Review: Mirthwood

Seit Stardew Valley aus dem Jahr 2016 gehören Bauernhofsimulationen wieder zu den beliebtesten Genres unter Videospielern. Mirthwood von Entwicklerstudio Bad Ridge Games kombiniert den simulierten Farmalltag aber mit dunkler wie atmosphärischer Mittelalter-Fantasy.

Wer an Bauernhofsimulationen denkt, dem kommen womöglich knallige Farben und häufig ein damit einhergehender Anime-Look in den Sinn. Trifft diese Bezeichnung sehr wohl auf den Genreprimus Stardew Valley als auch die Vorreiter der Story-of-Seasons- und Rune-Factory-Reihen zu, scheint dies jedoch kein allgemein gültiges Gesetz zu sein. Mirthwood von dem im pazifischen Nordwesten angesiedelten Entwicklern schlägt eine ähnliche, aber doch völlig andere Richtung ein. Dies merken wir direkt zu Beginn des Spiels, das deutlich rollenspiellastigere Töne anschlägt als die meisten Genrevertreter. Wir schustern unseren Helden beziehungsweise unsere Heldin nicht nur visuell aus einer überschaubaren Anzahl an Einstellungsmöglichkeiten zusammen, sondern legen auch unseren Hintergrund fest. Hierzu zählen die Herkunftsregion auf dem Kontinent sowie unser sozialer Stand. Je nachdem wo wir herkommen und welchen Status wir in der Gesellschaft genießen, verändern sich verschiedene Parameter. Für jeden Bonus gibt es immer einen Malus, weshalb unsere Entscheidungen wohlüberlegt sein sollten. Wählen wir in Mirthwood einen Hintergrund als Bauer vom Land, haben wir durch unsere Erfahrung zum Beispiel weniger Probleme mit Energieverlust bei unserem Tagwerk. Dafür haben wir es schwerer, gesellschaftliche Konversationen zu führen.

Zurückgelassenes Leben

Im Gegensatz zu den eingangs erwähnten Bauernhofsimulationen mit ihrem fröhlichen Einschlag richtet sich Mirthwood mit seinem entsättigten Look an ein eher erwachsenes Publikum. Zu Beginn des Abenteuers unseres Protagonisten scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Wir sammeln Champignons und Ginseng im Wald, um unseren Eltern ein besonderes Abendessen zu kochen. Noch in der Nacht bricht allerdings der Krieg über uns hinein. Der Hof steht in Flammen und unsere Mutter ist verwundet. Unser Vater und unser Bruder bleiben bei ihr, schicken uns jedoch Richtung der Anlegestellen am Meer, um aus der Schlacht zu entkommen. Bewaffnet mit einem alten Schwert stellen wir uns auf der Flucht Banditen und Soldaten und müssen auch schon eine schwierige Entscheidung treffen, ob wir einen fahnenflüchtigen Wächter zum Tode verurteilen oder vor der Obrigkeit retten. Ebenso stolpern wir hier und da über Kisten oder plündern getötete Feinde, um Ausrüstungsgegenstände zu erhalten. Von der Art und Weise erinnert uns dieses Konzept ein wenig an den Rollenspielklassiker Gothic. Lange können wir aber nicht in Nostalgie schwelgen, denn die Flucht an den Strand ist immer noch unser primäres Ziel. Kaum haben wir das Schiff bestiegen, lassen wir Familie und Heimat zurück. Es geht in die freien Lande, die aber scheinbar gar nicht so frei sind.

Neues Leben als Landwirt

Kaum haben wir Fuß auf die freien Lande gesetzt, wird es mysteriös. Direkt wird uns ein Pferd an die Hand gelegt, mit dem wir nach Westen reiten. Dort erwartet uns eine maskierte Person, die uns einen Bauernhof überlässt. An dieser Stelle gleicht sich das Spiel immer mehr dem an, was wir aus Titeln wie Story of Seasons: Friends of Mineral Town kennen. Der Hof ist heruntergekommen und muss auf Vordermann gebracht werden. Allerdings haben wir zu diesem Zeitpunkt noch keine Werkzeuge, weshalb wir zunächst einmal der Quest-Struktur von Mirthwood folgen müssen. Im Örtchen Helleiche treffen wir auf die ersten Bewohner, die uns weitere Aufgaben vermitteln. Dies geschieht in der Regel über kurze Monologe, denn unser Held bleibt überwiegend stumm. Nur wenn wir uns mit den Nicht-Spieler-Charakteren anfreunden wollen, plaudert unser Held auch schon mal drauf los. Mehr als das Geplapper wie in Die Sims 4 kommen dabei aber weder ihm noch seinem Gegenüber über die Lippen. In unseren Augen ist das viel zu wenig, da sich eine Bauernhofsimulation, in der es sich auf kurz oder lang auch um Romantik dreht, deutlich mehr auf die soziale Interaktion einlassen sollte. Nichtsdestotrotz kommen wir so in den Besitz der ersten Werkzeuge. Bäume fällen wir mittels Axt, Steine zertrümmern wir per Spitzhacke und Gras schneiden wir mit der Sichel ab.

Geheime Kämpfernatur

Mehr und mehr leben wir uns in der Welt von Mirthwood im Wandel der Jahrszeiten ein – häppchenweise offenbart sich dabei auch das große Mysterium. Das Hauptaugenmerk liegt aber dennoch auf dem drögen Arbeitsalltag, der mit vielen repetitiven Aufgaben verbunden ist. Es gibt eben keine Sonntage auf einem Bauernhof und jeder, der das Genre kennt oder liebgewonnen hat, nimmt diesen Umstand gerne in Kauf. Dennoch bietet das Spiel mehr als nur die simplen wie genrebekannten Aufgaben, in denen es darum geht, Ressourcen zu sammeln und Handwerk zu betreiben, um peu à peu unsere Möglichkeiten zu erweitern. Wir dürfen nicht den düsteren Anstrich des Spiels vergessen. Kaum verlassen wir unseren Hof oder wandern abseits der Wege, besteht immer mal wieder die Möglichkeit, von Banditen aufgelauert zu werden. Auch andere Kreaturen lauern in der Spielwelt. Bewaffnet mit unserem Schwert können wir uns den Angreifern aber jederzeit erwehren. Schade ist nur, dass das Echtzeitkampfsystem sehr hakelig ausfällt und selbst die künstliche Intelligenz der Gegner auf die Probe stellt. Rollen wir beispielsweise hinter den Gegner und wollen uns drehen, sollten wir kurz warten – ansonsten stechen wir ins Leere. Auch unsere Feinde durchtrennen lieber die Luft als uns. All das kostet Potenzial und zerrt an der sonst recht dichten Atmosphäre.

Bedienungsschwächen

Leider macht die Steuerung von Mirthwood ebenso in anderen Belangen ein paar Mätzchen, sofern wir denn mit einem Controller spielen. Gerade auf dem Startbildschirm, in den Einstellungen und bei der Charaktererstellung ist es unserer Erkenntnis nach nicht möglich, alle Eingaben ohne Tastatur und Maus auszuführen. Im Spiel selbst ist es dafür teilweise fragwürdig, wie das Dialogsystem aufgebaut ist. Alternierend führen wir Gespräche mit den Aktionen Eingabe oder Abbrechen fort. Um einen Dialog zu beenden müssen wir darauf warten, unter einer Gesprächsoption die Möglichkeit zum Beenden zu finden. Warum die Entwickler uns diese Hürden in den Weg legen, ist uns schleierhaft. Dies hätte ihnen definitiv selbst auffallen müssen. Visuell sieht das Spiel dafür mit seinem handgezeichneten Grafikstil wirklich bezaubernd aus. Hundertprozentig flüssig läuft der Titel auf unserem Testrechner (Intel i5 13600K, GeForce RTX 4070, 32 GB DDR5 RAM) in der Full-HD-Auflösung übrigens nicht. Gelegentlich kommt es zu leichtem Stottern, was aber noch zu verschmerzen wäre. Sobald jedoch Bildschirmanzeigen wie das Annehmen einer neuen Quest aufpoppen, ist der Schluckauf für ein paar Sekunden vorprogrammiert. Wer über die technischen Defizite wie das repetitive Gameplay hinwegsehen kann, darf sich mit Mirthwood auf eine entspannte Bauernhofsimulation mit mittelalterlich inspirierter Musik einlassen, die stundenlang an den Bildschirm fesselt.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit: Beim unverwechselbaren Stil von Mirthwood konnte ich gar nicht anders, als neugierig auf die Bauernhofsimulation zu werden. Das Genre mag ich sowieso ganz gerne, auch wenn kaum ein Spiel jemals mehr an Stardew Valley heranreichen dürfte – dies gelingt auch Mirthwood nicht. Dafür setzt das Spiel von Bad Ridge Games ganz eigene Akzente. So ist der düstere Anstrich mit seinen entsättigten Farben nicht nur optisch, sondern auch in spielerischer Hinsicht zu spüren. Friede, Freude, Eierkuchen ist selbst in den freien Landen der Spielwelt nicht zu finden. So muss ich mich nicht nur um die tägliche Arbeit auf der Farm kümmern, sondern unterwegs auch achtsam sein, um nicht Opfer eines Überfalls von Banditen zu werden. Während diese Aspekte des Gameplays flutschen, finde ich es schade, dass den Entwicklern die sozialen Interaktionsmöglichkeiten nicht sonderlich wichtig waren. So laufen viele Dialoge, die dazu dienen, mich mit den Figuren anzufreunden, lediglich über Sprechblasengemurmel ab. Das mag das Konzept hier und da etwas beschleunigen, ist aber unfassbar langweilig. Ebenso kann ich nicht nachvollziehen, dass die Schwächen der Bedienung gerade beim Einsatz eines Controllers während der Entwicklung offenbar nicht aufgefallen sind. Auch das regelmäßige Einbrechen der eigentlich flüssigen Bildwiederholrate beim Aufpoppen von neuen Informationen ist für mich unverständlich. Trotz allem ist Mirthwood eine durchaus akzeptable Bauernhofsimulation, die mit seinem düsteren Stil, der gelungenen mittelalterlich wirkenden Musik und seinem Rollenspielanteil stundenlang unterhalten kann.

Vielen Dank an V Publishing für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Mirthwood!

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