In den frühen 1990er-Jahren erschienen für das Sega CD, die CD-ROM-Erweiterung für das Sega Mega Drive, zwei Rollenspiele, die zu den meistverkauftesten Spielen des Systems gehören. Über die Jahrzehnte folgten etliche Neuauflagen wie die Lunar Remastered Collection.
Obwohl es mehrere Remakes für etwaige Plattformen wie die PlayStation, die PlayStation Portable oder den Game Boy Advance gibt, haben sich Entwicklerstudio Ashibi und Herausgeber GungHo Online Entertainment darauf geeinigt, die PlayStation-Versionen von Lunar: The Silver Star und Lunar: Eternal Blue als Grundlage für die im April 2025 veröffentlichte Remastered Collection zu verwenden. Am Inhalt der beiden Spiele ändert sich dadurch aber nicht viel, spielten sich doch auch schon die Ende der 1990er-Jahre erschienenen PlayStation-Fassungen leicht veraltet. Immerhin wurden diese mit etlichen Anime-Sequenzen ausgestattet, weshalb sich das erneute Durchspielen unter Fans der japanischen Zeichentrickkunst lohnte. Auch die Geschichten der einstigen 16-Bit-Rollenspiele wissen mit weitgehend leichter Kost zu gefallen, auch wenn sie in beiden Fällen erst Stunden nach Spielstart so richtig loslegen. In Lunar: The Silver Star schlüpfen wir beispielsweise in die Rolle von Alex, der seinem Idol Dyne nacheifert und selbst Drachenmeister werden will. Seine Reise führt ihn mit der Waise Luna, seinem Freund Ramus und nicht zuletzt dem geflügelten Katzenwesen Nall rund um die Welt. Das Streben nach Ruhm ist dem Bösewicht aber ein Dorn im Auge. Sobald dessen Identität enthüllt ist, überzeugt Lunar: The Silver Star bis zum ausufernden Finale durchweg.
Kurze Abenteuer mit Längen
Lunar: Eternal Blue ist etliche Jahrhunderte nach den Ereignissen des Seriendebüts angesiedelt. Diesmal übernehmen wir die Kontrolle über Schatzsucher Hiro, der in einem Turm auf die hübsche Lucia trifft. Diese wurde vom blauen Stern auf den Planeten Lunar entsandt, da eine bedrohliche Macht nach der Zerstörung der Welt trachtet. Hiro und das geflügelte Katzenwesen Ruby beschließen, Lucia auf der Suche nach der Göttin Althena zu begleiten. Mit der Zeit lernen sie ähnlich wie Alex im Vorgänger neue Verbündete kennen, die sich ihnen auf der Reise anschließen. Bis die Story so richtig in Fahrt kommt, dauert es allerdings auch hier ungefähr bis zur Spielmitte. Bis zum Finale dauert es in beiden Fällen ungefähr 25 Stunden. Lunar: Eternal Blue bietet jedoch Post-Game-Inhalte, welche die Story nach dem Abspann nochmals um circa sieben Stunden erweitern. Für ein Spiel der frühen 1990er-Jahre ist das noch eine Seltenheit! Rechnet ihr die Spielzeit beider Titel zusammen, kommt ihr in der Lunar Remastered Collection auf etwa 55 bis 60 Stunden. Das mag zwar an sich weniger sein als große Rollenspiele der 2020er-Jahre von uns abverlangen, doch ist das Gameplay beider Rollenspiele eher schmalspurig und bietet im Rahmen von Erkundung, Dialogen und Kampfsystem nur wenig Abwechslung. Daher sind wir über die „kurze“ Spielzeit doch eher erfreut.
Standardkost mit Feinheiten
Am Gameplay selbst orientieren sich die beiden Titel an der Standardkost japanischer Rollenspiele. Wir ziehen über eine Weltkarte von einer Stadt zur nächsten, erkundigen uns in den Ortschaften nach dem hiesigen Problem, bieten unsere Hilfe an, besuchen einen Dungeon, finden in diesem wertvolle Items, bekämpfen nebenher zahlreiche Gegner, sammeln Erfahrungspunkte, steigen im Level auf und kaufen uns mit erbeutetem Gold zurück in der Stadt neue Ausrüstung, die uns noch stärker macht. Im Gegensatz zur Sega-CD-Version sind die Monster in der Variante für die PlayStation aber sichtbar, weshalb wir ihnen in den Dungeons teils aus dem Weg gehen können. Empfehlenswert ist das aber gerade im zweiten Serienteil nicht, da vor allem die Bosskämpfe ziemlich hart sein können und jeder vorherige Stufenaufstieg Vorteile mit sich bringt. Unter anderem können unsere Charaktere dann öfters pro Runde angreifen, eine größere Distanz auf dem Schlachtfeld überwinden oder schlicht neue Zaubersprüche auf die Gegner hetzen, die größeren Schaden anrichten oder mehrere Feinde auf einmal treffen. Während das im ersten Serienteil wunderbar klappt, sind in der Fortsetzung häufig Laufwege zurück ins Dorf notwendig, um die Wunden an den Statuen der Göttin zu heilen, da Gegenstände zum Auffrischen von Magiepunkten dann doch recht teuer ausfallen.
Verpasste Remaster-Chancen
Daran ist zu erkennen, dass Ashibi nur sehr wenig unternommen hat, um die Spiele an heutige Geflogenheiten anzupassen. Zu erkennen ist dies nicht nur am schwankenden Schwierigkeitsgrad, der gerade Einsteigern zusetzen könnte, sondern auch an der Bedienung. Zwar gewöhnen wir uns mit etwas Einarbeitungszeit an die Menüstrukturen, doch vor allem in Lunar: The Silver Star müssen wir stets aufpassen, dass wir nicht gerade ausgerüstete Waffen oder Rüstungen verkaufen. Das klappt bei Lunar: Eternal Blue schon deutlich angenehmer. Beim zweiten Serienteil fragen wir uns jedoch, warum wir in Dungeons nur für ein paar Schritte laufen können, wenn das Ausweichen von Gegnern ohnehin nicht empfehlenswert ist. Auch dass die Auto-Battle-Funktion beim ersten Teil wunderbar funktioniert, unsere Charaktere in der zweiten Episode aber inflationär Items und Magiepunkte verschwenden, ist ein Ärgernis. So zieht sich die Erkundung der Dungeons unfassbar in die Länge. Immerhin lässt sich die Kampfgeschwindigkeit in der Lunar Remastered Collection verdoppeln oder verdreifachen, weshalb wir hier sehr viel Zeit einsparen können. Ansonsten ist allerhöchstens die höhere Auflösung, die jedoch Pixelflimmern vor allem bei Grasflächen verursacht, erwähnenswert. Wer kein Problem mit den altmodischen Mechaniken und Lust auf zwei Rollenspiele der alten Schule hat, sollte sich davon aber nicht abschrecken lassen und darf trotz allem einen Blick riskieren.
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit (basierend auf der PlayStation-4-Fassung): Lange Zeit wollte ich die Lunar-Reihe nachholen. Zumindest die ersten beiden und vermutlich auch besten Episoden des Franchises konnte ich mir dank der Lunar Remastered Collection endlich zu Gemüte führen. Obwohl ich Videospiele der frühen 1990er-Jahre vergöttere, muss ich sagen, dass beide Serienteile nicht ganz meinen Geschmack treffen. Es dauert für mich zu lange, bis die Story so richtig in Fahrt kommt. Bis dahin geht es in den Dialogen häufig zu humorvoll mit etlichen sexuellen Anspielungen zu. Schlimm finde ich das nicht, aber wenn das dafür sorgt, dass sich die erste Spielhälfte beider Serienteile zu gestreckt und belanglos anfühlt, ist das schon ein herber Dämpfer. Dafür spielen sich die Kämpfe recht flott und auch das Erkunden der Spielwelt macht mir größtenteils Spaß. Ich finde es nur schade, dass es über 25 Stunden in beiden Serienteilen nur wenig Abwechslung gibt und der Schwierigkeitsgrad gerade für Einsteiger ins Genre womöglich an einigen Stellen zu hoch sein dürfte. Gerade der zweite Serienteil leistet sich hier ein paar unschöne Ausreißer. Zudem gibt es in der Lunar Remastered Collection kaum Verbesserungen oder Neuerungen. Hier haben Entwickler und Herausgeber einige Chancen verpasst. Wer aber ohnehin lieber in Nostalgie schwelgt und sich auf das auch damals schon leicht betagte Gameplay einlassen will, kommt um die Lunar Remastered Collection nicht herum – oder schaut sich gleich eine der alternativen Versionen der Klassiker an.