Kaum gilt die Marke in Filmform als tot, findet in nur wenigen Jahren die Auferstehung statt. Nach dem schlicht als Scream betitelten fünften Serienteil aus dem Jahr 2022 dauerte es nur knapp ein Jahr, bis mit Scream VI die nächste Fortesetzung in den Lichtspielhäusern anlief.
War dem Franchise zu Beginn noch ein durchaus humoristischer Einschlag anzumerken, bei dem das Pop-Instrumentalstück Yakety Sax respektive die Melodie aus der Benny Hill Show wunderbar hätte eingespielt werden können, wenn Serienkiller Ghostface Jagd auf seine Opfer macht, ist davon innerhalb der Reihe immer weniger zu spüren. Bei dem 2023 veröffentlichten Scream VI geht das sogar soweit, dass die Atmosphäre derart düster ist, dass sich der Horrorfilm auch wirklich als solch einer anführt. Würden böse Zungen behaupten, dass die Köpfe hinter dem Projekt dessen Wurzeln vergessen haben, so würden wir ihnen vermutlich recht geben. Trotzdem gelingt es dem zweistündigen Werk auf seine eigene Art und Weise mitzureißen, indem er bis zur Entpuppung des Killers zumindest ein wenig wie ein Thriller fungiert. Dies liegt mitunter an dem Wechsel des Handlungsortes, denn statt des inflationär ausgeschlachteten wie fiktiven Städtchens Woodsboro verschlägt es die Charaktere dieses Mal an die Ostküste der Vereinigten Staaten von Amerika. Genauer gesagt geht es nach New York City, wo das Produktionsteam bis auf den Washington Square Arch aber vollständig auf eine Touristentour verzichtet. Auch wenn damit in Scream VI die Möglichkeit verspielt wird, New York als Schauplatz zu inszenieren, fühlt sich der Zuschauer den Charakteren näher.
Neuer Schauplatz, neuer Täter
Im Mittelpunkt der Geschichte stehen die von Melissa Barrera Martínez und Jenna Marie Ortega gespielten Carpenter-Schwestern Samantha und Tara, welche die schrecklichen Geschehnisse in Woodsboro überlebt haben. In New York City versuchen sie in ihrem Alltag ein neues Kapitel aufzuschlagen, was aber nicht von Erfolg gekrönt ist. Sam schleppt sich mühevoll von einem Psychologen zum nächsten, während Tara auf Studentenpartys dem Alkohol frönt und sich wahllos von fremden Kerlen verführen lässt. Wäre das nicht schon schwierig genug für die beiden, wird ihr Leben durch das Auftreten eines neuen Serienkillers mit der berühmtberüchtigten Maske ordentlich durchgewirbelt. Sie wissen, dass sie niemanden vertrauen dürfen, aber dennoch beginnt in Scream VI mit der ersten Nachrichtensendung sowohl für Sam und Tara als auch für den Zuschauer das muntere Rätselraten, wer denn nun schon wieder die Identität von Ghostface angenommen hat. Mindy und Chad Meeks-Martin aus dem fünften Serienteil hat es ebenfalls nach New York City verschlagen und stehen damit genauso auf der Verdächtigenliste wie ihre Mitbewohnerin Quinn Bailey, der unscheinbare Nerd Ethan Landry und Danny Brackett, der attraktive Nachbar vom gegenüberliegenden Appartement. Typische Anspielungen auf Horrorfilmklischees gehen wenig überraschend nahtlos einher.
Abkehr und Rückkehr
Durch den Wegfall von David Arquette als Dewey Riley musste für Scream VI auch die Rolle des Ordnungshüters neu besetzt werden. Einerseits wurde mit Dermot Mulroney ein Schauspieler gefunden, der als Detective Wayne Bailey Sam und Tara unter die Arme greift. Andererseits kehrt mit Kirby Reed, nach wie vor gespielt von Hayden Lesley Panettiere, eine Figur aus Scream 4 zurück. Mittlerweile beim Federal Bureau of Investigation angestellt, hat Kirby Zugriff auf eine noch wesentlich größere Fallakte, um Ghostface auf die Schliche zukommen. Ebenfalls mit von der Partie ist die von Courtney Bass Cox verkörperte Schmierenreporterin Gale Weathers, die Ghostface in vielerlei Hinsicht bedrohlich nahe kommt. Verzichten müssen Fans im sechsten Serienteil auf Hauptfigur Sidney Prescott beziehungsweise Schauspielerin Neve Adrianne Campbell, die angeblich aus Gagengründen verzichtet hat. Da der Film aufgrund der anderen Figuren dennoch stark mit der Rahmenhandlung verwoben und an vielen Stellen derart konstruiert ist, fällt ihr Fehlen aber kaum auf. Nichtsdestotrotz wirkt der Horrorfilm an vielen Stellen trotz ein paar guter Einfälle wie einer Räuberhöhle für Ghostface und der Fahrt mit der Untergrundbahn recht beliebig. Wer über viel Kokolores hinweg sieht, wird aber auch mit Scream VI ganz passabel unterhalten werden – mehr allerdings auch nicht.
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit (basierend auf der Blu-ray-Fassung): Schon in den vorherigen Filmen war abzusehen, dass sich die Filmreihe Scream in eine andere Richtung entwickelt. Waren gerade die ersten Filme noch nicht ganz so düster und hatten mehr Platz für Humor, was sie gewissermaßen einzigartig gemacht haben, fühlt sich vor allem Scream VI wie ein beliebiger und zuweilen mit Schockeffekten durchzogener Horrorfilm an. Zwar gelingt es dem Film, mich eine ganze Weile mitzureißen, doch wenn am Ende die Masken fallen und Ghostface monologartig entlarvt ist, fällt das auf der einen Seite konstruierte und auf der anderen Seite noch einfallslosere Gesamtbild deutlich auf. Wirklich mies ist der Film dadurch zwar nicht, aber der Film hat – ähnlich wie viele andere US-amerikanische Werke dieser Zeit –, in puncto Identität ordentlich eingebüßt. Die Regisseure Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett, die auch den fünften Teil inszeniert haben, hätten sich in Scream VI ruhig mehr trauen können. So kommen am Ende lediglich beinharte Fans auf ihre Kosten.