Am sechsten August 1945 wird um Viertel nach acht Uhr morgens japanischer Uhrzeit die Bombe Little Boy über Hiroshima abgeworfen. 80.000 Menschen werden sofort getötet, weitere 200.000 sterben in den nächsten Jahren an den Folgen der Strahlung. Barfuss durch Hiroshima erzählt die Geschichte einer Familie, welche Zeuge dieser Katastrophe wird
Mit seinen Eltern und seinen beiden Geschwistern lebt der junge Gen in Hiroshima. Seine Familie ist nicht besonders reich, sie haben wenig zu essen. Die Mutter ist zudem schwanger und sein Vater wird von den Nachbarn verachtet, da er als einer der wenigen realisiert, dass Japan den Krieg verlieren wird beziehungsweise bereits verloren hat. Das Leben geht seinen gewohnten Gang, bis eines Morgens unangekündigt ein B-29-Bomber am Himmel erscheint, der einen vom Boden aus betrachtet, kleinen und funkelnden Gegenstand abwirft. Noch ahnt niemand, dass es sich dabei um die erste Atombombe handelt, die jemals in einem Konflikt eingesetzt wird. Sekunden später explodiert Litte Boy 580 Meter über dem Boden und richtet gigantische Schäden an. In einem Radius von bis zu zwei Kilometern verursacht die Bombe blanke Zerstörung, Brände entfalten sich und die freigesetzte Strahlung trifft viele unschuldige Menschen. Gen, der auf dem Weg zur Schule ist, erlebt alleine mit, was mit seiner Umwelt geschieht.
Tragödie einer Familie
Schnell rennt er nach Hause. Seine Mutter versucht, ihren Mann und ihre anderen beiden Kinder zu retten, die unter den brennenden Trümmern liegen. Vergeblich. Weitere Schicksalsschläge sollen nicht ausbleiben. Die Mutter gebärt ein kleines Mädchen, welches sie jedoch nicht selbst stillen kann. Ein paar Tage nach diesen Ereignissen erfahren sie, dass eine weitere Atombombe über Nagasaki abgeworfen wurde. Japan kapituliert bedingungslos. Später nehmen sie das Weisenkind Ryūta auf, welches Gens toten Bruder Shinji sehr ähnelt. Gemeinsam erarbeiten sie sich ein paar Yen, um Milch für ihre kleine Schwester zu kaufen, doch diese verstarb inzwischen in den Händen ihrer Mutter. Der zweite Film von Barfuss durch Hiroshima setzt drei Jahre später ein. Die Strahlenkrankheit hat Gens Mutter zu sehr zugesetzt, dass die beiden Jungen versuchen an Penicillin zu gelangen, welches angeblich auch die Strahlenkrankheit heilen könne, doch dieses ist teuer und auch Versuche mit einer Straßenbande an das nötige Kleingeld zu kommen, misslingen. Obgleich der zweite Film eine nicht ganz so starke Wirkung erzielt, so endet er doch mit einem tragischen Ende.
Eindrucksvolle Bilder
Beide Filme bauen auf historischen Fakten auf, die in beiden Filmen gekonnt in Szene gesetzt werden. So sieht man in den Filmen beispielsweise auch, wie das japanische Volk zum ersten Mal die Stimme von Kaiser Hirohito im Radio hört, nachdem Japan kapitulierte. Auch auf die Besatzung durch die Amerikaner wird im Film eingegangen. Der Abwurf der Bombe wird in eindrucksvollen Bildern beschrieben. Wir sehen, wie Gebäude zerstört werden, wie Menschen und Tiere auseinandergerissen, verbrannt und verstrahlt werden. Auch wenn einige Momente überspitzt ausdrückt werden, können wir als Betrachter das Leiden und vor allem das Ausmaß der Katastrophe sehr gut nachvollziehen. Die Geschichte um Familie Nakaoka wird zwar im Gegensatz zum Manga verkürzt dargestellt (Gens Vater sitzt beispielsweise nicht eine Zeit lange im Gefängnis und auf ein paar Personen, wie einen weiteren Bruder Gens wird auch verzichtet), doch ist die Handlung so dargestellt, dass man den Leidensweg der Menschen und den damit verbundenen Konsequenzen nur noch besser verstehen kann.
Bilder, die man nicht vergessen kann
Beide Filme kommen nur mit einer japanischen Tonspur daher (amerikanische Soldaten sprechen Englisch), was unserer Meinung aber nicht sonderlich stark ins Gewicht fällt. Wir können uns so nur noch viel besser in die Charaktere hineinversetzen. Dank Untertiteln in deutscher, französischer, polnischer, schwedischer und niederländischer Sprache können wir der Geschichte trotzdem problemlos folgen. Da die Filme aus den Jahren 1983 und 1986 stammen, ist es ebenfalls nicht verwunderlich, dass wir das Bild nur im 4:3-Format präsentiert bekommen. Beide Filme verfügen über eine Spielzeit von circa 85 Minuten (auf der Packung werden jeweils 90 Minuten angegeben). Bonusmaterial auf den DVDs suchen wir vergebens – bis auf ein paar Trailer zu anderen Animes finden wir keine zusätzlichen Informationen auf den beiden Datenträgern. Das ist schade, denn auch bei Barfuss durch Hiroshima wäre es sehr interessant gewesen, ein paar Worte des Autors zu hören, da der Anime beziehungsweise der Manga in groben Zügen auf seinem Leben basieren. Immerhin befindet sich neben dem üblichen Programmheft auch ein 54-seitiges Booklet in der Schachtel, welches mit vielen Informationen über die Tragödie vom sechsten August 1945 berichtet und mit einem kleinen Auszug aus dem Manga daherkommt. Wer sich bereits Die letzten Glühwürmchen angesehen hat, muss sich auch Barfuss durch Hiroshima anschauen, denn bei diesen Filmen handelt es sich um bedeutungs- und wertvolle Werke, dessen Bilder man nie wieder vergessen wird.
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit (basierend auf der DVD-Fassung): Nachdem ich mir vor kurzem Die letzten Glühwürmchen auf DVD angesehen habe, hat mich die Thematik rund um den Zweiten Weltkrieg wieder mehr interessiert. Bevor ich mir Barfuss durch Hiroshima angeschaut habe, konnte ich nicht mit solch ausdrucksstarken Bildern rechnen. Zwar war mir bewusst, dass dieser Film eine wesentlich höhere Gewaltdarstellung bieten muss, doch das Grauen wirklich in solchen Bildern zu verkörpern, hätte ich nie zu träumen gewagt. In Japan muss dieser Film und auch der Manga für Aufsehen gesorgt haben. Trotzdem bin ich froh, dass es dieses Werk gibt, damit ein jeder (vor allem Japan) eine weitere Möglichkeit hat, die Geschehnisse aus dieser Zeit aufzuarbeiten. Egal ob ich nun den historischen Fakten oder der spannenden, wenn auch tragischen Geschichte folge, werde ich gut unterhalten und bekomme nebenbei viele wissenswerte Informationen beigebracht. Nicht jeder Film kann das von sich behaupten und besonders Schülern oder Studenten, die in der Schule oder in der Universität gerade den Zweiten Weltkrieg behandeln, kann ich diese Filme nur empfehlen. Die fehlende deutsche Tonspur ist übrigens nicht besonders schlimm. Ich denke, dass man sich so nur noch viel besser in die Rollen der Charaktere denken kann – Charaktere, die ich nie vergessen werde.
Vielen Dank an Anime Virtual für die freundliche Bereitstellung von Barfuss durch Hiroshima auf DVD!