Endlich! Wenn es eine Ubisoft-Marke gibt, die im Jahr 2024 ein Revival verdient hat, dann ist das ja wohl ohne Zweifel die Prince-of-Persia-Reihe. Mit der eigentlichen Idee hat Prince of Persia: The Lost Crown aber nichts zu tun. Der Titel erinnert eher an Metroid und Konsorten.
Seit dem letzten richtigen Serienteil aus dem Jahr 2010, sprich Prince of Persia: Die vergessene Zeit, sind zum Veröffentlichungszeitpunkt von Prince of Persia: The Lost Crown fast anderthalb Jahrzehnte vergangen. Noch bevor die Öffentlichkeit etwas vom Action-Adventure erfuhr, kündigte der französische Publisher Ubisoft gar ein Remake von Prince of Persia: The Sands of Time an. Erschienen ist das Werk bis heute nicht, aber auch noch nicht offiziell eingestellt. Vielleicht wurde auch deshalb der Serienableger in Auftrag gegeben, um die Gemüter zu besänftigen. Grundsätzlich ist das aber auch egal, handelt es sich beim vorliegenden Revival um ein außerordentlich gutes Spiel. Nicht nur hat sich Entwicklerstudio Ubisoft Montpellier vom einstigen Konzept verabschiedet, welches von Entwicklerlegende Jordan Mechner einst erdacht wurde, sondern hat auch kurzerhand den sonst immer titelgebenden Protagonisten ersetzt. Wir schlüpfen nicht mehr in die Haut des Prinzen, sondern verkörpern den jungen Helden Sargon, der zum Bund der sogenannten Unsterblichen gehört. Diese haben sich dazu bereit erklärt, den Prinzen bis in den Tod zu schützen. Blöd nur, wenn ausgerechnet aus den eigenen Reihen eine Verräterin kommt, die den Adligen kurzerhand entführt und zum Berg Qāf verschleppt. In Prince of Persia: The Lost Crown müssen wir den Prinzen also retten.
Abgekupfertes Gameplay ist die halbe Miete
Gerade die erste halbe Stunde des Action-Adventures, das wir nahezu durchweg aus der zweidimensionalen Seitenperspektive erleben, kann nicht wirklich packen. Das Gameplay ist sehr schmalspurig und die Geschichte kommt auch nur sehr schwerfällig in Gang. Haben wir den linearen Anfang des Spiels aber erst einmal hinter uns gebracht, steht uns eine durchaus große Spielwelt offen. Diese können wir bis zu einem bestimmten Grad frei erkunden. Dennoch gibt es künstliche Grenzen, die wir so schon etliche Male in der Metroid-Reihe, deren Castlevania-Interpretationen oder frechen Nachahmern wie Ori and the Blind Forest gesehen haben. Wie gesagt: Schlimm ist das wirklich nicht, denn Prince of Persia: The Lost Crown macht einen Heidenspaß, auch wenn es an eigenständigen Ideen eher mangelt. So erkunden wir den Berg Qāf mit seinen Gebirgsketten, dunklen Höhlen, verfallenen Ruinen und Tempelanlagen. Unter anderem hüpfen wir über Abgründe, erklimmen höhere Plattformen, lösen seichte Rätsel und entdecken überall versteckte Geheimnisse. Regelmäßig stellen sich uns auch kleine wie große Gegner in den Weg, die wir mit purer Waffengewalt aus dem Weg räumen. Hierzu stehen uns zwei Säbel zur Verfügung, die wir ordentlich rasseln lassen. Später verbinden wir sowohl die Rätsel als auch die Kämpfe mit weiteren Waffen wie einem Bogen und neuen Fähigkeiten.
Rätsel und Kämpfe im Einklang
Peu à peu steigt in Prince of Persia: The Lost Crown unser Repertoire an Möglichkeiten. Den Bogen können wir unter anderem als Chakram zweckentfremden. An bestimmten Stellen ist es nämlich notwendig, einen temporären Mechanismus mit der Wurfwaffe auszulösen, damit wir über Plattformen hüpfen oder Wände als Absprunghilfe instrumentalisieren können. Nutzen wir das Chakram im Kampf, so können wir es hingegen nicht nur als simple Fernkampfwaffe verwenden, sondern darüber hinaus mit den Säbeln parieren, wodurch es noch einmal zurückgeschleudert wird. Mit der Zeit kommen weitere Möglichkeiten wie Teleportationsfähigkeiten hinzu, welche Rätsel wie Kämpfe abwechslungsreicher gestalten. Letztere profitieren jedoch auch von der Wendigkeit des Protagonisten Sargon, der bei einer zeitlich gut abgestimmten Parade auch einen Konterangriff ausführen kann. Zudem ist es ihm möglich, bestimmten Gegnern auszuweichen, beispielsweise unter ihren Beinen hindurch. Gerade diese akrobatischen Möglichkeiten, für die die Serie seit ihrem Debüt im Jahr 1989 steht, funktionieren auch in Prince of Persia: The Lost Crown hervorragend. Ubisofts Action-Adventure lässt sich in unseren Augen unglaublich gut spielen und sorgt für reichlich Motivation, die letzten Geheimnisse aufzudecken. Gut, letzteres liegt auch an einem ganz besonderen Feature.
Screenshots und weitere Hilfestellungen
Hierbei handelt es sich um eine Idee, die unbedingt Geschichte schreiben sollte. Anstatt sich separat Notizen zu machen, wo wir eine Schatztruhe oder ein anderes Secret entdecken können, wenn wir später mit der passenden Fähigkeit zurückkehren, dürfen wir stattdessen eine Bildschirmaufnahme anfertigen, die an Ort und Stelle auf der Übersichtskarte vermerkt wird. Dies ist also eine konsequente wie einfache Weiterentwicklung von klassischen Spielen wie Etrian Odyssey. Frust aufgrund Notizen, die Tage oder Wochen später für einen selbst zu verwirrend sein können, gibt es also nicht. Allgemein dürften nur die allerwenigsten Spieler von Prince of Persia: The Lost Crown frustriert sein. Der Schwierigkeitsgrad ist human und unterliegen wir dann doch einmal mehrfach im Kampf gegen riesige Bestie wie einen Mantikor, können wir die Auseinandersetzung wieder von vorne beginnen. Dabei verinnerlichen wir das Angriffsmuster unseres Gegners und werden somit von Versuch zu Versuch besser. Das Spiel ist in diesem Punkt sehr gut lesbar; unfair wird es also über die ganze Spielzeit von circa zwanzig Stunden nie. Falls jemand doch einmal ernste Probleme haben sollte, kann er den Schwierigkeitsgrad individuell anpassen, beispielsweise die zur Verfügung stehende Zeit zum Parieren erhöhen. Auch Orientierungshilfen und dergleichen können eingestellt werden.
Gute Lesbarkeit durch den Comic-Look
Unter technischen Gesichtspunkten enttäuscht das Spiel nicht. Nahezu alle Eingaben werden per Controller problemlos erkannt und umgesetzt. Schade ist, dass es keine Möglichkeit gibt, den Helden per Steuerkreuz zu bewegen. Bei einem Spiel, das auf zweidimensionalen Ebenen abläuft, wäre das so passend gewesen! Das Steuerkreuz findet nur bei Kurzbefehlen wie dem Einwerfen von Heiltränken Verwendung. Grafisch macht der Titel nicht zwar viel her, doch der bunte Comic-Look unterstützt die Lesbarkeit. So erkennen wir alle wichtigen Elemente bei Rätseln oder Schwachstellen von Gegnern. Auf unserem Testrechner (Intel i5 13600K, GeForce RTX 4070, 32 GB DDR5 RAM) läuft das Spiel in maximalen Einstellungen in Full-HD-Auflösung bis auf seltene Aussetzer jederzeit flüssig. Ladezeiten beschränken sich auf ein Minimum und sind quasi nicht existent. Auditiv untermalt der Soundtrack von Gareth Coker und Samar Rad das Geschehen angenehm. Während uns sanfte Klänge ins mittelalterliche Persien versetzen, schicken uns adrenalingeladene Stücke in Kämpfe auf Leben und Tod. Die deutsche Synchronisation geht zwar in Ordnung, doch da die Charaktermodelle in Zwischensequenzen kaum animiert sind, fällt die Präsentation und Atmosphäre von Prince of Persia: The Lost Crown hier aber etwas ab. Den positiven Gesamteindruck schmälert das aber kaum!
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit (basierend auf der PC-Fassung): Meiner Meinung nach ist Prince of Persia: The Lost Crown ein zweischneidiges Schwert. Einerseits wäre mir ein klassischer Vertreter der Reihe oder zumindest das Remake von Prince of Persia: The Sands of Time lieber. Andererseits mag ich das Spielkonzept der Metroid-Reihe, das hier Anwendung findet. Entsprechend gelingt es mir, nach dem etwas zähen Spielbeginn, richtig ins Abenteuer abzutauchen, mich mit dem Gameplay hinzugeben, einige Rätsel zu lösen, etliche Kämpfe zu bestreiten und vor allem alle Geheimnisse zu lüften. Dadurch, dass ich überall Bildschirmaufnahmen machen darf, die mich Stunden später an bereits besuchte Orte zurückführen, funktioniert das Geschehen für mich sogar noch etwas besser als in vergleichbaren Titeln. Ein paar eigenständige Ideen mehr hätten dem sonst sich eher auf bereits etablierte Spielmechaniken aufgebauten Action-Adventure jedoch gut getan. Wer Metroid und Konsorten mag und sich auf das persische Setting einlassen will, kommt um Prince of Persia: The Lost Crown nicht herum!