Innovative Spielideen gelten in der heutigen Zeit schon mal als Rarität. Wenn dann ein Spiel doch mal anders ist, wird es gleich als zu wenig traditionell dahingestellt und somit für alle Zeiten ein Geheimtipp bleiben. Selbiges Schicksal trifft vermutlich auch Kirby Mass Attack.
Der durchtriebene Magier Nekrodeus, seines Zeichens Anführer der Schädli-Bande, fällt ins kunterbunte Kirby-Universum ein. Dieses möchte er nur zu gerne unterjochen, doch da hat er die Rechnung nicht mit dem beliebten Edelknödel gemacht. Obwohl Nekrodeus Kirby in zehn einzelne Charaktere aufspaltet, bleibt unser wackerer Held am Ball und macht sich mit seinen anderen neun Artgenossen auf den Weg, um Nekrodeus zu vernichten. Die Handlung ist zwar serientypisch eher dünn gehalten, doch reduziert sie das Geschehen auf Nötigste, denn anders als in den restlichen Serienteilen, befehligen wir hier nämlich nicht nur Kirby, sondern gleich eine ganze Kompanie von Edelknödeln, womit auch schon beim neuartigen Gameplay wären. Beginnend mit nur einer Spielfigur, erlernen wir im ersten Level selbstverständlich zu erst die ganzen Grundbefehle. Wir lernen, wie wir Kirby auf einen Gegner hetzen und auch, wie wir herumliegendes Obst einsammeln. Wir müssen einfach nur mit dem Touchpen das Zielobjekt antippen, fertig! Was sich in der Theorie einfach liest, erweist sich in der Praxis vor allem bei der Kontrolle von mehreren Kirbys als durchaus fordernd. Nachdem die ersten Schritte hinter uns liegen, friert plötzlich der Bildschirm kurz ein und auf einmal taucht wie aus dem Nichts ein weiterer Kirby auf. So merken wir fix, dass wir für alle hundert gefutterten Früchte einen Kirby dazu bekommen.
Kirby auf Diät
Außerdem fällt uns dabei auf, dass es während der gesamten Spielzeit keine Süßigkeiten zu mampfen gibt. Einzig allein mit Äpfeln, Bananen und zudem auch noch Melonen muss sich unser Held beziehungsweise unsere Helden zufrieden geben. Jede Fruchtart füllt unser Konto allerdings mit einer unterschiedlich großen Anzahl an Früchten. So zählen Bananen wie zehn Früchte und Melonen füllen den Bestand sogar um dreißig Früchte auf. Beide Sorten sind, um die Spielbalance zu halten, selbstverständlich weniger oft vertreten als Äpfel. Diese zählen in unserem Abenteuer natürlich nur als eine Frucht. Zudem finden wir in seltenen Fällen auch die so genannten Maxi-Tomaten, welche tatsächlich für einhundert Früchte zählt und somit sofort einen Kirby produziert. Sollten wir übrigens zehn Kirbys unser Eigen nennen, so erhöht sich unser Punktestand um ganze zehntausend Punkte. Das ist nicht schlecht, aber bis auf die Schlussstatistik ohne nennenswerte Bedeutung. Eine Süßigkeit gibt es dann aber doch zu entdecken, nämlich den Riesenlolli! Wenn die Kirbys diesen einsammeln, wachsen sie auf eine beachtliche Größe an und trampeln alles Bewegliche nieder, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Unter anderem zerstören sie auch Blöcke, die wir ohne den Riesenlolli nicht auf Anhieb zerstören können. Hinter solchen Barrikaden erwarten uns dann meistens Verstecke, in welchen wir entweder eine halbe Obstplantage oder Medaillen entdecken können.
Goldmedaillen
Die Medaillen sind besonders bei Mäuserich Daroach beliebt, der mit seinem Luftschiff über die vier Hauptinseln der Spielwelt kreist. Die regenbogenfarbene Medaille eines jeden Levels müssen wir für das Finale zwar zwangsweise finden, um überhaupt zur letzten Welt Zugang zu erlangen, doch sammeln wir die goldenen Trophäen ein, schalten wir somit automatisch Zusatzinhalte frei, mit denen wir vor dem eigentlichen Spielbeginn nicht gerechnet haben. Wir reden hier nicht von Jukeboxen oder ähnlichem, obwohl diese natürlich wie in vielen anderen Kirby-Titeln auch enthalten sind, sondern gleich von kompletten und teilweise auch sehr guten Minispielen, die fast nichts mit dem Spielprinzip zu tun haben. In bester Xevious-Manier befehligen wir hier etwa eine durch den Weltraum ballernde Kirby-Schlange. Eine Pinball-Variante ist ebenfalls mit unter den freischaltbaren Inhalten. Im nächsten Minispiel müssen wir unsere Reflexe testen und rollenspielmäßig gegen zahlreiche Gegner des Kirby-Universums antreten. Wie bereits erwähnt, treten wir aber natürlich auch gegen Feinde im eigentlichen Spielverlauf an. Während es schon mal ein paar Sekündchen länger dauert, einen Gegner umzuwerfen, wenn wir nur mit einem Edelknödel unterwegs sind, sind zehn Kirbys für sich genommen schon eine kleine Armee. Auch größere Gegner haben so nur selten eine Chance gegen das gut trainierte Team.
Auf ins Gefecht
Eine größere Herausforderung stellt da schon das Navigieren der Gruppe da. Zwar bleiben die Kirbys meistens immer zusammen, doch fällt es besonders den Nachzüglern gelegentlich sehr schwer, von alleine an gewissen Erhöhungen hinauf zuklettern. Wollen wir sie dann nicht auf die Anhöhe schnippen und die verbliebenen Charaktere hinaufziehen, laufen die bereits oben angekommen Charaktere natürlich direkt zum Sammelpunkt und neben dabei keine Rücksicht mehr auf die Umgebung. Stachelige Gegner oder feurige Untergründe sind ihnen dann ganz egal. Das hätte den Entwicklern nicht passieren dürfen, denn besonders beim ersten Angehen des Levels, stören solche Momente enorm. Zudem ist es auch schade, dass die Abwechslung des Titels erst in der zweiten Spielhälfte wirklich an Bedeutung gewinnt. Während die ersten beiden Themenwelten noch arg nach demselben Schema aufgebaut sind, müssen wir ab der dritten Welt unter anderem einen Heißluftballon durch einen Parcours lenken und kurz vor dem großen Finale nehmen wir dann auch schon mal hinter dem Steuer eines Panzers Platz. Dafür locken versteckte Geheimnisse immer wieder in ein jedes Level, denn nur sehr selten wird es wohl der Fall sein, dass ihr alle Medaillen beim ersten Durchspielen finden werdet. Bossgegner sind in Kirby Mass Attack rar gesät, denn bis auf gelegentliche Zwischenbosse treffen wir nur am Ende jeder Welt auf einen der Obermotze (mit bekannten Gesichtern).
Himmlische Kirbys
Diese sind glücklicherweise facettenreich gestaltet. Wir müssen nicht immer nur dieselbe Prozedur ausführen, sondern zwischenzeitlich geschickt schalten und die Taktik immer mal wieder ändern. Klasse! Anders als die meisten Kirby-Spiele fällt Kirby Mass Attack teilweise richtig knifflig aus und kostet zudem auch einiges an Konzentration. Wenn ein Kirby von einem Gegner attackiert wird oder allgemein Schaden nimmt, läuft dieser erst einmal blau an. Ab jenem Moment müssen wir besonders auf diesen Kirby aufpassen, denn kassiert dieser einen weiteren Treffer, so schwebt er in Engelform zum virtuellen Himmelsreich. Wir können aber immer noch versuchen, die Spielfigur zurückzuholen, in dem wir die anderen Kirbys schnell auf sie werfen. Gelingt dies, verfällt sie wieder in den blauen Zustand. Erst wenn wir einen Erholungsring finden, können wir jenen Kirby in den pinken Urzustand zurückversetzen – oder wir beenden ganz einfach den aktuellen Level. Viele Levels bieten zudem unterschiedliche Lösungswege an. Da stoßen wir auf Kanonen und Geheimtüren, die uns oft an versteckte Orte führen oder uns auch sogar ans Ende des Levels katapultieren können, sofern wir im vorangegangenen Spielabschnitt nur etwas bestimmtes gesucht haben. Oft ist sogar nötig, an bestimmte Plätze des Levels zurückzukehren, da für manche Aktionen eine Mindestanzahl an Kirbys nötig ist – etwa um eine Plattform zu senken oder einen Hebel zu betätigen.
Geheimtipp
An einigen Stellen heißt es für uns auch, dass wir frühzeitig mitdenken müssen. So finden wir zum Levelanfang schon mal einen Schlüssel, der erst am Ende des Abschnitts eine wertvolle Truhe öffnen wird. Wir müssen also aufpassen, dass der jeweilige Kirby nicht das Zeitliche segnet und der Schlüssel wenige Minuten später im Schloss stecken wird. Kirby Mass Attack hat so viele positive Eigenschaften, die es zu erwähnen gilt. Viele schön inszenierte Levels, eine herausragende Umsetzung spielinterner Rätsel und die zahlreichen Lösungswege sind nur ein kleiner Teil, doch leider hat das Spiel seine (erwähnten) Schattenseiten. Wir möchten gar nicht von Online- oder überhaupt von Mehrspieler-Features sprechen, die hätte das Spiel definitiv verdient gehabt, doch ist vor allem die gewöhnungsbedürftige Steuerung selbst nach mehr als der Hälfte der einfachen Durchspielzeit immer noch zu fummelig geraten. Das ganze Spiel (Minispiele ausgenommen) wird mittels Touchpen gespielt, Tasten kommen überhaupt nicht zum Einsatz. Wir hätten es toll gefunden, wenn wir mittels Steuerkreuz-Kamera auch schon mal ein wenig vom entfernten Spielgeschehen hätten sehen können. Der Soundtrack ist für sich genommen gut gelungen, reißt aber keine Bäume aus. Sound und Grafik ergeben eher ein stimmiges Gesamtbild, welches nur noch mit einer Sprachausgabe eines Kirby und das magische Garn aufgebessert hätte werden können. Wer Kirby Mass Attack eine Chance gibt, bekommt einen, wenn nicht sogar den Geheimtipp des Jahres für seinen Nintendo DS.
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit: Es ist schon fast unglaublich, doch Kirby hat in diesem Jahr mehr auf sich und seine Spiele aufmerksam machen können, als Hylianer Link mit The Legend of Zelda inklusive Serienjubiläum. Obwohl so gut wie jedes neue Kirby-Spiel am immer wiederkehrenden Defizit des viel zu leichten Schwierigkeitsgrad krankt, ändert sich das mit Kirby Mass Attack, wenn auch nur ein wenig. Die verbauten Spielideen sind erfrischend und können gerne Einzug in die nächsten Titel mit dem Edelknödel halten – natürlich in abgewandelter Form. Es gibt nur wenige Nintendo-DS-Titel, die mit so satten und kunterbunten Farben daherkommen und zudem einen passenden Soundtrack vor sich herträllern. Da macht es auch nichts, dass ich viele Spielabschnitte mehr als einmal gespielt habe. Das macht Kirby Mass Attack auch irgendwie besonders, denn eigentlich mag ich es nicht, in jüngster Zeit bekanntes direkt ein weiteres Mal zu erleben, doch erst wenn man ein Level mehr als nur einmal spielt, kann man das wahre Potential des Spiels erkennen. Es gibt einfach viele Lösungswege und noch mehr Geheimnisse, die es in diesem Spiel zu lüften gilt. Nach elf Stunden habe ich zwar bereits den Endboss besiegt, doch bisher habe ich noch nicht alle Medaillen finden können. Aber da ich den Titel immer wieder gerne in meinen Nintendo DS einlege, werde ich das in den nächsten Wochen unbedingt noch nachholen. Für mich ist Kirby Mass Attack der Geheimtipp des Jahres!
Vielen Dank an Nintendo für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars zu Kirby Mass Attack!