Review: Tokyo Magnitude 8.0

Anfang dieses Jahres erlebt Japan eine Tragödie – mehrere Erdbeben, ein starker Tsunami und schlussendlich auch noch eine katastrophale Kernschmelze muss das Land der aufgehenden Sonne ertragen. Tokyo Magnitude 8.0 zeigte bereits zwei Jahre zuvor, wie solch ein Szenario aussehen könnte.

Die Sommerferien stehen vor der Tür, aber anstatt zu faulenzen, soll Mirai Onosawa ihren kleinen Bruder auf Geheiß ihrer Mutter zu eine Roboterausstellung in Odaiba begleiten. Als beim Verlassen des Gebäudes ihr kleiner Bruder Yūki auf Toilette gehen muss, verspricht die Dreizehnjährige, am Ausgang zu warten. Immer noch genervt vom Stress des Ausflugs und von zuhause, wünscht sich Mirai plötzlich, dass ihre Welt zu existieren aufhören könne – just in diesem Moment geschieht das Unvorstellbare: Die Erde bebt! Obwohl das Beben nur einen kurzen Augenblick anhielt, richtet es massive destruktive Schäden an Straßen, Brücken und selbst Gebäuden an. Das Erdbeben macht keinen Halt vor der Zerstörung der Messe, jenem Gebäude, in welchem sich immer noch der kleine Yūki befindet. Mirai ist plötzlich alles egal und eilt ihrem Bruder, auch gegen die Warnung von Sicherheitsfachkräften, zur Hilfe. In den zerstörten Gängen trifft sie auf Mari Kusakabe, einer erwachsenen Frau, die nicht mit ansehen kann, wie sich Mirai tiefer und tiefer in das einsturzgefährdete Gebäude begibt. Nachdem sie Yūki gefunden haben, versprechen sich die drei neu gewonnenen Freunde, den Heimweg nur gemeinsam anzutreten. Dieser wird sich aufgrund der Umstände über drei Tage ziehen, drei Tage, an denen Freundschaft, Geschwisterliebe, Trauer und auch der Tod auf sie warten wird.

Fiktives Erdbebenszenario

Tokyo Magnitude 8.0 erzählt eine fiktive Geschichte eines Erdbebens der Stärke 8. Bereits 2009 wurde ein Erdbeben der Stärke 7 mit siebzigprozentiger Wahrscheinlichkeit in den nächsten dreißig Jahren für Japan prognostiziert. Es dauerte leider nur zwei kurze Jahre, bis 2011 das Tōhoku-Erdbeben mit einer Magnitude von 9 in Japan wütende. Damals sollte der Anime, auf Grundlage von ermittelten und dokumentierten Werten, sowie Aussagen von Betroffenen, den einzelnen Zuschauern vermitteln, wie ein Erdbebenszenario aussehen könnte. Zwar stehen die realen Hintergründe und Zusammenhänge in Tokyo Magnitude 8.0 jederzeit im Vordergrund, doch lässt es sich der Regisseur Masaki Tachibana nicht nehmen, ebenso eine spannende und durchdachte Geschichte zu erzählen. Nebencharaktere tauchen dabei nur sehr selten auf, sie unterstützen lediglich das Voranschreiten der Geschichte und die Entwicklung der einzelnen Hauptpersonen. Mirai ist zu Beginn der Storyline sehr depressiv, sie kann es nicht ausstehen, dass die Arbeit so mancher Situation immer an ihr hängen bleibt und ihre Eltern kaum Zeit für sie aufbringen. Zwar ist sie nicht schüchtern, doch zeigt sie bei vielen Dingen Desinteresse, lässt ihren Blick immer wieder auf ihr Handy fallen und schreibt lieber Textnachrichten mit ihren Freunden. Im Verlauf der Handlung ändert sie ihren Charakter grundlegend, sie erkennt das Ausmaß der Zerstörung und der damit verbundenen Trauer einzelner Personen.

Bemerkenswerte Charakterentwicklung

Yūki hingegen ist ein fröhliches Kind. Als kleiner Junge ist er immer daran bedacht, die Freuden des Lebens zu erfahren und mit seiner Schwester und seinen Freunden viel Spaß zu haben. Zudem interessiert er sich stark für Roboter, was in einer Szene sogar ausschlaggebend ist, um einen Menschen in großer Not zu retten. Somit könnte man Yūki gewissermaßen als kleinen, aber passiven Helden bezeichnen. In den letzten Episoden übernimmt er eine tragende Rolle, die sehr wichtig für die Charakterentwicklung seiner Schwester ist. Mari übernimmt in Tokyo Magnitude 8.0 eine Mutterrolle, sie passt auf Mirai und Yūki auf, kümmert sich um sie und lässt sie nie aus den Augen, was sich aber besonders beim stürmischen Yūki in so mancher Szene als relativ schwierig erweist. Sie selbst hat ebenfalls eine Tochter und somit ist es auch ihr sehr wichtig, schnell nach Hause zu gelangen, vergisst dabei aber nie ihrer Beschützerrolle nachzukommen. Die Eltern der beiden Geschwister kommen nur am Rande vor. Sie erleben in ihren Charakterzügen eine ähnliche, aber bei weitem nicht so starke Persönlichkeitsänderung, wie es bei Mirai der Fall ist. Die relativ kurze Anime-Serie besteht aus elf Episoden á circa 22 Minuten, in denen sich die Charaktere entwickeln können beziehungsweise werden. Es ist gut, dass sich der Regisseur für eine so geringe Episodenanzahl entschieden hat. Die Story wirkt somit an keiner Stelle aufgesetzt und motiviert bis zum Ende, mit den Charakteren mitzufiebern. Insbesondere die relativ kurzen Statements der Nachrichtensprecherin am Ende einer jeden Folge unterstützen die Vorfreude auf die nächste Episode.

Überzeugendes Szenario

Das sehr klare Bild wird im 16:9-Format ausgegeben, Tokyo Magnitude 8.0 überzeugt somit auf optischer Ebene mit einem wunderschönen, zugleich aber auch bedrückenden Stadtbild, Charaktere sind weniger detailreich gezeichnet und sondern sich deshalb besonders gut von den Hintergünden ab. Die musikalische Untermalung von Kow Otani in Dolby Digital 5.1 passt zu jeder Szene, ist niemals fehl am Platz und stört nicht. Die Synchronsprecher wurden für ihre Rollen passend ausgewählt. Friedl Morgenstern (Mirai), David Kunze (Yūki) und Antje von der Ahe (Yūki) leisten nicht nur gute, sondern auch überzeugende Arbeit. Sie können sich in ihre Charaktere hinein versetzen, ihnen Leben einhauchen und ihre Gefühle, sowie ihre Gedanken glaubhaft wiedergeben. Neben der exzellenten deutschen Synchronisation, befindet sich auch die japanische Tonspur auf der Disc. Zuschaltbare Untertitel liegen nur in deutscher Sprache vor. Der Anime ist in Japan auch auf Blu-ray erhältlich, doch entschied man sich hierzulande komischerweise einzig und allein für die Veröffentlichung auf DVD, obwohl der Inhalt weiß, durch und durch zu überzeugen. Bonusmaterial liegt in Form von ein paar Trailern zu ausgewählten Animes und in Form eines zehnminütigen Erinnerungsvideos vor. Auf letzteres können wir leider nicht eingehen, da es sich auf eine gravierende Änderung im Story-Verlauf bezieht. Hier wäre allerdings deutlich mehr möglich gewesen, besonders da sich der Anime auf ein reales Thema stützt und Interviews mit dem Regisseur und seinem Team, sowie Aufnahmen über die Vorarbeit wären angebracht, sinnvoll und durchaus interessant gewesen, aber auch ohne diesen Zusatz kann Tokyo Magnitude 8.0 von Anfang bis Ende überzeugen.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der DVD-Fassung): Tokyo Magnitude 8.0 ist ein Anime, den ich wohl nicht so schnell vergessen werde, auch wenn er relativ kurz ist und Anime-Freunde wohl nicht mehr als ein bis zwei Wochenenden damit beschäftigt sein werden. Die Thematik des Films baut auf realen Tatsachen und Begebenheiten auf, die zwischen den Veröffentlichungen der japanischen und deutschen Fassungen leider in ähnlicher, noch schrecklicherer Form Wahrheit geworden sind. Masaki Tachibana gelingt es, ein furchtbares Szenario mit viel Liebe zum Detail in Form eines Animes zu verwirklichen und dabei noch eine spannende Geschichte zu erzählen, die speziell in der zweiten Hälfte an Bedeutung gewinnt und einmal mehr auf die Gefühlswelt der Hauptcharaktere und ihrer Umwelt einzugehen. Die Charakterisierung der Mirai und der Wandel ihrer Persönlichkeit haben mich außerordentlich beeindruckt. Ihr Sinneswandel ist glaubhaft und nachvollziehbar in die Geschichte von Tokyo Magnitude 8.0 eingeflochten und besonders am Ende der elf Episoden ist sie die eine Schlüsselfigur, die den Anime so besonders macht, ihn zusammenhält und mein Herz berührt. Noch bevor der letzte Abspann über den Bildschirm flimmerte, floss bei mir die eine oder andere Träne und damit war mir klar, dass Tokyo Magnitude 8.0 sein Ziel in allen Belangen erreicht hat.

Vielen Dank an Universum Film für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Tokyo Magnitude 8.0!

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