Unter Horrorfilmfans mausert sich Regisseur Robert Houston Eggers langsam aber sicher zu einer kleinen Hoffnung für das Genre. 2019 schuf der US-Amerikaner mit Der Leuchtturm ein paralysierendes Werk, das Kammerspiel und Horrorfilm in sich vereint und nicht loslässt.
In der Menschheitsgeschichte werden Leuchttürmen positive Eigenschaften wie Sicherheit zugeschrieben. Sie dienen seit Jahrhunderten Seeleuten als Schifffahrtszeichen beziehungsweise Orientierungspunkte, um den Standort auf dem Meer festzustellen. In Robert Eggers’ Kammerspiel, das Elemente des Horrorfilms aufweist, ist ein Leuchtturm vor der Küste von Neuengland ein Ort von Abgeschiedenheit, Einsamkeit und zugleich der einzige Handlungsort des Films. Angesiedelt im ausgehenden 19. Jahrhundert nimmt der ehemalige Holzfäller Ephraim Winslow hier eine vierwöchige Arbeit als Leuchtturmwärter auf. Unter der Aufsicht von Leuchtturmwärter Thomas Wake werden ihm jedoch nur undankbare Aufgaben wie das mehrfache Säubern der Fußböden, das ständige Entleeren der Nachttöpfe, die unaufhörliche Wartung der Maschinen oder das Schleppen von Petroleumfässern anvertraut. Während dies zunehmend an Winslows Nerven zerrt, verbarrikadiert sich Wake in der obersten Etage des Leuchtturms. Kommunikation findet allerhöchstens beim Essen und dann auch nur in Maßen statt, zumal Wake seinen Gehilfen oft erniedrigt. Noch dazu träumt oder sieht Winslow auf dem vom Festland isolierten Eiland seltsame Dinge wie Tentakel, eine Sirene oder einäugige Möwen. Als er letztere packt und umbringt, gerät die Situation auf der Insel außer Kontrolle.
Gegensätzliche Charaktere
Der Leuchtturm ist ein faszinierend clever geschriebener Film, denn bereits kleine Details, die in den ersten Minuten vom Zuschauer nebensächlich aufgenommen oder von diesem womöglich sogar ignoriert werden, nehmen spätestens dann eine zentrale Rolle ein, wenn es um die Interpretation des Films geht. Hier wollen wir nichts vorwegnehmen, doch ist der 109 Minuten umfassende Streifen an vielen Stellen bewusst offengehalten. Da bereits zu Beginn Seltsames auf der Insel passiert, dürfte jeder Zuschauer am Ende die Geschehnisse anders interpretieren. Inszeniert wird der Verfall der Menschlichkeit zwischen Wake und Winslow mit Erniedrigungen, Schuldzuweisungen, Alkoholsucht und Tätlichkeiten. Gelegentlich vermischen sich auch die Grenzen von Realität und Wahnvorstellungen, die sich gerade zum Ende hin wie eine unaufhaltsame Abwärtsspirale um Winslow winden. Winslow ist auch die zentrale Handlungsfigur, um die sich Der Leuchtturm dreht. Der Zuschauer fühlt mit ihm den Schmerz, den er auf der Insel ausgesetzt ist, erfährt aber zeitgleich mehr über seine Hintergründe, die ihn in ein völlig anderes Licht rücken. Wake fungiert im Kammerspiel als Gegenstück zu Winslow, der ihn von der Laternenkammer fernhält. Er wird als starrsinniger Exzentriker dargestellt, der mit der Zeit peu à peu so manchen sympathischen Charakterzug erhält.
Mitreißende Klaustrophobie
Verkörpert werden die beiden Protagonisten von zwei Schauspielgrößen. So ist William James „Willem“ Dafoe in der Rolle von Wake zusehen, während Robert Douglas Thomas Pattinson als Winslow im Rampenlicht steht. Sie ergänzen sich durch die ambivalente Darstellung der Figuren gleich doppelt, da sie im Verlauf des Films zuweilen anders vom Zuschauer wahrzunehmen sind. Nicht weniger glänzt der Schauplatz, denn für diesen wurde ein funktionierender Leuchtturm als Kulisse errichtet. Dadurch, dass der Film in Schwarz-Weiß gedreht wurde, wirken die echten Wettereffekte, die beim Dreh vorherrschten, noch einmal verstörender. Selbiges gilt jedoch auch für die Soundkulisse, denn sowohl das Geräusch der Meeresbrandung als auch das immer wieder ertönende Nebelhorn treiben den Zuschauer regelrecht in den Wahnsinn. Trotzdem bleibt dieser gebannt und gespannt sitzen, da der im klaustrophobischen 1,19:1-Bildformat vorliegende Film paralysierend und mitreißend zugleich ist. Wer sich nach dem Ansehen immer noch nicht von seinem Platz erheben kann, findet im Bonusbereich der Blu-ray Disc zwei gekürzte Szenen, ein dreiteiliges und sehenswertes, da überaus informatives Making-of und einen ebenso hilfreichen Audiokommentar von Robert Eggers persönlich. Dies spornt an, den Film gleich noch einmal aus der Sicht des Regisseurs zu erleben.
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit (basierend auf der Blu-ray-Fassung): Der Leuchtturm ist für mich ein Film, an den ich keine hohen Erwartungen hatte. Mir gefielen vor allem der Trailer und die Stimmung, welche in diesem transportiert wird. Es ist inzwischen eine wahre Seltenheit, aber genau diese Atmosphäre bekomme ich in einer noch viel besseren Form im fertigen Film vorgesetzt. Herausgekommen ist ein erstaunlich gutes Kammerspiel mit nur zwei Figuren, die an keiner Stelle aus ihrer Rolle fallen. Mit der Zeit spitzt sich der Konflikt zwischen Wake und Winslow derart zu, sodass regelrecht verstörende Situationen entstehen. Hinzu kommt, dass durchweg ein klaustrophobisches Gefühl aufgrund des 1,19:1-Bildformats vorherrscht – die grandiose wie düstere Soundkulisse ist hieran nicht ganz unschuldig. Gerade die Meeresbrandung, der aufkommende Sturm und das ständig wiederkehrende Nebelhorn bleiben dem Zuschauer auch nach dem Ansehen noch längere Zeit dröhnend im Kopf. Regisseur Robert Eggers hat mit Der Leuchtturm einen Film geschaffen, der das Kammerspiel mit Horror-Elementen neu definiert.