Als Videospielentwickler Suzuki Yū in den 1990er-Jahren mit Shenmue ein Videospiel kreierte, ahnte er wohl nicht, dass er damit eine Geschichte entwarf, die mehr als zwei Jahrzehnte später immer noch nicht abgeschlossen ist. Daran ändert auch eine Anime-Umsetzung nichts.
Nachdem Shenmue im Jahr 1999 erschien und zwei Jahre später Shenmue II für den Sega Dreamcast folgte, mussten Fans des damals noch jungen Franchises sehr stark sein. Durch den Produktionsstopp des Dreamcasts war das Schicksal von Shenmue lange Zeit ungewiss. Es gab diverse Versuche, die Marke am Leben zu erhalten. Erst als im Jahr 2019 Shenmue III auf der PlayStation 4 und dem PC erschien, ging die Reise von Protagonist Hazuki Ryō weiter. Zumindest ein kleines Stück, denn zu einem Ende wurde die Geschichte bisher nicht geführt. Ob das jemals passieren wird, ist zum Testzeitpunkt dieser Rezension am 21. November 2023 äußerst ungewiss. Zumindest in Anime-Form wird dies so schnell nicht passieren, denn eine zweite Staffel von Shenmue – The Animation wurde nicht bestellt. Wer Shenmue und Shenmue II noch nicht gespielt hat, bekommt zumindest mit der ersten Serienhälfte eine akzeptable Gelegenheit, in das Universum der Anfänge der Videospielreihe hineinzuschnuppern. Wir möchten, vor allem Nichtkennern, jedoch definitiv dazu raten, zunächst die Videospiele zu spielen. Einerseits werdet ihr bei Gefallen so nicht gespoilert, andererseits ist vor allem die zweite Serienhälfte von Shenmue – The Animation sehr holprig erzählt. Wer also nicht die Zusammenhänge kennt, könnte sich über plötzliche Szenenwechsel ohne Erklärung wundern.
Eigenhändige Mordermittlung
Wie im Videospiel erzählt auch die Anime-Serie die Geschichte von Ryō, der zu Beginn der Handlung hautnah miterleben muss, wie sein Vater Iwao vom chinesischen Kriminellen Lándì ermordet wird. Dieser ist offenbar auf der Suche nach zwei Bronzespiegeln und kann durch den Tod seines Gegners zumindest einen der beiden erbeuten. Ryō kann den Verlust seines Vaters aber nicht einfach so akzeptieren. Er schmeißt die Schule und beginnt in seiner Heimatstadt Yokosuka in der japanischen Präfektur Kanagawa damit, Ermittlungen anzustellen. So und nicht anders lernen Ryō oder vielmehr die Zuschauer die Bewohner von Yokosuka kennen. Unter anderem trifft er auf den Antiquitätenhändler Ōishi Keizō oder den Geschäftsmann Chén Guìzhāng, die ihm wertvolle Tipps geben. Jeder neue Hinweis bringt ihn auf der Suche nach Lándì weiter. Da dieser zur chinesischen Unterwelt gehört, bringt das auch Ryō in die Bredouille. Möchtegernganoven werden auf ihn aufmerksam und versuchen ihn aufzuhalten. Ryō lernt hierbei eine wichtige Lektion: Ohne Vertrauen in seine Fähigkeiten und die Beherrschung der Kampfkunst, wird er Lándì niemals besiegen können. Ebenfalls muss er lernen, dass er nicht alleine ist. So unterstützen ihn verschiedene Freunde auf der Suche nach dem Mörder seines Vaters, wodurch Shenmue – The Animation ein diverses Bild zeichnet.
Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum Videospiel
Hier zeigt sich in der Anime-Serie abermals die Nähe zum ursprünglich für den Sega Dreamcast produzierten Videospiel, denn jeder Charakter ist ausgebaut, auch wenn in animierter Form nicht sein ganzer Tagesablauf dargestellt werden kann. Unter anderem erhält Protagonist Ryō mentale Unterstützung von Hot-Dog-Verkäufer Tom Johnson oder seiner Jugendliebe Harasaki Nozomi. Schlagkräftige Hilfe gibt es wiederum von Raufbold Mihashi Gorō. In der zweiten Seriehälfte verschiebt sich das Geschehen von Yokosuka nach Xiānggǎng, im deutschen Sprachgebrauch wohl eher als Hongkong bekannt. Hier setzt Shenmue – The Animation auf ein ähnliches Konzept. Ryō ermittelt, lernt neue Freunde kennen, macht sich auf der Suche nach Lándì neue Feinde und entwickelt sich nicht zuletzt weiter. Dies geschieht indem er neue Kampfkünste lernt, die teilweise mythischen Charakter annehmen, auch wenn die Grenze zum Fantastischen selten bis gar nicht überschritten wird. Während Shenmue als Videospiel auf ein entschleunigtes Spielgefühl setzt, sodass wir uns Hongkong in aller Seelenruhe anschauen und Geld verdienen, sprich in der Lebenssimulation richtig aufgehen können, ist dies im Anime nicht so einfach möglich. Die Zuschauer müssen sich dem Erzähltempo von Animationsstudio Telecom Animation Film gezwungenermaßen bis zum Finale anpassen.
Holprig erzählte zweite Serienhälfte
Genau dies ist auch der große Knackpunkt, warum Shenmue – The Animation als animierte Serie nicht so gut funktioniert wie im Spiel. Sicherlich, die Story ist spannend erzählt und weicht zugunsten der Dramaturgie in verschiedenen Punkten minimal vom Geschehen ab. Gerade in der zweiten Serienhälfte kommt es aber zu oft vor, dass sich Ryōs sekundäre Ziele und die damit verbundenen Handlungsorte zu oft verschieben, sodass notgedrungen Szenen, die zwei Geschichten miteinander verbinden, fehlen. Wer die Spiele kennt, wird verdutzt vor dem Fernseher sitzen und die holprige Erzählweise womöglich noch tolerieren, doch wer die Vorlage nicht gespielt beziehungsweise erlebt hat, dürfte die Faszination für Shenmue nicht nachvollziehen können und im schlimmsten Fall nicht verstehen, wie Ryō zum Beispiel von Hongkong nach Jiǔlóng respektive Kowloon gelangt und sich mitten in dem verwirrten Aufbau der einstmals ummauerten Stadt wiederfindet. Auch weil in der zweiten Serienhälfte zu viele Bösewichte auftreten, hätten der dreizehnteiligen Serie ein paar mehr Episoden gut getan. Vor allem die letzte Folge, die den Bogen zur Eröffnungsszene spannt, wirkt wie ein übereilter Epilog, den allerhöchstens Fans der ersten Stunde respektieren und dabei nicht nur eine Träne wegdrücken dürften – schließlich endete die Reise im Jahr 2001 hier vorerst.
Anime-Serie für Fans der Vorlage
Wie erwähnt, erzählt Shenmue – The Animation die Story der ersten beiden Spiele, obwohl bei Erscheinen der Anime-Adaption im Jahr 2022 Shenmue III seit drei Jahren erhältlich war. Vielleicht haben sich die Verantwortlichen gedacht, dass ein viertes Spiel nicht allzu lange auf sich warten lässt und eine zweite Staffel dann diese beiden Titel abdecken wird. Wie wir wissen, steht das in den Sternen. Trotz der etwas zu holprigen Erzählweise, die der Serie als eigenständiges Werk teils das Genick bricht, ist der Anime vor allem für Fans einen Blick wert. Visuell verzaubert die Serie mit tollen Charakterzeichnungen, die hier und da aber zu wenig animiert sind. Dennoch können die kurzen Kämpfe mit manchen Bewegungen auf ganzer Linie überzeugen. Schade ist, dass die Anime-Serie musikalisch selten glänzt. Zwar passen die Melodien von Komponistin Shibue Kana zum Geschehen, doch die Musik von Koshiro Yūzō, Mitsuyoshi Takenobu und weiteren Musikern kommt nur in Form des Hauptthemas zum Tragen. Eine deutsche Synchronisation gibt es nicht. Dafür kehren im Anime ein paar der japanischen Synchronsprecher zurück. Unter anderem wird Ryō erneut vom unverkennbaren Matsukaze Masaya gesprochen. Das weckt Nostalgie! Schlussendlich bleibt zu hoffen, dass Shenmue irgendwann fortgesetzt wird – sowohl als Videospiel als auch als Anime-Serie.
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit (basierend auf dem Stream bei Crunchyroll): Shenmue für den Sega Dreamcast hat für immer einen wichtigen Platz in meinem Herzen. Gerade den ersten Serienteil kann ich nicht hoch genug in den Himmel loben, so ein Meisterwerk ist dieses Spiel. Das wird in der ersten Serienhälfte von Shenmue – The Animation auch ansatzweise deutlich. Zwar wird hier im Grunde nur eine simple Rachegeschichte erzählt, die mit jeder weiteren Episode aber wichtige Werte wie Vertrauen oder Freundschaft vermittelt. In der zweiten Serienhälfte gerät das Konstrukt jedoch ins Wanken, da plötzlich zu viele Charaktere auftreten, schnelle Ortswechsel stattfinden und häufig die Verbindungen zwischen verschiedenen Szenen fehlen. Das alles ginge besser! Ein paar zusätzliche Episoden hätten hier Wunder bewirkt und womöglich hätten die Köpfe hinter dem Projekt dann auch die Geschehnisse des dritten Videospiels aufnehmen können. Animationstechnisch geht die Serie in Ordnung, reißt aber keine Bäume aus. Ebenso sieht es auf der musikalischen Ebene aus. Hier verlässt der Anime zu sehr den Pfad der Spiele, was aber nicht so schlimm ist, wie es sich anhört. Nichtsdestotrotz möchte ich an dieser Stelle betonen, dass ich die Anime-Serie nur jenen empfehlen möchte, die die Vorlage kennen. Zwar kann die Story weitestgehend verstanden werden, doch erst wer die Videospiele erlebt hat, wird die Faszination unter der Oberfläche der Animation verstehen.
Vielen Dank an Crunchyroll für die freundliche Bereitstellung des Zugangs zum Streaming-Angebot!