Review: Gran Turismo 7

Ende 2013 erschien der letzte Hauptteil der Gran-Turismo-Reihe auf der PlayStation 3. Auf der PlayStation 4 folgte als Zwischenschritt Gran Turismo Sport, doch der nächste Sprung in der Serie markiert das Anfang März 2022 veröffentlichte und herausragende Gran Turismo 7.

Mit der Gran-Turismo-Serie ist es immer so eine Sache. Der nächste Ableger kann recht flott folgen oder mehr als eine halbe Dekade verschlingen. Wir sind froh, dass das Warten endlich sein Ende gefunden hat. Gran Turismo 7 mag vielleicht nicht den immensen und über vierstelligen Fuhrpark des sechsten Serienteils aufbieten, überzeugt aber dennoch mit einem runden wie gesunden Umfang. Starten wir das Spiel zum ersten Mal, müssen wir zunächst einmalig die Musikrallye absolvieren, doch dazu später mehr. Sobald wir im Anschluss nach dem zum Tränen rührenden Intro endlich im Hauptteil des Rennspiels angelangt sind, landen wir auf einem überschaubaren Landstrich, der als Oberwelt dient. Hier müssen wir nach und nach die Inhalte und Modi des Spiels freischalten. Profis dürften das ein wenig albern finden, da sie sich am liebsten sofort mit quietschenden Reifen in die Welt des Motorsports begeben wollen, doch Anfänger und Neulinge werden wunderbar an die Hand genommen. Über Pseudocharaktere wie Sarah, Andi und Co werden wir in das Konzept von Gran Turismo 7 eingeführt. Cafébetreiber Luca drückt uns nach und nach Menüs in die Hand. Dabei handelt es sich nicht um die Speisekarte des Lokals, sondern um Aufgaben, die wir zu erfüllen haben – und schon geht es los mit spannenden Autorennen, tiefgründigem Tuning und motivierendem Autosammeln.

Fliegender Start

In Gran Turismo 7 stehen wir am Anfang unserer Rennfahrerkarriere. Das heißt, dass wir in den ersten Stunden mit verhältnismäßig lahmen Straßenwagen über die Pisten brettern. Auf 34 Rennkursen, die sich mit der Zeit in noch mehr Strecken aufgliedern, liefern wir uns zahlreiche Rennen mit der passablen bis guten künstlichen Intelligenz. Dabei fällt auf, dass wir zumeist immer eine faire Chance haben, die Computergegner jedoch jeden unserer Fehler sofort ausnutzen. Lediglich wenn wir mit einem zu schwachen Flitzer zum Rennen aufkreuzen, haben wir spätestens im Mittelfeld der Fahrerriege keine Chance mehr, die Spitze zu erreichen. Das Rennspiel von Entwicklerstudio Polyphony Digital setzt bei Beginn eines Rennens übrigens auf das Konzept des fliegenden Starts. So können wir uns mit einem besonders guten Vehikel zunächst keinen großen Vorteil erkaufen, sondern müssen tatsächlich jedes einzelne Fahrzeug überholen. Dazu sei gesagt, dass wir immer auf dem letzten Platz der Aufstellung starten. Eine Qualifikationsrunde oder andere Methoden, um dies zu umgehen, gibt es in Gran Turismo 7 nicht. Negativ fällt Einsteigern dies vermutlich nur in den höherrangigen Meisterschaften auf, da unsere Kontrahenten hier gefühlt mehr Gas geben und in wesentlich ausbalancierten Rennboliden antanzen. Profis nehmen es hin und starten einfach durch!

Tuning schafft Abhilfe

Ein großer Reiz von Gran Turismo 7 sind jedoch nicht die meist spannenden Rennen an sich, sondern viel mehr das Ausprobieren und Experimentieren mit jedem neuen Fahrzeug. Haben wir uns zu sehr an ein Auto gewöhnt, merken wir auf der nächsten Strecke, dass nicht jeder Wagen auch auf jede Piste zugeschnitten ist. Manchmal können wir mit Autos zu spät einlenken oder abbremsen. Dann und wann hat ein Auto auch zu wenig Pferdestärken unter der Haube. Entsprechen sollten wir das Vehikel regelmäßig wechseln. Mit der Zeit entwickeln wir so ein ganz gutes Gespür, welcher Fahrzeugtyp am besten geeignet für die neue Strecke ist. Sehen wir dennoch kein Land, können wir unsere Autos in der Werkstatt ebenso tunen. Manchmal reicht es aus, auf Rennreifen zu wechseln oder die Bremsen zu verbessern. Können wir danach immer noch keinen Pokal gewinnen, wechseln wir zu einer leichteren Karosserie oder erhöhen die Leistung mit dem Einbau von weiteren Fahrzeugteilen. Ein aufgebohrter Hubraum kann beispielsweise zu höheren Drehzahlen und diese zu neuen Bestzeiten auf der Strecke führen. Jede einzelne Veränderung an unseren Autos ist auf der Strecke spür- und manchmal wie im Falle eines neuen Auspuffs auch hörbar. Alternativ können wir bei den drei Fahrzeughändlern im Spiel weitere Autos erwerben und unseren Fuhrpark deutlich vergrößern.

Enorme Einsteigerfreundlichkeit

Nicht immer ist das Tuning in Gran Turismo 7 leicht verständlich. Zwar wird die Leistung eines Wagens in einem einzelnen Vergleichswert ausgedrückt, doch sagt diese kaum etwas über das Fahrverhalten aus. Auch einzelne Einstellungen, die wir nach dem Einbau von Computerteilen manuell vornehmen können, werden nicht ausgiebig erklärt. Wer kein Verständnis von Autos hat und beispielsweise nicht weiß, welche Bedeutung ein Differential hat, kann vor allem bei den späteren Meisterschaften verzweifeln – zumindest fast. Die Entwickler sind so fair und geben bei den Menüs immerhin an, welches Fahrzeug empfehlenswert für das jeweilige Rennen wäre. Mit ein wenig Kleingeld können wir die Kampagne also trotzdem fortsetzen. Weitere Fahrhilfen wie das Anzeigen einer Ideallinie oder von Bremsbereichen und das Hinzufügen des Autopiloten beim Bremsen und Lenken erhöhen die Einsteigerfreundlichkeit enorm. Trotzdem wird ein gewisses Grundverständnis für den Motorsport von uns erwartet, da es im letzten Drittel der Kampagne ansonsten extrem schwierig wird, überhaupt auf dem Treppchen zu landen. Alle Fahrhilfen lassen sich selbstverständlich auch abschalten oder auf unsere Bedürfnisse anpassen. Zu einhundert Prozent können wir uns auf diese aber nicht verlassen. Beispielsweise passt sich der Bremsbereich kaum dynamisch an unser Auto an.

Facettenreicher Umfang

Dies sind jedoch alles nur kalte Tropfen auf den heißen Stein, denn Gran Turismo 7 bietet noch so viel mehr Features. Beispielsweise wechseln bei den Rennen die Tageszeiten und die Wetterverhältnisse dynamisch. Während Dämmerung und Nacht trotz Scheinwerferlicht die Sicht auf die Strecke erschweren, können wir bei Regen ordentlich ins Schlittern kommen. Noch dazu gibt es vereinzelt Rennen, bei denen wir sowohl mit Reifenverschleiß als auch mit Kraftstoffverbrauch zu kämpfen haben. Neben den normalen Rennen stehen uns auf einigen Strecken zudem das Zeitfahren und die Driftrennen zur Verfügung. Zum Teil lassen sich die Rennen auch selbst programmieren. Beispielsweise können wir unter anderem den Abstand zwischen den Autos beim Start vergrößern oder die Tageszeit anpassen. Bestandteil der Kampagne ist zudem das Abschließen von verschiedenen Lizenzen, bei denen die Fahrhilfen abgeschaltet sind. Hier eignen wir uns Grundkenntnisse an, die beim Fahren über die vielen Rennstrecken tatsächlich hilfreich sind. Allerdings dürfen wir nicht von der Bahn abkommen, da wir sonst sofort scheitern. Mit etwas Geduld und Fleiß sind aber auch die schwierigen Aufgaben machbar. Zusätzliche Missionen erhöhen den Umfang von Gran Turismo 7 noch ein wenig mehr. Auch Online-Rennen gegen andere Spieler schalten wir nach ein paar Stunden frei.

Musik und Rallyes

Erwähnung finden sollte an dieser Stelle noch die eingangs erwähnte Musikrallye. Aktuell stehen uns hier nur eine Handvoll Aufgaben zur Verfügung, doch zukünftige Updates sollen den Umfang des Modus erweitern. Hier fahren wir gegen die Zeit während im Hintergrund ein Musikstück spielt. Bevor die Melodie endet, müssen wir möglichst weitgekommen sein. Das erinnert ein wenig an den Arcade-Klassiker Out Run und macht auch in Gran Turismo 7 sehr viel Spaß. Schade ist nur, dass der Modus recht lieblos ins Spiel eingebaut wurde. Hier darf in Zukunft gerne noch etwas passieren. Auch fernab der Musikrallye weiß der Titel mit seinem Soundtrack zu überzeugen. Klassische Musik drückt sich mit Elektro und Rock die Klinke die Hand. Es macht verdammt viel Spaß bei dieser Musikauswahl über der Realität nachempfundene Strecken wie der Nordschleife des deutschen Nürburgrings, dem tri-ovalen Daytona International Speedway in den Vereinigten Staaten von Amerika oder über die Suzuka-Rennstrecke in Japan zu fahren. Auch die rein fiktiven Strecken aus früheren Teilen der Gran-Turismo-Serie sind wieder mit an Bord. Hier wird viel Abwechslung geboten und bis wir alle Rennstrecken zumindest einmal gesehen und erfolgreich abgeschlossen haben, vergehen dutzende Spielstunden. Vor allem auf der PlayStation 5 vergeht die Zeit wie im Fluge.

Geniale Vibrationen und omnipräsente Mikrotransaktionen

Spielen wir mit dem DualSense-Controller von Sonys Konsole, spüren wir jeden Hubbel auf der Fahrbahn. Auch wenn wir einen Gang hochschalten, fühlt es sich in unseren Händen wirklich so an. Blockieren die Bremsen, spüren wir das auf der vibrierenden L2-Taste. Auch nach etlichen Stunden können wir nicht genug von diesem Gefühl bekommen – wir würden sogar sagen, dass jeder Spieler den Titel deswegen einmal ausprobieren müsste. Unterm Strich klingt das trotz kleinerer Mankos alles ziemlich gut. Dennoch zeigt sich auch die Schattenseite von Gran Turismo 7 an allen Ecken und Enden. Damit meinen wir nicht die Grafik, auch wenn die Unterschiede zur PlayStation-4-Fassung größer hätten ausfallen dürfen. Immer dann, wenn wir Credits für erbrachte Leistungen erhalten, weist uns das Spiel auf die Mikrotransaktionen im PlayStation-Store hin. Von einem so renommierten Publisher wie Sony Interactive Entertainment erwarten wir, dass in einem Vollpreisspiel keine Mikrotransaktionen dieser Art enthalten sind. Zwar lassen sich alle Fahrzeuge im Spiel mit genügend Zeit auch so freischalten, aber wenn nach Release des Spiels willkürlich die Gewinnsummen angepasst werden, hat das einen bitteren Beigeschmack. Auch dass wir für die Offline-Erfahrung ständig online sein müssen, will uns einfach nicht in den Kopf gehen. So gut Gran Turismo 7 in der Summe aller Teile auch sein mag, die letzten beiden Punkte dürften für viele Interessenten No-Gos sein.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der PlayStation-5-Fassung): Rennspiele gehören bei Weitem nicht zu meinen bevorzugten Genres. Manchmal möchte ich ihnen aber eine Chance geben. Bei Gran Turismo 7 muss ich dafür zunächst über die alberne Karriere mit ihren seltsamen Pseudocharakteren hinwegsehen. Störend ist diese zwar nicht, aber das ginge in puncto Präsentation sicherlich ein wenig besser. Dafür bietet mir das Rennspiel verschiedene Spielmodi, die mich dutzende Stunden lang an den Fernseher fesseln. Nicht ganz unschuldig daran ist auch der abwechslungsreiche wie gelungene Fuhrpark. Jedes Auto fühlt sich anders an und noch unterschiedlicher, wenn ich es aufmotze. Schade ist lediglich, dass das Tuning nicht gänzlich erklärt wird und damit für Anfänger ein unnötiges Hindernis sein könnte. Dem steht jedoch der einstellbare Schwierigkeitsgrad gegenüber, der mit vielen anpassbaren Fahrhilfen auf sich aufmerksam macht. Es gibt so viele positive Sachen an Gran Turismo 7, die in der Kürze nicht alle zusammengefasst werden können. Wenigstens die dynamischen Tageszeiten und Wetterwechsel sollen an dieser Stelle noch Erwähnung finden. Grundsätzlich ist der Titel eine Empfehlung für jeden Rennspielfan. Allerdings fallen die ständig präsenten Mikrotransaktionen, die scheinbar willkürliche Anpassung der Gewinnsummen seitens des Publishers und der Online-Zwang selbst für die Singleplayer-Erfahrung durchweg negativ auf. Warum sich der Publisher solche Steine in den Weg legt, weiß wohl nur er selbst. Nichtsdestotrotz habe ich auch nach mehr als vierzig Spielstunden jede Menge Spaß mit dem Rennspiel – und da ich eigentlich andere Genres bevorzuge, zählt das für Gran Turismo 7 gleich dreifach.

Vielen Dank an Sony Interactive Entertainment für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Gran Turismo 7!

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