Review: Resident Evil: Welcome to Racoon City

Resident Evil wurde anderthalb Jahrzehnte lang von Paul William Scott Anderson als Regisseur beziehungsweise Drehbuchautor regelrecht vergewaltigt. Für Resident Evil: Welcome to Racoon City aus dem Jahr 2021 hat der Brite Johannes Roberts das Ruder übernommen.

Als Paul Anderson zu Beginn der 2000er-Jahre beim Dreh der allerersten Realverfilmung von Capcoms Videospielreihe Resident Evil seine Hauptdarstellerin Milica „Milla“ Jovovich kennenlernte, ahnte wohl niemand, dass die folgenden Filme als Arbeitsbeschäftigungsmaßnahme für die Schauspielerin dienen sollten, die Anderson 2003 sogar geehelicht hat – Vetternwirtschaft wie sie im Buche steht! Wäre darüber noch hinwegzusehen, entfernte sich die Resident-Evil-Filmreihe bis hin zu Resident Evil: The Final Chapter aus dem Jahr 2016 immer mehr von der Videospielvorlage. Spätestens ab dem dritten Film war wohl jeder Resident-Evil-Fan verprellt. Für das schlichte Popcornkino hat es aber wohl gereicht, schließlich haben die Filme mit verhältnismäßig geringem Budget ein Vielfaches davon eingenommen. Nichtsdestotrotz legte die Filmreihe keine sonderlich lange Pause ein, denn bereits 2017 wurde beschlossen, ein Reboot zu starten, welches sich deutlich näher an den Survival-Horror-Spielen orientieren sollte. 2020 wurde schließlich gedreht – mit einem deutlich kleineren Budget als bei der The Final Chapter. Es ist nicht klar, ob es an diesem Geiz lag oder ob die Welt ab 2020 erst einmal die Schnauze voll hatte von tödlichen Viren, einschränkenden Pandemien und vor allem die durch Filme und Fernsehserien wie zum Beispiel The Walking Dead zunehmend ausgelutschten Zombies, aber sonderlich erfolgreich war das Reboot leider nicht.

Fanservice Deluxe

Dabei versucht Welcome to Racoon City, das im Grunde die ersten beiden Serienteile aus den Jahren 1996 und 1998 nacherzählt, unfassbar nahe an der Vorlage zu bleiben, was sich in so vielen Details widerspiegelt. Ganze Kamerafahrten entspringen eins zu eins dem Spiel wie etwa dem Lastwagenunfall mit Personen- respektive Zombieschaden zu Beginn des Films, oder auch dem mit dem Rücken zum Zuschauer gewandten Zombie, der bei seiner Mahlzeit gestört wird und sich langsam umdreht und in die Linse blickt. Selbst an feste Kamerawinkel wurde gedacht, um ein Gefühl der Machtlosigkeit von den Charakteren auf den Zuschauer zu übertragen. Hinzu kommen wunderbar detaillierte Kostüme, versteckte Anspielungen an die Videospiele wie etwa herumstehende Vasen oder die obligatorischen Schreibmaschinen. Die meiste Zeit über sind es aber die Schauplätze, die dank Chroma Keying so aussehen, als würden die Schauspieler sich durch die Spielwelt bewegen. Das Polizeirevier, seine Tiefgarage oder die Spencer-Villa sehen ihrem digitalen Pendant täuschend ähnlich. Was in Welcome to Racoon City an Fanservice abgeliefert wird, lässt sich kaum in Worte fassen. Da schmerzt es umso mehr, dass der Film von der Zielgruppe nicht angenommen wurde. Die große Leinwand ist wohl eben nichts für Detailfetischisten. Auch der Massenmarkt will bedient werden.

Geraffte Erzählung mit Zeitsprüngen

Leider, und das müssen auch die allergrößten Fans eingestehen, hat der Film so seine Problemchen, die ins Gesamtbild einfließen. In lediglich 108 Minuten Laufzeit werden gleich zwei ganze Handlungsbögen von zwei vollwertigen Videospielen gepresst, was dazu führt, dass der Film in der einzigen erzählten Nacht mit Zeitsprüngen arbeitet und auch noch Rückblenden in diese mit einbauen muss, um dem Zuschauer die Vorgeschichte der beiden Hauptfiguren Claire und Chris Redfield schmackhaft zu machen. Beide wuchsen im Waisenhaus des titelgebenden Racoon City auf, doch flüchtete Claire eines Nachts und ließ ihren Bruder zurück. Daraus resultiert ein schwieriges Verhältnis, was immerhin ganz passabel vermittelt wird. Als Claire davon erfährt, dass in Racoon City Experimente mit dem Trinkwasser angestellt werden, will sie ihren Bruder, der inzwischen bei der Polizei tätig ist, warnen. Schon auf dem Weg in die fiktive US-amerikanische Kleinstadt bekommt der Zuschauer mit, welchen Schaden das vergiftete Wasser bei den Menschen anrichtet. Dann wird auch noch eine Leiche in der bereits erwähnten Spencer-Villa gefunden, weshalb Chris und sein Team entsandt werden, den Hintergrund aufzudecken. Zu dem Team gehören unter anderem auch die beiden Resident-Evil-Ikonen Jill Valentine und Albert Wesker, wobei Letzterer seine ganz eigenen Ziele verfolgt.

Unvollständigkeiten

Somit konzentriert sich Welcome to Racoon City auf zwei Baustellen. Einerseits dreht sich alles um Chris, Jill und Albert, und andererseits muss Claire mit Hilfe des frisch gebackenen Polizeibeamten Leon S. Kennedy versuchen, ihren Bruder aufzuspüren. Grundsätzlich geht der Film dabei behutsam vor und integriert sogar ein Rätsel in die Storyline. Es ist noch nicht einmal schlimm, dass Dialoge und manche Situationen so gestellt wirken, zumal die Videospielvorlage sich hier auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Allerdings wird der Zuschauer vor unvollendete Tatsachen gestellt. Die Umbrella Corporation wird in ein bis zwei Sätzen als gieriger und über Leichen gehender Konzern charakterisiert. Gerade die ersten Serienteile leben davon, dass immer mehr Geheimnisse nebenbei ans Licht kommen. Das fehlt dem Film ebenso wie dem Willen der Geldgeber, mehr Mittel in das Werk zu stecken. Herauskommen zuweilen echt miese Spezialeffekte, obwohl hier und da clever kaschiert wird. Auch wenn das Schauspiel nicht auf ganzer Linie überzeugt, punkten Kaya Rose Scodelario-Davis als Claire Redfield, Thomas Edward Hopper als noch nicht ganz so gewissenloser Albert Wesker und Neal McDonough als der Wissenschaftler William Birkin. Bei Schauspiel, Erzählweise und Spezialeffekten drücken Fans beide Augen zu und bekommen dann eine solide Filmumsetzung – alle anderen werden mit Welcome to Racoon City aber vermutlich nicht glücklich.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der Blu-ray-Fassung): Obwohl ich nur wenige Videospiele der Reihe bislang (durch)gespielt habe, fand ich das Franchise aus dem Hause Capcom schon immer spannend. Auch wenn ich die Filmumsetzungen von Paul William Scott Anderson spätestens ab dem dritten Serienteil nur noch als erschreckendes Erlebnis wahrgenommen habe, bin ich froh, dass dieser Spuk wohl endgültig vorbei ist. Das Reboot war 2021 längst überfällig und in Anbetracht der Gräueltaten der vorherigen Jahre in meinen Augen eine wahre Erfrischung. Natürlich ist es schwierig, sich exakt an die Videospielvorlage zu halten, aber Regisseur Johannes Roberts ist dieser Spagat für meinen Geschmack weitgehend geglückt. Gerade was Kulissen, Kostüme und viele weitere Details angeht, welche die Kameraarbeit einschließt, kann ich nichts Negatives über den Film sagen. Ich finde es jedoch schade, dass Roberts, der auch das Drehbuch verfasst hat, einfach nicht verstanden hat, wie sich die Story entfalten sollte. So bleiben die Hintergründe viel zu flach. Selbst dem Zuschauer, der die Videospielvorlage nicht kennt, dürften manche Argumente viel zu banal und verschiedene Situationen zu gestellt vorkommen. Hinzu kommen unterdurchschnittliche Spezialeffekte und zumindest teilweise laienhaftes Schauspiel bei den kleineren Rollen. Nichtsdestotrotz bin ich der Auffassung, dass es sich hierbei um eine zumindest solide Filmumsetzung eines Videospiels handelt, die vielleicht nicht alle, aber zumindest manche Fans zufriedenstellen dürfte.

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