Manche Filme benötigen viel Zeit, bis sie im deutschsprachigen Raum veröffentlicht werden. Dieses Schicksal teilt auch der Anime Ninja Scroll, welcher bereits 1993 in Japan das erste Mal gezeigt wurde. Ganze achtzehn Jahre hat es gedauert, bis der Film die hiesigen Gefilde erreichte. Dass sich das Warten gelohnt hat, können wir nach dem Ansehen nur bestätigen.
Ninja Scroll ist im Japan der Edo-Zeit (1603 bis 1868) angesiedelt. Während des Tokugawa-Shogunat, taucht ein feindlicher Clan auf, welche die Regierung des Landes stürzen möchte. Damit dieses Vorhaben gelingt, sucht der Clan die Unterstützung der Acht Teufel von Kimon, einer blutrünstigen Bande von Dämonenkrieger. Fortan wird das feudale Japan von Chaos und Terror geplagt. Zur selben Zeit taucht auch der mit Geheimnissen umwobene Krieger Jubei Kibagami auf, der Japan vor dem Untergang bewahren soll. Schon bald merkt Jubei, dass viel mehr hinter der Verschwörung steckt, als er anfangs annimmt. So bricht unter anderem in einem bestimmten Dorf angeblich eine Epidemie aus, weshalb die umliegenden Städte zwangsweise evakuiert werden müssen – außerdem wird Jubei mit jenem Feind konfrontiert, den er glaubt vor Jahren ins Reich der Hölle geschickt zu haben.
Skurrile Mythologie
Zugegeben – die Geschichte ist beim ersten Mal nicht sehr leicht zu verstehen. Die Charaktere sind gut ausgearbeitet und tragen ihren Teil zum Verständnis zwar bei, doch wer sich noch nie in seinem Leben mit der japanischen Kultur auseinandergesetzt hat, wird nur wenig der recht guten Handlung verstehen. Ein düsteres Gemisch aus Intrigen, Liebe, Hass und Bestechung gilt es zu verstehen. Das Geschehen wird mit der japanischen Vorstellung von Fantasy gut in Szene gesetzt. Jeder der auftauchenden Dämonenkrieger verfügt über dunkle Fähigkeiten, die für europäische Zuschauer vielleicht etwas makaber und unfreiwillig komisch wirken. So trägt einer der Krieger (mit seiner Haut verbunden) ein Wespennest auf dem Rücken und eine spärlich gekleidete Dame entflutscht auch einmal eine Schlange aus ihrem Anus. Wer sich mit Sex und Gewalt nicht auseinandersetzen möchte, hat bei Ninja Scroll schlechte Karten. Zum einen kloppt sich Jubei alle paar Minuten mit einem neuen Gegner und zum anderen kommen zu Beginn des Films ein paar Sexszenen vor, darunter eine Vergewaltigung. Keine Sorgen: Einen waschechten Hentai bekommen wir hier nicht spendiert, schließlich ist Film noch ab sechzehn Jahren freigegeben.
Funktionierendes Zusammenspiel
Der Film wird laut der Packung im schmucken 16:9-Format präsentiert, doch bekommen wir das Gefühl nicht los, das die Ränder über den Bildschirm ein, zwei Millimeter hinausragen. Der Soundtrack macht das aber wieder wett, denn jede Stelle wird passend mit der richtigen Musik unterlegt. Die deutschen Synchronsprecher verrichten gute Arbeit, auch wenn wir die (deutlich bessere) japanische Fassung klar bevorzugen – diese lässt sich sogar ohne deutsche Untertitel ansehen. Ein Luxus, den sich in Deutschland wohl nicht jeder Anime leisten kann. Nach 92 Minuten endet der Film, wie er angefangen hat: Jubei taucht aus dem Nichts auf und verschwindet in diesem. Im Übrigen befindet sich auf der DVD noch ein Interview mit dem Regisseur des Films. Yoshiaki Kawajiri schwelgt in Erinnerungen und klärt uns über die Lage der Animes in Japan auf. Des Weiteren erhalten wir in einem kurzen Video – mit Standbildern aus dem Film – Informationen über den Regisseur spendiert. Auf der Packungsrückseite wird ebenfalls noch mit dem Special Voice Actor’s Studio geworben – auf der Disc finden wir das Special leider nicht. Dafür umso mehr Trailer, die Lust auf weitere Filme wecken. Warum den zweiminütigen (und nicht abbrechbaren!) Trailer beim Einlegen der DVD nicht in dieses Menü verfrachtet hat, ist uns schleierhaft. Wer die großen FSK-Symbole nicht mag, wird sich freuen – das DVD-Inlay verfügt über ein Wendecover. Klasse! Fans von Shinobi oder Ninja Gaiden, welche Animes ohne aufwendige Computereffekte mögen, dürfen bedenkenlos zugreifen – wenn sie sich mit einer komplexen Geschichte anfreunden können.
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit: Leider muss ich ganz klar sagen, dass ich den Anime am liebsten nach dreißig Minuten wieder ausgeschaltet hätte. Für mich hat dieser Film nichts Besonderes dargestellt, doch blieb ich optimistisch und wurde gegen Ende des Films eines Besseren belehrt. Zwar bin ich weiterhin der Überzeugung, dass man diesen Film nicht gesehen haben muss, doch sobald man sich einmal im Universum von Ninja Scroll zurecht findet, kann man sich mit dem Film wunderbar die Zeit vertreiben. Lange Zeit habe ich keinen Anime mehr gesehen, der komplett ohne übertriebene Computereffekte auskommt. Während man 1993 mit sehr viel Liebe jedes kleine Detail mit Hand einzeichnen musste, werden mehrfach vorkommende Objekte einfach kopiert – dafür bewundere ich die damaligen Zeichner. Außerdem fühle ich mich während des Films sehr, sehr wohl, weil Yasunori Honda die richtige Musik zur passenden Szene einspielt. Interessant finde ich auch, dass in Japan wohl eine Anime-Serie zu Ninja Scroll im Fernsehen läuft und dass ein zweiter Film bereits in Planung ist – ich bin gespannt, ob diese beiden Werke ebenfalls achtzehn Jahre brauchen, um hier zu erscheinen.
Vielen Dank an Splendid Film für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsexemplars von Ninja Scroll!