Lange hat es gedauert, doch endlich hat das Flehen der Fans ein Ende. Polyband Anime hat im Oktober 2024 damit begonnen, weitere Episoden von Crayon Shin-chan zu veröffentlichen – oder besser gesagt die Folgen, die hierzulande zu Beginn der 2000er-Jahre ausgestrahlt wurden.
Wer um die Jahrtausendwende seine Kindheit oder Jugend verlebt und sich für die Bereiche Anime und Manga interessiert hat, dürfte zu Beginn der 2000er-Jahre beim Durchzappen im Fernsehen wohl oder übel über die absurd witzige Anime-Serie Crayon Shin-chan gestolpert sein. Im deutschsprachigen Raum verkürzt als Shin-chan veröffentlicht, eroberte der titelgebende vorlaute Bengel im Sturm die Herzen vieler Anime-Fans. Zu Beginn dürfte die Reihe ähnlich wie die Anime-Serie Ranma ½ vor allem überbesorgten Eltern aufgefallen sein. So war die ursprüngliche Synchronisation mit Schimpfworten und zu starken sexuellen Anspielungen gespickt. Es folgte eine Neusynchronisation, die offenbar auch in dieser Veröffentlichung der Serie auf DVD enthalten ist. Wer zu jung ist, um Shin-chan damals im Fernsehen oder bei seinen wenigen Wiederholungen in den 2000er- und 2010er-Jahren nachzuholen, ist vielleicht über die ebenfalls von Polyband veröffentlichten „neuen“ Episoden oder den einzigen ins Deutsche synchronisierten Film gestolpert. Bis heute hält die ursprüngliche deutsche Synchronisation jedoch einen regelrecht legendären Status inne. Entsprechend dürften sich sowohl langjährige Fans als auch jene, die es noch werden wollen, über die Veröffentlichung der „alten“ Episoden freuen. Einen Sieg auf ganzer Linie fährt Polyband aber leider nicht ein.
Aberwitzige Situationskomik
Bevor auf die negativen Aspekte der Publikation von Shin-chan eingegangen wird, sollen erst die positiven Elemente hervorgehoben werden. Dies fängt bereits mit dem japanischen Setting und den entsprechend illustren Szenarien ein, in die der fünfjährige Nohara Shinnosuke geworfen wird. In der deutschen Version der vorliegenden Folgen hört er jedoch durchweg auf seine Kurzform Shin-chan. Zusammen mit seinen Eltern Hiroshi und Misae, die Anfang der 2000er-Jahre mit den Namen Harry und Mitsy ebenso verwestlicht wurden, lebt er in der Kleinstadt Kasukabe in der japanischen Präfektur Saitama. Dort geht er seinen Eltern, seinen Freunden, seiner Lehrerin und eigentlich auch seinem restlichen Umfeld durchweg auf die Nerven. Manche Streiche sind selbstverschuldet, andere wiederum entstehen situationsbedingt oder sogar aus Versehen. Diese Situationskomik sucht in der Anime-Szene ihresgleichen, sind es doch gerade die Kommentare der Charaktere, welche sie so witzig erscheinen lassen. Unter anderem rasiert er seinem Vater die Augenbrauen ab, lädt sich selbst zu einer Übernachtungsparty bei seiner Kindergartenlehrerin ein, nervt eine Buchhandelsvertreterin fast zu Tode und interessiert sich bei etlichen Gelegenheiten etwas zu sehr für das andere Geschlecht. Gerade durch die damalige deutsche Übersetzung hat Shin-chan sich seinen frechen Ruf erkauft.
Saloppe Übersetzung
Durch die deutsche Übersetzung von Shin-chan geht aber auch ein guter Teil des japanischen Charmes verloren. Beispielsweise erwähnt Mitsy in der ersten enthaltenen Episode die deutsche Politikerin und ehemalige Ehefrau des ehemaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Gerade jüngere Zuschauer dürften Doris Schröder-Köpf nicht kennen. An anderer Stelle der Serie wird der Euro als Zahlungsmittel verwendet, obwohl hier und da sogar Dollar-Zeichen zu sehen sind. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die deutsche Version auf der amerikanischen Variante basiert und Shin-chan nicht eins zu eins aus dem japanischen Sprachraum übernommen wurde. Hier und da haben sich die damaligen Verantwortlichen zudem die Mühe gemacht, verschiedene Stellen mit auf Deutsch geschriebenen Texten auszustatten. Auch haben die allermeisten Charaktere deutsche respektive englische Namen erhalten, was die ganze Serie schon ins Absurde zieht. Satō Masao, einer von Shinnosukes Freunden aus der Vorschule, hört beispielsweise auf den Namen Max. Hund Shiro heißt in der deutschen Variante Lucky. Ulkigerweise funktioniert dieser lockere Umgang, je nach eigenem Anspruch, ziemlich gut. In dieser Form bietet Shin-chan ein multikulturelles Potpüree des Wahnsinns. Wer mit der Übersetzung kein Problem hat, kommt aus dem Lachen sicher so schnell nicht mehr raus.
Lieblose Veröffentlichung
Mit einem Augenzwinkern lassen sich diese Aspekte der Serie problemlos akzeptieren und vielleicht sogar anerkennen. Allerdings hat es Herausgeber Polyband Anime versäumt, die Serie so zu veröffentlichen, wie es sich so mancher Fan womöglich gewünscht hätte. Hier fallen ähnliche Probleme auf, wie es auch bei den DVDs der neuen Folgen der Fall ist. Die eigentlich aus drei kleinen Teilen bestehenden Episoden wurden auch hier aufgeteilt. So lassen sich aus dem Menü heraus lediglich 21 circa sechseinhalb Minuten lange Episodenteile auswählen. Bis auf die Hintergrundmusik im Hauptmenü gibt es auch nicht die von Bro’Sis gesungene Titel- respektive Abspannmelodie zu hören. Soll heißen, dass auf Opening und Ending verzichtet wurde, sofern nicht auf die Alle-abspielen-Funktion gesetzt wird. Nicht einmal als Bonusmaterial ist dieses vorhanden. Ebenfalls sind die Episodenteile nicht nummeriert und einen beiliegenden Guide, der Aufschluss darüber geben könnte, ist ebenso nicht vorhanden. Schade ist auch, dass weder die alternative deutsche Synchronisation noch der japanische Originalton existiert. So sind die in Dolby Digital 2.0 vertonten Folgen, die altersbedingt im 4:3-Bildformat vorliegen, vor allem eine nostalgische Reise für Fans. Polyband Anime hat für die Veröffentlichung abermals nicht einmal das Nötigste getan, um Shin-chan – Die Serie in angemessener Form zu publizieren. Schade!
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit (basierend auf der DVD-Fassung): In den 2000er-Jahren habe ich Shin-chan sehr gerne im Fernsehen verfolgt – rauf und runter. Ich weiß gar nicht, wie viele Folgen ich damals wie oft gesehen habe. Viele Sprüche des vorlauten Fünfjährigen habe ich daher bis heute abgespeichert und zitiere sie sogar im Alltag. Daher freue ich mich sehr, dass Polyband Anime mit der Publikation von Shin-chan – Die Serie mit der damaligen Synchronisation begonnen hat. Die einzelnen Geschichten sind kurzweilig, unterhaltsam, spaßig und manchmal sogar richtig spannend. Da Shin-chan seine Streiche oft nicht plant, sondern diese aus der Situation entstehen und er seine Mitmenschen darüber hinaus vor allem zur Verzweiflung treiben will, funktioniert das in meinen Augen immer wieder aufs Neue. Puristen, die gerne eine authentische Synchronisation im Stile der „neuen“ Folgen gehabt hätten, schauen jedoch in die Röhre. Die japanische Synchronisation hat es ebenfalls nicht auf die DVD geschafft, was ich persönlich sehr schade finde. Unverständlich finde ich jedoch, wie die Serie hierzulande veröffentlicht wird. Keine Nummerierung der Folgen, alle sieben enthaltenen Episoden auf 21 Teile aufgeschnippelt und ohne Episodenguide, der Abhilfe geschafft hätte. Das ist einfach nur lieblos. Am humorvollen wie legendären Inhalt ändert dies aber nichts!
Vielen Dank an Polyband Anime für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Shin-chan – Die Serie (Vol. 1)!