Der Zweite Weltkrieg war schlimm. Er hat weltweit Millionen von Menschenleben gefordert, Familien auseinander gerissen und Auswirkungen auf alle Länder und die Wirtschaft gehabt. In Videospielen wird dieses Thema oft nur in Ego-Shootern erörtert, doch Gefühle vermitteln die Spiele aus dem Hause Electronic Arts oder Activision so gut wie nie – ein Glück, dass es auch andere Medien gibt, die den Fokus bei diesem Thema nicht nur auf Gewalt legen.
Der Anime beginnt mit dem tragischen Ende eines der beiden Hauptprotagonisten. Seito liegt im September nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges verkommen in einer Bahnhofshalle herum und stirbt schlussendlich an Unterernährung. Die Geschichte der Geschwister wird nun in Rückblenden erzählt und setzt im Juni 1945 ein, als die Stadt Kōbe durch Brandbomben attackiert wird. Die Mutter von Seito und dessen Schwester Setsuko leidet an einer Herzkrankheit, weshalb sie als die Sirenen ertönen bereits zum Luftschutzbunker vorangeht. Der junge Seito versteckt noch ein paar Nahrungsmittel und nimmt dann seine Schwester Huckepack, doch der Weg zum Bunker wird ihnen durch die herabstürzenden Brandbomben abgeschnitten. Nie zuvor haben die Kinder die Ausmaße des Grauens gesehen, mit welchem sie sich nun konfrontiert fühlen dürfen. Später treffen die beiden an einem Sammelpunkt ein – Seito erfährt, dass seine Mutter mit schweren Verletzungen in Bandagen eingewickelt im hinteren Raum des Gebäudes liegt. Schlussendlich stirbt die Mutter an ihren Verbrennungen, doch Seito traut sich nicht, es seiner Schwester zu beichten. Stattdessen bricht das Geschwisterpaar zu ihrer Tante nach Nishinomiya auf.
Das Grab der Glühwürmchen
Ihre Tante nimmt sie mit offenen Armen auf, doch als Seito sich nicht am Wiederaufbau der zerbombten Gebiete beteiligen möchte und stattdessen lieber mit seiner Schwester spielt, wird die Geduld der Tante auf eine harte Probe gestellt. Sie verkauft die Kimonos der toten Mutter, um für die Familie Reis zu beschaffen. Nach einigen Tagen möchte sie den Kindern allerdings nichts mehr abgeben. Seito und Setsuko packen ihre Sachen und ziehen außerhalb der Stadt in eine Höhle. Sie tauschen Kleidung gegen Essen und leben im Einklang mit der Natur. Um ihr neues Zuhause des Nachts zu erhellen, fangen die Kinder ein paar Glühwürmchen. Am nächsten Morgen sind viele der Käfer allerdings schon tot, Setsuko begräbt sie, denn auch sie hat inzwischen verstanden, dass ihre Mutter gestorben ist und nicht wiederkommen wird. Als sich Setsukos Gesundheit zunehmend verschlechtert, suchen die beiden einen Arzt auf, der ihnen erklärt, dass es Setsuko an einer guten Ernährung mangelt. Seito beginnt Gemüse von den Feldern zu stehlen – doch alles hilft nichts. Die vierjährige Setsuko stirbt kurz darauf an Unterernährung. Als Seito dann auch noch erfahren muss, dass der Krieg mittlerweile vorüber ist und Japan kapitulieren musste, verliert er allen Lebensmut, da er davon ausgehen kann, dass auch sein Vater sein Leben verloren haben muss.
Aufwühlend und erschütternd
Der Film basiert auf dem Buch von Nosaka Akiyuki, welches teilweise auf autobiografischen Tatsachen aufbaut, denn auch der Autor verlor eine Schwester im Zweiten Weltkrieg, die an kriegsbedingter Unterernährung starb. Regisseur Isao Takahata verkörpert diese Erfahrung im Anime sehr, sehr gut. Als Zuschauer können wir die Gedanken, die Beweggründe und auch die Handlungen der Charaktere sehr gut nachvollziehen. Der Zweite Weltkrieg war einer der schlimmsten Kriege auf unserem Planeten, der jemals geführt wurde, was uns besonders nach dem Anschauen dieses Films nochmals klar wurde. Angst und Schrecken, aber auch die Liebe zwischen Geschwistern und der Zusammenhalt in der Not werden in dieser Studio-Ghibli-Produktion passend erläutert. Kaum ein anderer Film konnte uns die Gefühle mehrerer Personen dermaßen einleuchtend und nachvollziehend vermitteln, wie Die letzten Glühwürmchen. Der Junge, der nun über seine Schwester wachen muss und das kleine Mädchen, das sich an ihren Bruder klammert und nicht alleine gelassen werden möchte, wecken tief sitzende Gefühle in uns. Emotionale Zuschauer sollten sich darauf einstellen, hin und wieder das Taschentuch zu zücken, da der Film des Öfteren auf die Tränendrüse drückt.
Bedeutender Filmklassiker
Optisch wirkt der Anime heutzutage nicht mehr ganz so frisch, aber wenn man bedenkt, dass der Film aus dem Jahre 1988 stammt, ist dieses Manko schnell vergessen. Die Zeichnungen sind wunderschön und erinnern vom Stil her stark an die Kinderserie Heidi, für die Isao Takahata auch als Regisseur tätig war. Das Bild ist im 16:9-Format gehalten, was während der Spielzeit von 85 Minuten positiv auffällt. Akustisch unterstützen die melancholischen Klänge die Atmosphäre sehr gut – keine Szene wirkt aufgesetzt. Die japanische Synchronfassung klingt ein wenig betagt, die deutsche und französische Tonspur wirkt dafür umso frischer. So wurde für die Rolle des Saito Gerrit Schmidt-Foß (lieh unter anderem Wentworth Miller in Prison Break und Jorge Garcia in Lost seine Stimme) engagiert – unserer Meinung nach hätte keine andere Stimme besser zu Saito gepasst – aber auch alle anderen Synchronsprecher passen zu ihren Rollen. Die Menüführung von Die letzten Glühwürmchen ist allerdings alles andere als schicklich. Durch einen dreidimensionalen Raum zu klicken, der keinen Bezug zum Film hat, passt überhaupt nicht. Bonusmaterial ist auf der DVD ebenfalls nicht erhalten, was sehr schade ist. Gerne hätten wir ein paar Worte des Regisseurs und auch des Buchautors vernommen. Dies sind allerdings nur kleine Kritikpunkte, denn in der Studio Ghibli Collector Box befindet sich auch ein dünnes Artbook, sowie zwei Sammelkarten in Postkartengröße. Zudem befindet sich das 64-seitige Buch Das Grab der Leuchtkäfer in dieser Edition. So hat jeder Käufer nochmals die Möglichkeit, sich die originale Geschichte durchzulesen. Die letzten Glühwürmchen ist ein Film, den man sich nicht entgehen lassen darf!
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Meinung (basierend auf der Studio Ghibli Collector Box): Im Grunde könnte ich an dieser Stelle das gesamte Review zitieren, denn noch etwas hinzuzufügen, fällt mir schwer. Die letzten Glühwürmchen ist ein wundervoller Film, den ich mir mit Sicherheit noch ein zweites oder gar drittes Mal ansehen werde. Jede einzelne Szene wurde so schön und gekonnt in Szene gesetzt, dass ich mit den Charakteren fühlen kann. Kein Kind der Welt sollte seine Mutter verlieren, wenn es noch so jung ist. Kein Kind der Welt sollte Kriege erleben. Kein Kind der Welt sollte hungern. Leider sieht die Wirklichkeit auch heute noch anders aus. Anstatt die Armut in anderen Ländern zu bekämpfen, bereichern wir uns oft selbst. Sollten wir nicht aus unseren Fehlern lernen, an einem Strang ziehen und eine bessere Welt erschaffen? Die Bilder von Die letzten Glühwürmchen mögen zwar fiktiv sein, doch spiegeln sie die Realität der Zeit des Zweiten Weltkrieges wieder. Auch wenn es nur ein Anime ist, kann ich die Menschen, die in dieser Zeit lebten oder aufgewachsen sind, nur noch besser verstehen. Nicht sehr oft kann ich von einem Anime behaupten, dass er mir Hintergrundwissen über reale Begebenheiten liefert, doch das ist bei Die letzten Glühwürmchen anders. So erfahre ich vieles über die Bombardements durch Seiten der Amerikaner auf Japan und die anschließende Knappheit an Lebensmitteln und dem Wiederaufbau des Landes. Ich kann dem Film nur jedem empfehlen, der sich ansatzweise für das Thema interessiert. Gefühlsbetonter und anschaulicher kann man es wirklich nicht ausdrücken.
Vielen Dank an Anime Virtual für die freundliche Bereitstellung der Studio Ghibli Collector Box von Die letzten Glühwürmchen!
dies ist ein wunderschöner und sogleich trauriger film in einem. Jedem ist klar worum es geht und trotzdem geht es einem an die nieren.