Special: Game Boy Advance – Der Letzte seiner Art

Am 21. März 2001 erschien in Japan der Game Boy Advance aus dem Hause Nintendo. Niemand konnte zu diesem Zeitpunkt ahnen, dass die Linie der Game Boys mit ihm aussterben würde – und das trotz starker Verkaufszahlen von fast 82 Millionen verkauften Einheiten.

Eigentlich hätte der Game Boy bereits in den 1990er-Jahren eingestellt werden können. Das liegt nicht etwa daran, dass der sich später als erfolglos entpuppende Virtual Boy Nintendos Handheld-Reihe hätte ablösen können, sondern viel mehr an zwei ganz bestimmten Spielen. Damit gemeint sind die grüne und die rote Edition der Pokémon-Videospielserie. Aufgrund des immensen Erfolgs der Pokémon-Spiele wurde der Game Boy weiter unterstützt, sodass Hardware-Revisionen wie der Game Boy Pocket und der Game Boy Color folgten. Ein richtiger Nachfolger, der technisch einiges anders macht und somit neue Spielerlebnisse ermöglicht, blieb allerdings vorerst aus. Erst am 21. März 2001 konnte der Game Boy Advance zeigen, zu welcher Leistung Handhelds im Stande sind. Mit dem gleich 16,8 Megahertz starken 32-Bit-Prozessor ARM7TDMI, 32 Kilobytes Arbeitsspeicher, 96 Kilobytes Grafikspeicher und 256 Kilobytes dynamischen Arbeitsspeicher stellt der Game Boy Advance mit seinen aus heutiger Sicht recht bescheidenen Hardware-Spezifikationen seinen Vorgänger in den Schatten. Auf einem 4,08 mal 6,12 Zentimeter großen Bildschirm wurde auf dem Game Boy Advance dem mobilen Spielen neues Leben eingehaucht. Zum einen ist der leicht breitere Screen etwa 25 Prozent größer und zum anderen kann der Handheld satte 512 Farben gleichzeitig darstellen.

Nintendo trumpft auf

In Japan stellte Nintendo mit Kuru Kuru Kururin, Napoleon, F-Zero: Maximum Velocity und Super Mario Advance gleich vier Titel zum Launch bereit, von denen drei auch in Europa bei Konsolenstart um die Gunst der Käufer buhlten. Napoleon blieb bis heute dem japanischen und dem – wie könnte es auch anders sein – französischen Publikum vorbehalten. Die französische Version ist heute eines der seltensten und damit auch teuersten Spiele des Handhelds. Über den Lebenszyklus des Geräts, der sich überraschend nur bis zur Mitte der 2000er-Jahre erstreckte, erschienen von Nintendo jede Menge erinnerungswürdiger Spiele. Mit Golden Sun und Golden Sun: Die vergessene Epoche zauberte Nintendo eine viel zu kurzlebige Rollenspielmarke auf die Konsole und mit Fire Emblem: The Blazing Blade veröffentlichte der japanische Konzern den ersten Teil der heute weltweit geschätzten Strategie-Rollenspielreihe außerhalb des japanischen Mutterlandes. Apropos Strategie: Mit Advance Wars durften erstmals auch Europäer und Nordamerikaner Hand an die Wars-Reihe legen. Das 2019 geschlossene Entwicklerstudio AlphaDream legte mit Mario & Luigi: Superstar Saga den Grundstein einer Super-Mario-Rollenspielreihe. Sowieso ist der schnauzbärtige Klempner mit etlichen Jump-’n’-Runs und dem Sportprogramm auf dem Game Boy Advance nicht mehr wegzudenken.

Reichhaltige Drittherstellerunterstützung

Es waren jedoch nicht nur die Nintendo-Titel, die den Game Boy Advance am Leben hielten. Auch zahlreiche Dritthersteller haben unzählige Spiele für den Handheld veröffentlicht. Einen gar nicht so viel weniger erwähnenswerten Sammlerwert wie Napoleon haben zum Beispiel die drei Episoden der Castlevania-Reihe, sprich Circle of the Moon, Harmony of Dissonance und Aria of Sorrow. Dabei führen die Spiele das Kunststück fort, wie sich die Castlevania-Reihe mit Symphony of the Night auf der PlayStation endgültig verändert hatte. Marvelous Interactive portierte und erweiterte eines der bis heute beliebtesten Harvest-Moon-Spiele für die Hosentasche. Harvest Moon: Friends of Mineral Town gilt als eines, wenn nicht sogar als das letzte richtig gute Spiele der Reihe. Rollenspieler kommen auf dem Game Boy Advance allerdings ganz besonders zum Zug. Vor allem deutsche Spieler freuen sich darüber, fünf der sechs ersten Final-Fantasy-Serienteile mit einer offiziellen deutschen Übersetzung zu spielen. Selbst Final Fantasy Tactics Advance hat es nach Europa geschafft. Capcom hat hingegen mit Mega Man Zero eine neue Spin-off-Reihe um den Androiden erschaffen. Zudem durfte sich Capcom mit The Minish Cap ein letztes Mal an der The-Legend-of-Zelda-Reihe versuchen – noch so ein Spiel, das Fans der Serie und der Konsole nachhaltig in Erinnerung geblieben ist.

Dreifache Hardware-Revision

Trotz des reichhaltigen Videospielangebots gab es von Seiten der Fans und der Presse Kritik am Game Boy Advance. Da der Bildschirm des Handhelds über keine Antireflexbeschichtung verfügt, ist dieser entsprechend auch nicht entspiegelt. Soll heißen, dass gemütliches Spielen besonders bei Sonnenlichteinstrahlung nur schwer möglich ist. Dazu trägt auch eine fehlende Hintergrundbeleuchtung bei. Entsprechend hat Nintendo mit dem Game Boy Advance SP im Jahr 2003 die erste Hardware-Revision der Konsole ins Rennen geschickt. Im Gegensatz zum ursprünglichen und horizontal gehaltenen Modell kann der vertikal ausgerichtete Game Boy Advance SP zugeklappt werden. Zudem ist er mit einer Frontbeleuchtung für den Bildschirm ausgestattet, die auf Knopfdruck aktiviert werden kann. Im Jahr 2005 erschien noch ein weiteres Modell des Game Boy Advance SP, bei der die Frontbeleuchtung zugunsten einer deutlich angenehmeren Hintergrundbeleuchtung mit zwei Helligkeitsstufen ausgewechselt wurde. Fast schon kurios wirkt Nintendos Entscheidung, im selben Jahr eine weitere Hardware-Revision zu veröffentlichen. Damit ist der Game Boy Micro gemeint, der mit seinem stark geschrumpften Gehäuse und seinem noch kleinerem Bildschirm zwar in jedwede Jackentasche passt, aber auf Features wie die Abwärtskompatibilität zum Game Boy und zum Game Boy Color verzichtet.

Kurzlebige Konnektivität

Ein besonders interessantes Feature, auf das lediglich der Game Boy Micro verzichtet, ist die Konnektivität mit dem Nintendo GameCube. Über ein Verbindungskabel, das vom Game Boy Advance in eine der vier Controller-Buchse der würfelförmigen Konsole führt, ist es in wenigen Spielen möglich, Daten zwischen zwei verschiedenen, aber dennoch zusammengehörigen Spielen, auszutauschen. Auf diese Weise können nach Pokémon Colosseum und Pokémon XD: Der dunkle Sturm beispielsweise Pokémon transferiert, von Animal Crossing umgekehrt freigeschaltete NES-Spiele auf den Handheld übertragen und in The Legend of Zelda: The Wind Waker mit dem so genannten Tingleceiver sogar ein neues Item verwendet werden. Mit The Legend of Zelda: Four Swords Adventures und Final Fantasy: Crystal Chronicles gibt es zudem zwei Spiele, die im Mehrspielermodus zwangsweise auf den Game Boy Advance setzen, da essentielle Bildschirminformationen nur auf dem Handheld angezeigt werden, die sonst den Spielfluss auf dem Fernseher unterbrechen würden. Ende 2004 änderte sich für den Game Boy Advance nicht nur in dieser einen Hinsicht alles, denn mit dem Nintendo DS zauberte der Hersteller einen neuen Handheld aus dem Ärmel. Dieser schluckt zwar auch Software vom Game Boy Advance, unterstützt aber so gut wie keine Hardware von diesem mehr.

Das Ende der Linie

Am Ende stellt sich die Frage, warum der Game Boy Advance im Jahr 2021 noch keinen richtigen Nachfolger erhalten hat. Wie Nintendo-Fans wissen, kann diese Frage eben mit besagtem Nintendo DS beantwortet werden. Neben GameCube und Game Boy Advance ursprünglich als drittes Standbein gedacht, mauserte sich der Handheld mit zwei Bildschirmen zu einem unschlagbaren Erfolg, der über Jahre hinweg die Verkaufszahlen des Game Boy Advance bis Ende 2019 fast verdoppeln würden. Bis heute ärgern sich Fans des Handhelds, dass das japanische Unternehmen stolz behauptet hat, trotz des neuen Geschäftszweigs auch weiterhin am Game Boy Advance festzuhalten. Das mag anhand der Hardware-Revisionen von 2005 im ersten Moment zwar stimmen, doch Nachschub an Spielen blieb nach der Markteinführung des innovativen Nintendo DS so gut wie aus. So veröffentlichte Nintendo mit Donkey Kong: King of Swing, Donkey Kong Country 3: Dixie’s Double Trouble, Mario Power Tennis, Polarium Advance und Pokémon: Mystery Dungeon – Team Rot gerade einmal fünf weitere Spiele aus eigener Produktion. Am Ende war es nicht die Schuld der Verbraucher oder des Handhelds selbst, warum dieser im Jahr 2009 eingestellt wurde: Nintendos plötzlicher Innovationswahn(sinn) veränderte mobiles Spielen und mobile Spiele für ein neues Jahrzehnt nachhaltig und besiegelte damit das Ende des Game Boy Advance, dem Letzten seiner Art.

Geschrieben von Eric Ebelt

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