Review: Shenmue I & II

Bevor 2019 Shenmue III erscheinen soll, veröffentlicht Sega die beiden ersten Teile auf dem PC, der PlayStation 4 und der Xbox One erneut. Das ist für alte wie neue Spieler gleichermaßen interessant, immerhin waren diese beiden Titel bis zur Veröffentlichung der HD-Fassung nur auf Segas Dreamcast und Microsofts erster Xbox erhältlich.

Als 1999 Shenmue in Japan veröffentlicht wurde, erhielt der Titel aufgrund unterschiedlicher Gründe eine Menge Aufmerksamkeit. Das Spiel selbst wurde aufgrund seiner damalig einzigartigen Darstellung der Spielwelt bei Spielern und Kritikern sehr positiv aufgenommen, war finanziell aber trotzdem ein Verlustgeschäft für den japanischen Konzern. Immerhin sprengten die Entwicklungskosten zum damaligen Zeitpunkt alle bekannten Register. Inwiefern das Geld tatsächlich eingesetzt wurde – auch der Nachfolger wurde zu Teilen schon mitproduziert – sei einmal dahingestellt, aber genau solche Anekdoten machen das Spiel auch zwanzig Jahre später noch interessant. Angesiedelt in der japanischen Kleinstadt Yokosuka der 1980er-Jahre startet das Abenteuer von Protagonist Hazuki Ryō direkt mit einer traurigen Note: Sein Vater wird vom mysteriösen Chinesen Lándì ermordet. Dieser hat es auf den sagenumwobenen Drachen-Spiegel abgesehen, der sich zu Spielbeginn noch im Besitz der Familie Hazuki befindet; zumindest einige Minuten lang. Hier beginnt Ryōs Rachefeldzug, gleichzeitig fragt er sich genauso wie der Spieler, was es mit dem Spiegel und dem geheimnisvollen Chinesen auf sich hat. Dafür macht er sich auf, um in der Stadt nach Hinweisen und Spuren zu suchen. Obwohl sich das Gameplay in den ersten Spielstunden lediglich auf das Herumlaufen und Befragen von Bewohnern der Stadt beschränkt, trübt der enorme Fokus auf die Glaubhaftigkeit dieser Ermittlungsmethoden von Shenmue über den eher zähen Einstieg hinweg.

Faszination des Alltags

Simple Aufgaben, wie das Ausfindigmachen einer bestimmten Person und das Erkundigen nach dem Weg klingt in der Theorie sehr banal, gestaltet sich in Shenmue praktisch aber als faszinierende Schnitzeljagd. Dafür sorgen die unglaublich detailverliebten Umgebungen, die zwar nicht allzu üppig ausfallen, aber auch nach heutigen Maßstäben ein sehr lebendiges Abbild einer Stadtumgebung zeichnen. Dafür verantwortlich sind auch die anderen Bewohner: Obwohl sie selten mehr als ein bis zwei Textzeilen zum aktuellen Kontext des Spiels von sich geben und kaum eine Figur besonders stark charakterisiert wird, vermitteln sie im Ganzen das Gefühl einer Welt, die auch ohne Ryōs Dasein funktionieren würde. Nicht ganz unschuldig ist auch die Tatsache, dass die Zeit voranschreitet, egal ob wir an Ort und Stelle verweilen oder nur in der Stadt herumlaufen und verschiedenen Beschäftigungen nachgehen. Wird es Abend, muss Ryō zurück nach Hause und kann seine Ermittlungen erst am nächsten Tag fortsetzten. Ein klein wenig Zeitmanagement muss er außerdem betreiben, immerhin sind nicht alle Personen zur selben Zeit am selben Ort. Auf der Gameplay-Ebene bietet Shenmue ansonsten weniger, als es anfangs vielleicht vermuten lässt. Neben gelegentlichen Prügel-Abschnitten, die weder sonderlich lange anhalten noch wirklich fordern, gibt es hier und da Quick-Time-Events und gelegentliche Action-Szenen, auf die dasselbe zutrifft.

Detailverliebte Umgebungen

Auch hier überzeugen die Details: Viel Arbeit steckt zum Beispiel in den zahlreichen Etablissements wie Spielhallen und Läden. Hat Ryō Durst, kann er sich an einem Automaten eine Getränkedose kaufen – die dahinterstehenden Animationen und die Inszenierung sind auch heute noch unverhältnismäßig aufwändig und bedacht umgesetzt. Spieler, die wenig Geduld mitbringen, werden mit solchen Elementen vielleicht nicht warm. Mit der linken Schultertaste schaltet das Geschehen in den Erkundungsmodus, über den die wohl gestaltete Umgebung genauer ins Auge genommen wird. Fallen diese Details weg, ermüdet das Gameplay selbst sehr schnell. Das ist besonders im letzten Drittel des ersten Teils, in dem die schwache spielerische Grundlage gepaart mit den immer gleichen Umgebungen zu sehr ausgereizt wurde. Dort nehmen auch die Abschnitte zu, in denen Ryō seine Fäuste sprechen lässt: Shenmue erinnert hier an klassische Fighting Games und bietet eine große Anzahl an möglichen Combos, um sich mit Gegnern zu prügeln. Im Gegensatz zu anderen Vertretern dieses Genres, fühlen sich die Scharmützel leider niemals wirklich gut an und machen auch nicht wirklich Spaß. Dafür sind die Auseinandersetzungen zu klobig und holprig. Das trifft zwar auf die altbackene Steuerung insgesamt zu, beim Navigieren durch das Städtchen besteht aber nicht die Not, die Figur vor gewalttätigen Schlägern und Ganoven zu schützen. Fordernd sind die Kämpfe eher selten und verliert Ryō, beginnt der Kampf direkt von vorne: Das minimiert zumindest aufkommenden Frust.

Technisch holprige Neuauflage

Andere Probleme finden sich in der Neuauflage in puncto Kamera, die teilweise Probleme hat, den Gesprächen von Figuren zu folgen und lieber in eine falsche Richtung zeigt. Kleinere Bildfehler stören ab und an dazu die Immersion. Auch wenn das Spiel an das gängige 16:9-Format angepasst wurde, verbleiben viele Zwischensequenzen noch im originalen 4:3. Auch an der Soundqualität ist das tatsächliche Alter des Spiels zu erkennen. Shenmue II knüpft genau dort an, wo der erste Teil endet, was noch einmal verdeutlicht, dass Shenmue mit einem Nachfolger im Hinterkopf veröffentlicht wurde. Zum einen ist es schön, die Story direkt fortgesetzt zu sehen, zum anderen ist es aber nicht verwunderlich, dass das Finale vom ersten Teil etwas plötzlich kommt und recht unspektakulär ausfällt. Schön sind dafür die einstellbaren Grafik-Optionen: Neben der Wahl des Bildformats kann HD-Rendering und Bloom eingestellt werden. Zum ersten Mal sind die Titel dazu mit deutschen Texten spielbar. Ein toller Bonus, um die Reihe hierzulande vielleicht noch ein Stück populärer zu machen. Allerdings sind Schnitzer in den deutschen Formulierungen der Übersetzung die Regel. Teilweise wird klar, dass die Übersetzer den Kontext der Dialoge nicht kannten, was eher unmenschliche Unterhaltungen fördert. Die englischen Texte sind allerdings ebenso wie die englische und japanische Tonspur im Menü einstellbar. Der Soundtrack besitzt Ohrwurmcharakter und begleitet die Höhepunkte des Spiels perfekt.

Geschrieben von Jonas Maier

Erics Fazit (basierend auf den Sega-Dreamcast-Fassungen): Shenmue ist eines der Spiele, für die sich die Anschaffung einer Sega Dreamcast absolut gelohnt hat und auch heute noch lohnen würde. Das aus heutiger Zeit sehr überschaubar wirkende, dafür aber reichlich mit Leben gefüllte Yokosuka, zieht nach wenigen Minuten in seinen Bann. Ganze Spieltage können damit verbracht werden, das Familien-Anwesen der Hazukis zu durchsuchen oder sich in der Nachbarschaft mit Leuten zu unterhalten, sich um ein kleines Kätzchen zu kümmern oder einfach nur in der Spielhalle Spaß am Automaten zu haben. Es sind viele kleine Details, die Shenmue so besonders machen. Vor allem auf technischer Ebene ist der Titel, abgesehen von einer unangenehmen Steuerung per Steuerkreuz, eine Glanzleistung auf Segas letzter Konsole. Shenmue II erweitert die Spielwelt exponentiell an einem selbst für den Protagonisten fremden Handlungsort, an dem es noch mehr zu untersuchen und zu erkunden gibt. Leider geht dem zweiten Teil zum Ende hin etwas die Puste aus, da die Spielwelt zunehmend linearer wird. Wer darüber hinwegsehen kann, kommt jedoch auch hier in den Genuss eines fantastisch erzählten Spiels, das seit 2001 mit einem offenen Ende jeden Fan auf eine harte Geduldsprobe stellt und die Erwartungen für den dritten Teil in die Höhe schießen lässt.

Jonas‘ Fazit (basierend auf den PlayStation-4-Fassungen): Shenmue ist auch heute noch einen Blick wert. Der Wunsch, sich innig mit kompakten Spielwelten auseinanderzusetzen, sollte jedoch vorhanden sein. Die Shenmue-Spiele sind zwar noch einmal eine ganze Stufe entschleunigter als aktuelle Titel, punkten dafür aber mit einer Spielstruktur, die es sonst kaum zu finden gibt. Technisch laufen die Versionen leider nicht wirklich rund. Dem Alter geschuldete Dinge wie die Soundqualität oder die Steuerung ist die eine Sache, vermeidbare Fehler, die die Spiel-Kamera und seltsame Bildfehler betreffen, sind eine ganz andere. Dank des sinnvollen Features nun jederzeit Speichern zu dürfen, sollten sich nervige Spielzeitverluste aber in Grenzen halten. Trotzdem ist diese Kollektion beider Teile aktuell die beste Möglichkeit, die beiden Titel nachzuholen. Besonders heutzutage bietet Shenmue ein einprägsames Spielerlebnis, das jeder durchaus einmal erfahren haben sollte. Trotz oder genau wegen den Momenten, in denen der Spieler immer wieder dieselben Gebiete durchquert, zur Arbeit gehen muss und einem entschleunigten Alltag beiwohnt – eben genau wie im echten Leben.

Vielen Dank an Sega für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Shenmue I & II! 

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