Wenn eine Sportart in den letzten Jahren im Videospielbereich immer mehr unter gegangen ist, dann ist es das Snowboard-Genre. Electronic Arts hat die Lücken im Spielregal bemerkt und in diesem Frühjahr einen neuen Teil der SSX-Reihe veröffentlicht.
Sportspiele haben oft ein gemeinsames Manko. Sie können im Normalfall keine vernünftige Geschichte erzählen und sollten es aus diesem Grund auch eigentlich nicht tun. Leider ist das Electronic Arts und dem Entwicklerstudio vermutlich egal, denn eine banalere Story ist uns in diesem Genre nur selten vorgekommen. Es geht einfach um ausgedachte Charaktere, die von überall auf der Welt die Pisten runter sausen möchten. Das hat Konkurrent Ubisoft mit Shaun White: Snowboarding und Shaun White Snowboarding: Road Trip damals auf Nintendos Wii wesentlich besser hinbekommen, selbst wenn die Story um Shaun und seine Freunde ebenfalls nicht das Gelbe vom Ei war, doch haben wir hier jedenfalls ein klein wenig mehr mit den Charakteren auf ihrem Weg zum Ziel mitfiebern können. Zwischensequenzen, in denen die Charaktere von SSX auf einmal mit Motocross-Vehikeln unterwegs sind, erschließen uns in ihrem Sinn leider ebenfalls nicht. Davon sollten wir uns aber nicht ablenken lassen, denn SSX hat viele andere Punkte, die uns deutlich besser gefallen haben. In tausenden Metern Höhe ist ein Helikopter zu sehen, die Kamera umdreht das Flugobjekt und zeigt es darauf von innen. Hier befinden wir uns mit unserem Charakter, der nur darauf wartet, die nächste Piste hinab zu düsen. Mit einem Ruck auf den Analog-Stick nach vorne lässt sich unser Charakter fallen und befindet sich nun am Rande der Abfahrt. Ein letztes Mal tief Luft holen und los geht es!
Drei Zielvorgaben
Die Steuerung ist in einem Sportspiel ein elementarer Bestandteil. Wir sind froh, dass diese in SSX überwiegend positiv ausgefallen ist. Während wir mit dem linken Analog-Stick den Charakter steuern, mit ihm beschleunigen oder abbremsen, führen wir mit den Aktionstasten zahlreiche Tricks aus. Wahlweise dürfen wir diese Tricks auch mit dem rechten Analog-Stick ausführen, doch die Steuerung mit den Aktionstasten sollte vor allem für Einsteiger sehr viel angenehmer und verständlicher sein. Trotzdem funktionieren beide Steuerungsarten fast ohne Probleme. Eine gewisse Eingewöhnungszeit muss man jedoch für SSX einplanen. Besonders in den ersten Spielstunden, wo uns noch nicht alle Boards, Anzüge, Abzeichen und andere Extras zur Verfügung stehen, fühlt sich die Steuerung noch etwas schwammig an und ist aus diesem Grund in einem der drei Hauptspielmodi von Nachteil. Beispielsweise müssen wir die eine oder andere Piste unbeschadet am Boden ankommen, denn in SSX sind wir sterblich. Wir sollten deshalb vor jeder Strecke auf der jeweiligen Anzeige nachschauen, ob wir auch gut gepanzert sind und wie unsere Chancen stehen, die Abfahrt heil zu überstehen. Ist dies nicht der Fall, so dürfen wir uns im Shop gegen einen gewissen Obolus mit einem neuen Schutz ausrüsten. Einige der Strecken sind nämlich mordsgefährlich und wenn wir dann den einen oder anderen Baum übersehen, endet die Abfahrt schneller, als uns vielleicht lieb ist. In weiteren Spielmodi heißt es für uns dann, dass wir vor dem Gegner unser Ziel erreichen oder möglichst viele Tricks für eine bestimmte Punktzahl machen müssen.
Realität und Fantasie
Je länger wir übrigens Tricks ausführen, desto mehr Punkte erhalten wir für diese. Bleiben wir sogar so lange unbeschadet, kommen wir in den Supermodus, in dem unsere Tricks noch besser wirken. Für abgeschlossene Pisten hagelt es Erfahrungspunkte und Credits. Zum einen verbessern wir so unseren Charakter und zum anderen können wir die Credits für neue Snowboards im Shop und sogar für neue Charaktere ausgeben, die dann ebenfalls aufgestuft werden möchten. Wer hier alles erreichen möchte, wird sehr viele Spielstunden in SSX investieren dürfen, zumal die Strecken sehr abwechslungsreich ausgefallen sind. So sind wir in den Rocky Mountains, in Neuseeland oder sogar in der Antarktis unterwegs. Obwohl sich das Entwicklerteam an realen Orten orientiert hat, fallen die Pisten doch eher fantasievoll aus. In Sibirien sausen wir an dem einen oder anderen Kraftwerk vorbei, springen mitten durch Hochstrommasten und auch sonst sind unserer Meinung nach viel zu viele Grind-Stangen auf der Strecke platziert, die in der echten Welt dort wohl eher fehl am Platz wären. Über das Rider Net sind wir jederzeit mit unseren Freunden online verbunden. Sobald also einer unsere Kumpels einen neuen Rekord aufstellt, werden wir durch eine Anzeige in der oberen linken Ecke informiert. Das ist praktisch und motiviert uns, diesen Rekord spontan brechen zu wollen. Wer aber über keinen Online Pass verfügt, darf online zwar die Vorgaben erfüllen, doch die Errungenschaft wird so lange zurückgehalten. Ärgerlich.
Einzelspieler-Alternative
Nur wer Electronic Arts nochmals bezahlt, darf mit seinen virtuellen Gewinnen prahlen. Unserer Testversion lag der Online Pass nicht bei, weshalb wir nicht sagen können, wie essentiell sich diese Vorteile auf das Online-Gaming auswirken. Zudem gibt es im Online-Modus keine Modi, in denen wir direkt gegeneinander antreten. Im Jahr 2012 ist das schwach, genauso wie der fehlende Splitscreen-Modus. Wer also viel lieber direkt mit seinen Freunden spielen möchte, ist bei SSX nicht gut aufgehoben und sollte daher lieber zu älteren Alternativen wie 1080° Snowboarding oder Shaun White: Snowboarding greifen. Optisch kann der Titel trotzdem überzeugen, denn die Pisten sehen in der weißen Landschaft atemberaubend aus und werden zudem teilweise atmosphärisch durch einen farblichen Blaustich in Szene gesetzt. Der Soundtrack passt zum Spiel, doch da hier im Regelfall nur Songs von mehr oder weniger bekannten Interpreten, wie Nero, Run DMC oder The Hives vorkommen, muss man die jeweilige Musikrichtung doch schon mögen. Die restlichen Musikstücke kommen fast gar nicht zur Geltung und sind eher Beiwerk als Bereicherung des Titels. SSX ist ein Snowboard-Spiel, das einige Ansätze (wie etwa das Überleben) dem Genre zumindest teilweise einen neuen Anstrich verpasst. Wir hätten uns sehr gefreut, wenn die Entwickler des Titels Mut bewiesen hätten und diesen Ansatz weiter ausgebaut hätten. Wer jetzt aber hofft, einen simulationsartigen Snowboard-Titel zu bekommen liegt falsch, denn SSX ist fast ausschließlich ein arcade-lastiges Spiel ohne Drang zur Realität. Einzelspieler dürfen dem Spiel eine Chance geben, Mehrspielerfreunde greifen eher zu Alternativen.
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit (basierend auf der PlayStation-3-Fassung): Grundsätzlich kann ich mich mit SSX auf der PlayStation 3 anfreunden, aber wohl auch nur, weil Snowboard-Spiele momentan eher Mangelware im Spielregal der Kaufhäuser sind. Ich muss zugeben, dass ich seit Shaun White Snowboarding: Road Trip kein Spiel des Genres mehr in den Händen gehalten habe und ich deshalb vielleicht etwas zu euphorisch bei der Ankündigung von SSX war. Jedenfalls konnte ich mittlerweile die eine oder andere Stunde mit dem Titel verbringen. Die recht unterschiedlichen Pisten gefallen mir gut, außerdem die Hindernisse, mit denen ich im Spiel konfrontiert werde (auch wenn diese alles andere als realistisch wirken). Ich finde es zudem richtig gut, dass ich ständig neue Credits gewinne, mit denen ich meine Charaktere mit neuen Boards, Anzügen und sonstigem Schnickschnack ausrüsten kann. Das motiviert mich immer wieder aufs Neue, die nächste und auch die übernächste Piste hinunter zu sausen. Aber ich werde SSX wohl nicht sehr lange spielen, da ein Sportspiel meiner Meinung nach schon sehr stark vom Mehrspielererlebnis lebt. Dieses ist in SSX aber gerade nur mittelmäßig und zwingt mich in gewisser Weise trotzdem als Einzelspieler die Piste in Angriff zu nehmen, da die Konkurrenz jeweils nur einen Rekord bricht, den wiederum ich brechen möchte. Mir fehlt das Adrenalin, das ich bei direkten Wettkämpfen gegen Freunde oder unbekannte Spielern spüre. SSX ist für mich leider nur ein Titel für zwischendurch. Ich bleibe lieber beim Klassiker 1080° Snowboarding auf Nintendo 64 und Gamecube.
Vielen Dank an Electronic Arts für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von SSX!