Ende August 2024 erschien mit Visions of Mana der fünfte Hauptteil der japanischen Rollenspielreihe. Um auf den Release vorzubereiten, veröffentlichte Publisher Square Enix bereits im April desselben Jahres einen Trailer, der vor allem mit nostalgischen Gefühlen hantiert.
Ein kleiner Junge steht mit einem Turnbeutel auf dem Rücken im Jahr 1991 frontal vor dem Dondon Game Shop genannten Videospielladen. „Es hat mich einfach angezogen“, berichtet ein Offsprecher. Dem Zuschauer wird klar, dass es sich hierbei um eine retrospektive Aussage des inzwischen zum Mann gereiften kleinen Jungen handelt. In der nächsten Szene des Trailers schaut sich der kleine Junge im Videospielladen um. Neben einem Röhrenfernseher im Hintergrund sind die Regale mit allerhand Spielen gefüllt. Dennoch bewegt sich der Protagonist zielstrebig auf das Regal zu, das sich unterhalb der Kameraperspektive im Vordergrund befindet. Die Rückblende ins Jahr 1991 sprüht spätestens dann vor lauter Dramatik, wenn die Kamera im Mittelpunkt ein ganz bestimmtes Spiel einfängt: Seiken Densetsu – Final Fantasy Gaiden. Zu Deutsch lautet der Titel so viel wie „Legende vom Heiligen Schwert – Zusatz zu Final Fantasy“. Wer in den frühen 1990er-Jahren im deutschsprachigen Raum aufgewachsen ist, dürfte ein derart übersetztes Spiel nicht kennen. Sowohl das heilige Schwert als auch die Erwähnung von Final Fantasy bleiben im deutschen Titel unerwähnt. Hierzulande wird der Titel schlicht auf den Namen Mystic Quest getauft. Eine Verbindung zur Mana-Reihe dürften viele Spieler im deutschsprachigen Raum bei diesem Erstlingswerk erst Jahre später ziehen.
Identifikation mit der eigenen Person
„Alles hat hier angefangen“, heißt es weiter im Trailer. Das ist richtig, hat das Spin-off der Final-Fantasy-Reihe doch ein eigenes Universum geschaffen, das sich auf der ganzen Welt zahlreicher Fans erfreut. Gefühle und Emotionen werden am besten mit Musik erreicht. Das ist der Rollenspielschmiede aus Japan bewusst: Wenig später erklingt die eingängige Titelmelodie aus der Feder von Komponist Itō Kenji. Ein Blick auf den Titelbildschirm und ein verirrtes Wechseln des Cursors zwischen dem Start- und dem Continue-Befehl sind die Folge. Der Junge reißt die Augen auf. Gleich wird er seine ersten Gehversuche in der Welt von Mana machen. Währenddessen liegt die Packung geöffnet auf dem Tisch; die Spielanleitung direkt daneben. Hier dürften die Parallelen zwischen Japan und Deutschland ähnlich sein, denn wer sich erinnert, dürfte vor dem ersten Spielstart in dieser Zeit zumindest einen kurzen Blick in die Bedienungsanleitung geworfen haben. Dies ist ein besonderes Erlebnis, was heutzutage bei fast allen Spielen fehlt, da Publisher damit Kosten einsparen wollen oder können. Ein paar Spielszenen aus den ersten Stunden von Mystic Quest respektive Seiken Densetsu untermauern die Nostalgie, die deshalb so gut aufgeht, da der kleine Junge immer wieder in seinem auffälligen knallgelben Hemd zu sehen ist. Der Zuschauer soll sich mit ihm identifizieren.
Zeitsprung in die Kindheit
Mit einem gelben Oberteil leitet der Trailer den zweiten Akt ein. Inzwischen ist das Jahr 1993 angebrochen und Seiken Densetsu 2 ist in Japan bereits für das Super Nintendo beziehungsweise Super Famicom erschienen. Der Junge ist diesmal aber nicht alleine – er bringt gleich ein paar Freunde mit nach Hause zum Spielen. Fast schon achtlos oder vielmehr aufgeregt schlüpfen die Kinder im genkan, dem Eingangsbereich eines japanischen Hauses, aus ihren Schuhen. Damit es für die fünf Freunde losgehen kann, muss aber erst einmal die Konsole mit dem Röhrenfernseher stilecht per Composite-AV-Kabel verbunden werden. Inzwischen ist der Trailer in seiner Erzählstruktur an der Stelle angekommen, dass aus dem erwachsenen ein kindlicher Offsprecher geworden ist. Die Magie ist offenbar perfekt, fühlt sich der Zuschauer an dieser Stelle noch eher in seine Kindheit versetzt. „Ich hatte immer meine Freunde dabei auf allen Abenteuern“, heißt die nächste aufgestellte Behauptung. Belegt wird dies mit ein paar Fahrrädern, die im Gegensatz zu den Schuhen sorgsam vor dem Haus geparkt wurde. Ein Kescher zum Fangen von Insekten untermauert zusätzlich zur japanischen Architektur, dass es sich um japanische Kinder handelt, die seit Jahrzehnten Insekten fangen und sammeln – so wie es beispielsweise Pokémon-Erfinder Tajiri Satoshi ebenso in seiner Kindheit getan hat.
Freundschaften vor und auf dem Fernsehbildschirm
Seiken Densetsu 2, außerhalb Japans besser bekannt als Secret of Mana, verfrachtete das Geschehen des Action-Rollenspiels vom kleinen Game-Boy-Bildschirm auf die Mattscheibe. Es bietet zudem die Möglichkeit, mit bis zu zwei Mitspielern in die Welt einzutauchen. Möglicherweise erzeugt der Trailer gerade deshalb diese Atmosphäre, indem er mehrere Kinder vor dem Fernseher sitzend zeigt, die gespannt den Titelbildschirm betrachten, der zunächst mit für die damalige Zeit verhältnismäßig qualitativ hochwertigem Walgesang eingeleitet wird. Dies ist ein Faktor, der bei heutigen Action-Rollenspielen oft außer Acht gelassen wird: Das Geschehen auf dem Bildschirm ist meist nur auf einen Spieler ausgelegt. Videospiele, die alle Akteure auf einem Bildschirmausschnitt unterbringen, sind selten. Das Höchste der Gefühle sind Splitscreen- oder Online-Modi, die aber nicht das nostalgische Gefühl der Vergangenheit bewahren. Eine steile These, die in Jahrzehnten überholt sein wird, wie jedem bewusst sein dürfte. „Es fühlte sich an, als ob wir alles schaffen können, wenn wir als Team arbeiten“, heißt es im Trailer. Auch dies passt zur Kernaussage von Secret of Mana, denn selbst wenn jemand den Titel völlig alleine spielt, so sind alle drei Helden gleich relevant, um das Abenteuer zu überstehen. Ein überstandener Bosskampf mit Siegesposen schließt das Kapitel ab.
Nostalgie eines Fremden
1995 packt der Junge, der inzwischen zum Jugendlichen gereift ist, an Weihnachten ein Geschenk aus, welches Seiken Densetsu 3 enthält. Square Enix verknüpft diesen Moment mit dem aus Secret of Mana verwendeten Siegesspruch nach dem Besiegen eines jeden Bossgegners. „Yatta!“, was so viel wie „Geschafft!“ bedeutet, stellt die Freude des Jungen dar, welche sich nicht rein auf das Geschenk bezieht, sondern der Fortsetzung der Reise in die Welt von Mana besonderen Ausdruck verleiht. Obwohl die ersten beiden Spiele auch im deutschsprachigen Raum viele Fans fanden, erschien der dritte Serienteil erst 2019 im Rahmen der Collection of Mana hierzulande für die Switch. Es stellt sich die Frage, ob in diesem Falle von Nostalgie oder zumindest derselben Nostalgie gesprochen werden kann, die auch der junge Japaner im Trailer offenbar spürt. Trials of Mana, so der Spieltitel außerhalb Japans, bietet trotz der Einwicklung in eine Kollektion immerhin dasselbe Spielgefühl, jedoch in einem anderen zeitlichen Rahmen. Die einleitenden Worte, die den Jungen laut Trailer wohl berührt haben, sind außerhalb Japans zudem übersetzt und damit andere. Trotzdem markieren sie denselben Beginn einer Reise, über die deutschsprachige Fans – sofern sie nicht schon früher eine Fan-Übersetzung gespielt haben –, sicherlich in einigen Jahren zugenüge sinnieren werden.
Freudiges Innenleben eines Erwachsenen
Ein Umstand, den vielleicht bis dahin nicht jeder Zuschauer des Trailers gemerkt haben könnte, ist im Bildformat begründet. 2006 existiert der kleine japanische Laden immer noch. Im Trailer verbreitert sich aber nun der Bildschirmausschnitt; das 4:3-Bildformat verwandelt sich in das mit einigen Ausnahmen bis heute gängige 16:9-Format. Inzwischen ist der Junge ein Mann und kleidet sich für Japaner unauffällig als Salaryman. Ihm ist anzumerken, dass er für Videospiele kaum Zeit hat, denn er schlendert im Grunde nur die Straße hinab, bleibt vor dem Videospielladen aber stehen. Er dürfte hier wohl neben dem ersten Seiken Densetsu noch viele weitere Spiele erstanden haben. Der Blick nach innen führt ihn zum Regal, wo Seiken Densetsu 4 respektive Dawn of Mana für die PlayStation 2 auf ihn wartet. Allerdings ist der magische Moment abgeschwächt. Vieles dürfte wohl nur im Innenleben des Protagonisten stattfinden. In der nächsten Szene setzt er sich, weniger aufgeregt wie früher, vor den Fernseher und taucht erneut in die Welt von Mana ein. Inzwischen spricht auch wieder der Mann und nicht der Junge aus dem Off. Weite Landschaften, zu treffende Entscheidungen und lehrreiche Inhalte werden hervorgehoben. Dabei werden plötzlich Szenen aus weiteren Mana-Spielen gezeigt, die nicht zur aus einem Spin-off von Final Fantasy gereiften Hauptreihe gehören.
Entstehung von nostalgischen Gefühlen
Kurz darauf vermischen sich Raum und Zeit. Freudige Erlebnisse vermischen sich mit Szenen aus den Spielen. Als Konstante dient jener Junge, der als Mann vor dem Fernseher mit einer gelben Stoffjacke sitzt und sich darüber freut, dass er Dawn of Mana durchgespielt hat. Hierbei strömen ihm all die Erinnerungen durch den Kopf, die er im Verlauf seines Lebens mit den Spielen erfahren hat. Damit endet der Trailer aber nicht. Mitten in der Großstadt sieht er, angekommen im Jahr 2024, auf einem Hochhaus eine große Werbeanzeige zu Seiken Densetsu: Visions of Mana. Dem Salaryman ist das Lächeln ins Gesicht geschrieben, hat er nicht gedacht, noch einmal einen Hauptteil zu erleben. Der Junge lebt im Mann weiter. Wer frühere Serienteile gespielt hat, dem dürfte es wohl ähnlich wie dem Protagonisten des Trailers gehen. Sicherlich dient dieser in erster Linie als Werbung für das Spiel, doch trifft er einen Nerv, der in vielen Spielern die nostalgischen Gefühle aufleben lässt. Ob Visions of Mana, hierzulande schenkt sich Square Enix den eigentlichen Seriennamen, an die Vorgänger herankommt, ist dabei unerheblich. Auch dürfte es für unschlüssige Spieler egal sein, überhaupt einen Serienteil gespielt zu haben. Das ist nämlich das Tolle an der Nostalgie: In einigen Jahrzehnten werden sich genau jene Spieler an Visions of Mana als ihren ersten Ausflug zurückerinnern und die technologischen wie persönlichen Entwicklungen mit der Nostalgiebrille rekapitulieren.
Geschrieben von Eric Ebelt