu erwähnt. Unter anderem erfährt der Leser mehr über dessen Verbindung zu Adam, seinem Verhältnis zu seinem Sohn Shinji und der Trauer um seine verstorbene Frau Yui. Sogar Einzelheiten zum First und zum Second Impact bleiben nicht außen vor. Das ist eine wahre Wohltat, denn so wirkt Neon Genesis Evangelion tatsächlich greifbarer. Trotz unerwartetem Auftauchen von Charakteren an überraschenden Stellen bleibt der Manga den turbulenten Ereignissen treu. Es bleibt abzuwarten, zu was die künstlerische Freiheit im letzten Band führt.
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit (basierend auf der ersten Auflage): Da ich mich zu den Personen zähle, die von dem Ende der Anime-Serie Neon Genesis Evangelion nicht gänzlich überzeugt sind, war ich anfangs skeptisch, wie gut das Finale der Geschichte in Manga-Form überhaupt funktionieren kann. Der sechste Band der Perfect Edition hat mich jedoch eines Besseren belehrt, denn trotz teils recht konfuser Handlungsstränge gelingt es dem Manga, wichtige Verständnislücken zu schließen. Zudem überrascht Künstler Sadamoto Yoshiyuki mit plötzlichen Storywendungen, die aber dennoch zum eigentlichen Handlungsstrang der Anime-Vorlage zurückzukehren, ohne dass die ergänzten Inhalte einen spürbaren Einfluss auf diesen hätten. Begrüßenswert ist meinen Augen auch, dass der Manga offenbar auf das revidierte Ende von The End of Evangelion setzt. Inwiefern Sadamoto den Grundgedanken von Regisseur Anno Hideaki im letzten Band der Reihe aufgreift, wird sich zeigen. Bislang bin ich jedoch sehr angetan – und hoffe, dass sich schlussendlich künstlerische Freiheiten und die Vision des Erfinders sich nicht allzu sehr beißen.
Vielen Dank an Carlsen Manga für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Neon Genesis Evangelion [Perfect Edition] (Band 6)!
Abbildungen: AIZOUBAN NEON GENESIS EVANGELION © Yoshiyuki Sadamoto 1994, KADOKAWA CORPORATION