Review: Senna

Er gilt als einer der besten Fahrer, den die Formel 1 je erlebt hat: Ayrton Senna da Silva hat in seinem kurzen Leben die Welt des Rennsports in schwindelerregender Geschwindigkeit für sich gewonnen, bevor ihn viel zu früh der Unfalltod ereilte. Die unübliche Dokumentation Senna zeichnet sein Leben und seine Laufbahn im Motorsport eindrucksvoll nach.

Ich bin alles andere als ein Fan des Rennsports, ganz gleich welcher Art, Couleur oder Fasson des Motorsports. Bis heute kann ich dem fleißigen Runde-um-Runde-durch-die-Kurven-Fahren keine Spannung abgewinnen. Das muss ich, trotz einer Prise Respekt für die fahrerische Leistung, ganz ehrlich zugeben. Natürlich war mir Michael Schumacher ein Begriff; wem nicht zu seiner Glanzzeit. In Deutschland, das hat die mediale Abdeckung sichergestellt, gehörten Schumi-Witzeleien zum allgegenwärtigen Sprachgebrauch, aber auch eine ordentliche Portion Stolz über das deutsche Formel-1-Ass machte sich im Lande bemerkbar. In meiner Kindheit und Jugend wohnte ich daneben mit einem Haushaltsmitglied unter einem Dach, das glühender Formel-1-Fan war. Samstags und sonntags hielt es darum gerne regelmäßig den Fernsehapparat besetzt, um Qualifying und Rennen zu verfolgen, die sich für mein kindliches Empfinden endlos hinzogen, ohne, dass etwas Aufregendes passierte. Immerhin waren mir dadurch David Marshall „DC“ Coulthard oder Jacques Joseph Charles Villeneuve und später natürlich Sebastian Vettel ein Begriff. Ayrton Senna da Silva hingegen sagte mir gar nichts. Einer der Verlautbarung nach besten, wenn nicht gar der beste Formel-1-Pilot aller Zeiten war meiner Aufmerksamkeit aufgrund mangelnden Interesses an der Formel 1 wenig überraschend vollständig entgangen.

Es spricht der Formel-1-Muffel

Ich schicke das voraus, um klarzustellen, dass eine Dokumentation über einen Formel-1-Fahrer bei mir keinen leichten Stand hat. Weswegen die Aussage, dass ich als absoluter Rennsport-Muffel Senna von 2010 für ein herausragendes, mitreißendes, sogar rührendes Erlebnis, möglicherweise für einen der besten Rennsportfilme überhaupt halte, durchaus einiges Gewicht in sich bergen sollte. Ayrton Senna wurde 1960 als Kind einer Familie der privilegierten Oberschicht des Landes geboren und zeigte frühzeitig mit dreizehn Jahren sein Fahrtalent in Kartrennen. In den frühen 1980er-Jahren begann sein Aufstieg in der Welt des Rennsports, zunächst bei Testfahrten für Williams, McLaren und Toleman. Letztere nahmen das Wunderkind für drei Jahre unter Vertrag, wo der Brasilianer am 3. Juni 1984 beim Großen Preis von Monaco für Aufsehen sorgte: Trotz starken Regenfalls fuhr er ein überaus erfolgreiches Rennen und kam ganz dicht an den führenden McLaren-Favoriten und als „der Professor“ bekannten Alain Marie Pascal Prost heran. Ein vorzeitiger Rennabbruch scheint der einzige Grund zu sein, dass Prost knapp vor Senna den Sieg davontragen konnte. Dessen ungeachtet waren die Zeichen unverkennbar: Hier hatte der Aufstieg eines begnadeten Fahrers begonnen und seine sichere Fahrzeugkontrolle bei Regen wurde regelrecht zu seinem Markenzeichen.

Wenn Stolz und Ego kollidieren

Senna wechselte 1985 zu Lotus, gewann den Großen Preis von Portugal und konnte bis 1987 fünf weitere Siege für sich verbuchen. 1988 siedelte er zu McLaren über und wurde zum Teamkollegen von Alain Prost. Hier prallte der Stolz zweier Egos aufeinander und das Verhältnis zwischen den beiden wuchs zu einer legendären Rivalität des Rennsports heran. Querelen folgten, Senna gewann 1988 vor Prost seinen ersten Weltmeistertitel. Drängelungen auf der Bahn, Mäkeleien und Sticheleien hinter den Kulissen befeuerten den Konkurrenzkampf. Großes Aufsehen erregte eine Eskapade während des Großen Preis von Japan 1989, wo Senna bei einem Überholmanöver mit Prost an der Casio-Triangle-Schikane kollidierte. Zwar konnte der Brasilianer das Rennen für sich entscheiden, doch sah er sich ihm im Nachhinein dem Vorwurf eines Regelverstoß ausgesetzt. Senna fühlte sich ungerecht behandelt und warf der Fédération Internationale de l’Automobile, kurz FISA, Manipulation und Prost Klüngelei mit FISA-Leiter Jean-Marie Balestre vor. Dies führte dazu, dass ihm für die nächste Saison die Lizenz verweigert und eine Geldstrafe von einhunderttausend Dollar aufgebrummt wurde. Da er am kürzeren Hebel saß, musste er wohl oder übel nachgeben. 1990 und 1991 trat er wieder für McLaren an, Prost wechselte zu Ferrari. 1990 kam es beim Großen Preis von Japan erneut zur Kollision. Später gab Senna zu, Prost abgedrängt zu haben, der durch diesen Vorfall seine Titelchancen verlor. Die Rivalität zwischen den beiden Männern erreichte ihren Höhepunkt.

Ein tragischer Unfall

Nichtsdestotrotz konnte Senna zwei weitere Male den Weltmeistertitel erringen. Es sollten seine letzten Titel bleiben. 1992 und 1993 waren die technisch überlegenen Rennwagen von Williams nicht zu schlagen, zu denen Prost mittlerweile unter der vertraglichen Voraussetzung, dass Senna nicht sein Teamkollege werden dürfe, gewechselt war. Trotz allem gilt 1993 als eines der besten Jahre von Senna und beim Großen Preis von Australien kam es immerhin zu einer versöhnlichen Geste zwischen den beiden Rivalen. Prost beendete 1993 seine Karriere mit dem Weltmeistertitel. Dies machte Senna den Weg frei für den Wechsel zu Williams, für die er in der Saison 1994 an den Start ging und wo er in Michael Schumacher einen frischen Konkurrenten fand. Die Saison wurde jedoch zur Tragödie: Unerwartete Regeländerungen negierten den technischen Vorteil der Williams-Wagen, über deren Handling sich Senna in der Folge oft beklagte. Rubens Gonçalves Barrichello brach sich beim freien Training die Nase. Noch gravierender war der Unfalltod von Roland Walter Ratzenberger beim Qualifying zum Großen Preis von Monaco. Diese Vorfälle sollten zum bösen Omen werden: Schon beim Rennstart am 1. Mai in Monaco kam es zum Crash zweier Fahrer. In der siebten Runde kam Sennas Wagen in der Tamburello-Kurve von der Fahrbahn ab und prallte gegen die Streckenbegrenzung. Eine Strebe der Radaufhängung drang durch den Helm in Sennas Kopf ein. In der Unfallklinik in Bologna wurde er schließlich für hirntot erklärt.

Eine ungewöhnliche Dokumentation

Ayrton Senna ist das strahlende Beispiel für einen hell leuchtenden und ebenso schnell verglühenden Kometen am Himmel des Rennsports. Sein rapider Aufstieg in die obersten Ränge der weltbesten Rennfahrer hat fraglos die Welt des Motorsports verzaubert. Darüber hinaus war er für seine brasilianischen Landsleute ein Leuchtfeuer in einer Zeit der schweren Krisen und der Armut geworden, der ihnen Halt und Gefühle der Begeisterung versprach. Regisseur Asif Kapadia, der sich 2015 Amy Winehouse und 2019 Diego Maradona in ähnlicher Weise widmete, präsentiert uns in seiner Dokumentation nicht nur die oben beschriebenen wichtigen Stationen von Sennas Formel-1-Karriere, sondern wird auch dessen Bedeutung für Brasiliens Medienwelt gerecht. Stilistisch geht Kapadia einen anderen Weg, als man ihn vom Gros der Dokumentation und Starporträts her kennt. Er verzichtet auf die übliche klassische Off-Erzählstimme, die das Gezeigte allwissend kommentiert, erläutert und einordnet. Anstelle dessen baut er gänzlich auf Stellungnahmen, Interviewausschnitte und Berichte von Zeitgenossen, Rivalen, Teamkollegen, Freunden, Familienangehörigen, von Menschen, die dabei waren und ihn direkt kannten. Ansonsten lässt er die Bilder sprechen, denn als Mensch der Öffentlichkeit und des Motorsports existieren natürlich Stunden über Stunden von Videoaufnahmen, die Senna auf und abseits der Rennstrecke aufgezeichnet haben.

Was wir sehen, was wir hören

Ergänzend dazu greift Kapadia auf seltene Privataufnahmen der Familienangehörigen, sowie Ausschnitte aus diversen Fernsehprogrammen zurück. Das Bild, dass er dergestalt zeichnet, ist emotional, aber nicht verkitscht, stellt Sennas besonderen Status eines legendären Formel-1-Piloten heraus, ohne sich in blinder Heldenverehrung zu ergehen. Der Verzicht auf den Off-Erzähler oder auf die ebenfalls sonst üblichen vor neutralem Hintergrund aufgesagten Expertenmeinungen bedeutet, dass wir uns auf das Verlassen müssen, was wir sehen und was von den Zeitgenossen unkommentiert berichtet wird. Ob wir nun glauben möchten, dass Prost Senna an der Casio-Triangle-Schikane kalkuliert abgedrängt habe oder welche Intrigen hinter den Kulissen tatsächlich abgelaufen sein mögen, bleibt uns beziehungsweise dem Zuschauer überlassen. Kapadia vermeidet dadurch den riskanten Pfad der Spekulation und einseitigen Parteinahme. Seine Herangehensweise ist im wahrsten Sinne des Wortes dokumentarisch, gemessen an der Neutralität seiner Erzählperspektive, die sich nur an das hält, was die erhaltenen Aufnahmen uns zu enthüllen bereit sind. Und dennoch lässt uns das Schicksal Sennas niemals kalt. Wir fiebern, leiden und triumphieren mit ihm mit und bleiben am Ende mit einem Gefühl der Betroffenheit über seinen viel zu frühen Tod zurück.

Mediale Durchdringung

Ein anderer, wenn auch sekundärer Aspekt, der durch die Dokumentation deutlich wird, ist, wie umfassend manche Dinge, mehr noch Menschen und jeder Aspekt ihres Lebens in unserer heutigen Zeit medial durchleuchtet, abgebildet und festgehalten werden. In gewisser Hinsicht ist es bisweilen zutiefst verblüffend, dass das gesamte Videomaterial von Senna exakt den Stoff für die filmische Aufarbeitung seiner Lebensgeschichte geliefert hat, dass es wirkt, als hätten alle Beteiligten diese Einstellungen, diese Szenen mit voller Absicht für einen Film oder ein Biopic geschrieben, vorbereitet und inszeniert. Das Endergebnis ist erstaunlich kohärent und in sich stimmig, bietet im entscheidenden Moment haargenau die richtigen Kameraeinstellung, die passende Nahaufnahme oder den opportunen Fernsehausschnitt. Es ist ein faszinierendes Zeugnis absoluter medialer Durchdringung, die ein derartiges dramaturgisches Konzept überhaupt erst ermöglicht und ihm ungeahnt zuspielt. Dem entsprechend ist die Leistung von Kapadia und seinem Team umweglos zu loben, dass sie aus dieser Fülle an Material von Fernseh-, über Privat- bis hin zu Cockpitaufnahmen etwas derartig Einheitliches zusammenzufügen in der Lage waren. Das Geschick von Script und Schnitt bei der Selektion von Szenen und deren Zusammenstellung zu einem nachvollziehbaren Narrativ, ohne dabei unangenehmen Voyeurismus und Sensationalismus zu erliegen, sucht seinesgleichen.

Geschrieben von Jan Bantel

Jans Fazit (basierend auf der Blu-ray-Fassung): Senna gelingt das nicht unerhebliche Meisterstück, die Ideallinie auf der schmalen Bahn zwischen den Streckenabgrenzungen Film und Dokumentation zu befahren. Bedingt durch die ungewöhnliche Herangehensweise von Regisseur Asif Kapadia, der selbst vor der Arbeit an diesem Film wenig über Senna oder die Formel 1 wusste und folglich wie der unkundige Zuschauer an das Material herangehen musste, lässt die Lebensgeschichte des Ayrton Senna da Silva bestimmt niemanden kalt. Offenkundig konnte Kapadia auf eine immens reichhaltige Palette an Videomaterial zurückgreifen, um daraus ein zutiefst spannendes, ergreifendes und nicht zuletzt tragisches Porträt eines Ausnahmerennfahrers zu destillieren. Senna schlägt von Anfang an in seinen Bann und steigert sich im Laufe der Spielzeit nur noch. Er zeigt eindrucksvoll Hoffnungen, Enttäuschungen, Fehden, Glück und Unglück in der Welt des Rennsports, ohne sich in technischen Details zu verzetteln. Im Kontext der Rezeption des Films ist es inzwischen eine inflationär bemühte Floskel geworden, zu sagen, dass diese Dokumentation selbst Formel-1-Verächter zu fesseln und zu faszinieren vermag. Aus meiner Perspektive eines solchen Rennsportmuffels kann ich dem bloß vollmundig zustimmen. Am wichtigsten ist, dass Senna zutiefst menschlich bleibt und folglich das ausdruckkräftige Bild eines Menschen wiedergibt, zugleich bei seiner Präsentation nichts vorgibt oder forciert. Er vertraut auf das Gezeigte und Gesagte, ohne dem Zuschauer Spekulationen oder Meinungen aufzuzwingen, die das Material nicht hergeben würde. Senna ist eine durch und durch beeindruckende Dokumentation, die von Anfang bis Ende fesselt.

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