Review: Red Dead Redemption

Eine Minute vor Zwölf stehen sich zwei Männer vor dem Saloon gegenüber. Den rechten Arm ausgestreckt, die Finger ständig in Bewegung und dem Revolver zum Greifen nahe. Auf einmal geht alles ganz schnell. Um zwölf Uhr erschießt der schnellere Schütze sein Gegenüber. Dies ist eine Erzählung aus den Zeiten des Wilden Westens und tägliche Routine in Red Dead Redemption.

Wir schreiben das Jahr 1911 und befinden uns bereits am Ende der Zeiten, wo das Faustrecht herrscht. Protagonist John Marston gehörte einst einer Bande an, aus welcher er aber schon vor einiger Zeit ausgestiegen ist. Seine Frau und sein Sohn sind für ihn wichtiger, als seine ehemaligen Bandenmitglieder. Diese gewinnen zunehmend an Bedeutung, als seine Frau und sein Sohn in die Obhut der Regierung genommen werden. Marstons ehemalige Freunde sind für das Bureau eine Bedrohung, weshalb er ihnen helfen soll, diese im fiktiven Bundesstaat New Austin und in Mexiko aufzuspüren. Würde er sich weigern, dann würde er seine Familie nie wiedersehen. Da ist es nahezu selbstverständlich, dass Mr Marston in den nächsten Zug springt, um endlich das Leben führen zu können, was er für sich und seine Familie wünscht.

Freund oder Feind

Mit diesen Hintergrundinformationen startet Red Dead Redemption in der verschlafenen Wüstenstadt Armadillo. Nach der stimmigen Einleitung übernehmen wir auch schon die Rolle von John Marston und freunden und zu allererst mit dem Sheriff des Ortes an. Mit seiner Hilfe spüren wir auch schon den ersten der gesuchten Verbrecher auf, welcher sich im Fort Mercer versteckt hält. Bill Williamson lässt allerdings nicht mit sich reden und schießt uns erst einmal über den Jordan. Denken wir in diesem Moment zumindest. Kurze Zeit später wachen wir in einem Bett auf der McFarlane-Ranch wieder auf. Da wir ärztlich gut versorgt werden, bieten wir der netten Bonnie McFarlane unsere Hilfe auf ihrer Ranch an. Wir lernen, wie man Rinder zusammentreibt und Wildpferde einreitet. Mit der Zeit lernen wir neue Charaktere kennen, wie zum Beispiel den Betrüger Nigel West Dickens oder den Leichenausgräber Seth Briars. Mit der Hilfe unserer neuen Freunde wird uns auch der Ansturm auf Fort Mercer gelingen, da sind wir uns sicher. An dieser Stelle möchten wir allerdings nicht zu viel verraten, da die Handlung durchaus noch die eine oder andere Überraschung und Wendung in petto hält.

Ein Mann und sein Pferd…

Wie das mit Ausflügen in die Vergangenheit so ist, muss man sich an den jeweiligen Stand der Technik gewöhnen. Zu Beginn des Jahrhunderts existierten kaum Automobile – besonders nicht im Wilden Westen, wo der technische Fortschritt noch nicht ganz seinen Einzug gehalten hat. In dieser Zeit reiten wahre Männer auf Pferden durch die Prärie, töten einen Kojoten nach dem anderen und müssen sich selbst verteidigen können. Kein Wunder, dass die Bindung zu einem Pferd in diesen Zeiten deutlich stärker war, als in der heutigen Zeit. In Red Dead Redemption wird auf diese Bindung leider nicht eingegangen. Wird euer Pferd von einem Wolf oder durch einen Schuss getötet, sucht ihr euch einfach ein neues Reittier. Die Trauer um das eigene Pferd erlebt ihr nämlich ganz genau ein einziges Mal. Danach ist es einem eigentlich egal, ob der Gaul in der Wüste verreckt oder von einer anscheinend hilflosen Frau entführt wird. Wir finden es aber gut, dass Entwickler Rockstar San Diego gemeinsam mit Rockstar North unterschiedliche Pferderassen ins Spiel integriert hat. So unterscheiden sich die Reittiere in Geschwindigkeit und Ausdauer. Bessere Pferde kosten dementsprechend beim Händler mehr Dollars. Wer kein Geld aufbringen und Pferde optisch untereinander unterscheiden kann, darf einen Gaul sinnvoller Weise auch stehlen. Doch denkt daran, dass im Wilden Westen auf Pferdediebstahl der Tod steht.

…kämpfen gegen das Unrecht!

In der damaligen Zeit müssen wir ebenfalls mit anderen Waffen auskommen, als noch im hoch modernen Liberty City aus Grand Theft Auto IV. Revolver und Schrotflinte gehören zum Standardrepertoire eines Cowboys und dürfen auch mit Wurfmessern, Feuerflaschen und sogar einem Lasso erweitert werden. Unterwegs werdet ihr immer mal wieder von hilflosen Leuten angesprochen, welche eure Unterstützung bitter nötig haben. Gemeinsam rettet ihr so zum Beispiel die eine oder andere Ehefrau vor dem Erhängen oder rettet die Tochter eines Ranchers vor einem Haufen Banditen. In der Stadt dürft ihr so manches Fahndungsplakat ansehen und anschließend Jagd auf den Gesuchten machen. Da der Bösewicht lebend mehr wert ist als ein Loch in seinem Schädel, kommt an dieser Stelle auch das Lasso neben dem Einreiten von Wildpferden sinnvoll zum Gebrauch. Bringt den Gefangen in diesem Falle einfach zum Ausgangsort der Suche oder berichtet den Gesetzeshütern dort von eurer Tat, damit das Geld in eure Brieftasche wandert. Auch feindlich gesinnte Raufbolde wollen sich in einem Duell mit euch messen. Egal für was ihr euch auch entscheidet, alle Aktionen verbessern euren Ruf und euer Ansehen. Ballert ihr nämlich wie Billy the Kid einen Bürger nach dem anderen (unmaskiert) auf den Haufen, sinkt selbstverständlich euer Ansehen und schon bald wird man auch ein Kopfgeld auf euch aussetzen. Bedenkt also, dass jede eurer Handlungen Auswirkungen auf euren Ruf in der Welt von Red Dead Redemption haben.

Für eine Handvoll Dollar

In den Saloons tummeln sich meistens auch ein paar gewiefte Spieler herum, die nichts lieber tun als den ganzen Tag lang Poker, Würfelpoker oder Black Jack zu spielen. Wenn ihr mit den Regeln vertraut seid, dürft ihr sehr gerne mit einsteigen und den einen oder anderen Einsatz wagen. Neulinge haben aber auch leichtes Spiel, da die künstliche Intelligenz der Gegner bei diesen Minispielen nicht besonders ausgereift ist. Anfänger sollten sich aber auf eine gewisse Erprobungszeit einstellen, da die Regeln (für das Pokerspiel) facettenreicher sind, als man vielleicht annehmen mag. In den Städten gibt es aber auch andere Anlaufstellen als den Saloon, wo ihr selbstverständlich auch den einen oder anderen Whisky verzehren dürft. Der Zeitungsjunge verkauft euch die aktuelle Zeitung, welche ihr tatsächlich lesen dürft und von (teils erlebten) Geschehnissen aus der Umgebung berichtet. Auf Hinterhöfen wiederum dürft ihr dann und wann am Hufeisenwerfen teilnehmen. Im Waffenladen rüstet ihr euch mit den neuesten Waffen aus, verkauft im Gemischtwarenladen erbeutete Kräuter, Felle oder Fleisch von toten Tieren, welche ihr in der Prärie erlegt habt. Jagen dürft ihr in Red Dead Redemption nämlich auch. Im Laden einen Köder gekauft, in der Steppe ausgelegt und schon tauchen ein paar Tierchen auf, die nur darauf warten, von eurem Gewehr getroffen und ins virtuelle Jenseits geschickt zu werden. Übrigens verzeichnet das Spiel eure Erfolge, sofern ihr die nächste Stufe einer bestimmten Aufgabe erfüllt. Um die zweite Stufe als Revolverheld zu erreichen, ist es beispielsweise nötig fünf Kaninchen zu erlegen. Später müssen dann fünf Kojoten dran glauben – aber ohne, dass einer von diesen gefräßigen Tieren euch oder euer Pferd zerfleischt.

Open Range

Wären diese einzelnen Aspekte des Spiels nicht schon alleine ausreichend genug, um ein wenig Rollenspiel in den harten Cowboy-Alltag zu bringen, überzeugt Red Dead Redemption auch noch mit vielen Nebenaufgaben. Da möchte ein alter Herr, dass ihr bestimmte Blumen für seine Gattin pflückt und eine seelisch verletzte Dame verlangt, dass der ehemalige Geliebte Geld für das ungeborene Kind springen lässt. Falls wir uns für das Banditenleben entscheiden sollten, dürfen wir auch Postkutschen überfallen und Tresore mit Dynamit aufprengen. Die somit geschaffene Atmosphäre passt sich wunderbar dem Rest diesen großartigen Spiels an. Alleine wenn der Western-Soundtrack aus den Lautsprechern dröhnt und der Sonnenuntergang die Prärie in ein sanftes Rot taucht, ist jeder Cowboy sprachlos. Die abwechslungsreichen Charaktere, welche John Marston in seinem Abenteuer trifft, könnten dafür zumindest teilweise ein wenig facettenreicher ausgefallen sein. Charaktere, die wie Yusuf Amir aus Grand Theft Auto IV: Ballad of Gay Tony aus der Reihe tanzen, findet man in Red Dead Redemption nicht. Das Western-Epos möchte das vermutlich auch gar nicht, da die Handlung und die vielen kleinen Geschichten weitaus ernster als im schrillen Liberty City erzählt werden. Trotzdem bietet der Titel immer noch ein breites Spektrum und man kann sehr gut zwischen den Personen unterscheiden und sich in deren Lebenslage hineinversetzen.

Last Man Standing

Red Dead Redemption ist mal wieder ein gelungenes Spiel aus dem Hause Rockstar Games. Der Titel lebt von der großen, offenen Spielwelt und der vielen kleinen Aufgaben, die stundenlangen Spielspaß garantieren dürften. Es gibt wirklich zu jederzeit und an jedem Ort etwas zu tun. Während die mexikanische Armee von uns verlangt, ein Dorf der Revolutionäre in Brand zu setzen, möchte eine verzweifelte Mutter einfach nur, dass wir ihren vermissten Sohn finden. In kaum einem anderen Spiel gibt es vielfältigere Aufgaben zu bestehen und zu entdecken. Doch auch im Wilden Westen gibt es den einen oder anderen Kritikpunkt, den man besser vor Veröffentlichung des Spiels ausgebessert hätte. So ist das Zielen mit den Waffen auf der Konsole etwas hakelig gestaltet. Auf einen Gegner zu zielen erfordert viel Übung und vor allem eine ruhige, gleichzeitig aber auch eine schnelle Hand. Besonders wenn man in diversen Missionsaufgaben mit dem schweren Maschinengewehr umgehen muss, fällt dies negativ auf. Das Anvisieren der Gegner fällt da mit den normalen Waffen schon wesentlich leichter, sofern die Feinde in den seltenen Fällen denn auch anvisiert werden. Hat man einen Gegner aufs Korn genommen, ist die halbe Miete schon gewonnen. Sonderlich intelligent agieren feindliche Handlanger und Banditen nämlich nicht. Sie suchen zwar eigenständig hinter Mauern, Wänden, Felsen und Bäumen Schutz, verharren dort aber meist. Sie schauen dann und wann hervor und schießen auch nur, wenn wir in ihrem Sichtradius sind. Trotzdem erinnern die Auseinandersetzungen stark an alte Westernfilme, wo sich zwei Parteien aus fünfzig Meter Entfernung mit Revolvern gegenseitig beschießen und sich nicht wundern, dass man kaum seinen Gegner trifft.

Spiel mir das Lied vom Tod

Ein weiteres Manko des Spiels ist die Erzählweise. Bis zu dem Punkt an dem man denkt, die Haupthandlung sei abgeschlossen, wird die Geschichte dem Spieler noch intensiv und mit einer gewissen Dynamik und Dramatik nähergebracht. Anschließend setzt sich ein gewisser Leerlauf ein, der offensichtlich mit einem enttäuschenden Finale endet. An dieser Stelle möchten wir nicht zu viel verraten, doch solltet ihr nicht auf das beste Spielende der Videospielgeschichte rechnen. Die am Ende des Spiels von John Marston getroffene Entscheidung ist unlogisch, da sie definitiv nicht zu dem kennengelernten Charakter passt. Es bleiben offene Fragen und ein mulmiges Gefühl im Magen bestehen. Das wahre Ende inklusive des mageren Abspanns entdeckt man sowieso erst, wenn man eine – haltet euch fest – Nebenaufgabe im Städtchen Blackwater annimmt und beendet. Warum sich die Entwickler für diesen seltsamen Weg entschieden haben, ist uns unklar. Wer derzeit ein Spiel mit einer offenen Spielwelt sucht, welches Stunde für Stunde immer mehr motiviert und wirklich viele kleine mehr oder weniger wichtige Details beinhaltet, ist mit Red Dead Redemption gut beraten. Einzig alleine das recht trockene Ende könnte Rockstar Games-Fans vom Kauf des Spiels abschrecken.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der Xbox 360-Fassung): Red Dead Redemption hat mir anfangs nicht besonders gut gefallen. Das Spiel kommt für meinen Geschmack ziemlich lahm in die Gänge. Sobald man aber einmal die ersten Aufgaben erledigt hat und sich an die ersten, teils langweiligen Reitstunden gewöhnt hat, kann sich das Spiel voll und ganz entfalten. Sofort stellt sich das typische „Nur noch eine Mission“-Gefühl der Grand Theft Auto-Reihe ein. Einige der Charaktere, wie West Dickens oder Bonnie McFarlane sind mir mit der Zeit richtig ans Herz gewachsen. Umso trauriger finde ich es, wie die Entwickler dieses Spiel enden ließen. Von einem so renommierten Entwicklerstudio bin ich wesentlich bessere Arbeit gewöhnt. Abgesehen von diesem mehr oder weniger großen Fehltritt, hat mir das Spiel bis kurz vor den letzten Aufgaben sehr gut gefallen. Besonders während der Revolution im benachbarten Mexiko haben mich die Aufgaben immer mehr beeindruckt. Besonders während einer Kutschfahrt durch die Wüste Mexikos gefiel mir eine Idee der Entwickler. Der Anführer der Truppe schreit auf einmal auf, dass derjenige, wer die meisten Vögel abschießt, ein paar Dollars erhält. Klasse! Von solchen Momenten hätte ich im Spiel gerne viel mehr erlebt. Da sehe ich gerne über den einen oder anderen Aussetzer bei der künstlichen Intelligenz der Gegner hinweg. Die englischsprachige Synchronisation des Titels hat mir übrigens sehr gut gefallen. Jede einzelne Stimme, besonders die von John Marston und Bonnie McFarlane, haben zu den einzelnen Charakteren gepasst. Zusammen mit dem wirklich gelungenen Soundtrack und der grafisch schönen Kulisse ergibt der Titel ein schlüssiges Gesamtbild, welches nach wie vor nur von dem unterdurchschnittlich guten Ende getrübt wird.

Thomas‘ Fazit (basierend auf der PlayStation 3-Fassung): Für mich ist Red Dead Redemption der Western zum nachspielen. Ein Spiel das ich mir selbst schon so lange gewünscht habe, denn wer träumt nicht als junger Bub mal davon, als Cowboy, die weiten Steppen des Wilden Westens zu erkunden?! Vor allem wenn es dann auch noch so cool aussieht wie bei John Marston! Kritik an der Story oder am Ausgang des Spiels kann ich selbst nicht teilen, da mir beides sehr gut gefällt. Ich finde besonders das Ende des Titels ist eines Western mehr als würdig, obgleich jeder selbst  entscheiden muss, wo er jetzt das Spiel als beendet ansieht. Die Einleitung mit Bonnie fand ich ebenfalls super gut gelungen, da man so ziemlich geschmeidig in die raue Westernwelt eingeführt wird, bevor dann irgendwann der große Knall folgt und das Spiel richtig Fahrt aufnimmt. Alles in allem, ist Red Dead Redemption für mich besser als GTA IV und punktet nicht nur mit einer tollen Kulisse und einem klasse Western-Setting, samt coolem Helden und packender Story, sondern auch mit viel Liebe zum Detail und einem erfüllten Kindheitswunsch. Doch es ist wie immer, man muss natürlich das Szenario mögen. Wer lieber den Cops die Donuts klauen will, ist bei Read Dead Redemption falsch.

Ein Kommentar zu “Review: Red Dead Redemption

  1. Ich fand das Ende eigetnlich sehr gut, nicht so 08/15 wie bei manch anderen Spielen. Unlogisch nicht umbedingt aber das erzähl ich dir lieber Privat, will ja nichts Spoilern für die anderen Leser. Was mich mehr gestört hat waren die Teilweise plötzlich endenden Storyverläufe einzelner Charaktere, welche zum Teil später dann wieder genauso Plötzlich auftauchen. Schade fand ich auch das manche Sachen (wie zB Safe Knacken) relativ selten bis einmal / garnicht vorkommen, außer man weiß ganz genau wo man das machen kann. Für die Story + alle Nebenmissionen die ich immer zwischendurch gemacht habe, habe ich 136 Stunden gebraucht. Online macht das Spiel auch viel Spaß.

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