Inhaltlich knüpft der vierte Band der Perfect Edition von Neon Genesis Evangelion nahtlos an die Geschehnisse der dritten Ausgabe an. Protagonist Ikari Shinji ist regelrecht traumatisiert, denn sein Klassenkamerad Suzuhara Tōji starb aufgrund seiner Entscheidungen. Geplagt von Selbstzweifel entscheidet sich Shinji abermals dazu, aus dem Dienst als Evangelion-Pilot auszutreten und Neo-Tōkyō 3 und NERV endgültig zu verlassen. Sein Verhältnis zu seinem Vater, den Shinji mit für die eingetroffenen Ereignisse verantwortlich macht, ist gespaltener denn je. Dementsprechend hält Ikari Gendō seinen Sohn nicht auf. Auch seine beiden Kolleginnen Ayanami Rei und Sōryū Asuka Langley sind davon überzeugt, dass er sich von dem tragischen Vorfall nicht erholen wird. Nach der Verabschiedung von Einsatzleiterin Katsuragi Misato entwickelt sich die Geschichte jedoch anders, als es sich Shinji vielleicht gedacht hat. Der nächste Engel taucht am Horizont auf. Neben ihm steht plötzlich Kaji Ryōji, der dem jungen Selbstzweifler mit gutem Rat zur Seite steht. Mit einem kurzen und knappen Exkurs in dessen Kindheit schöpft Shinji neuen Mut und beschließt abermals zu NERV zurückzukehren und seine Evangelion-Einheit im Kampf gegen den neuen Engel zu steuern. Diese Entscheidung führt jedoch wie im Anime zu gänzlich neuen Aspekten von Neon Genesis Evangelion.
Beginn der tiefenpsychologischen Analyse
Mit dem vierten Band der Perfect Edition fallen die Abweichungen zur Anime-Serie deutlich stärker auf als noch bei den vorherigen Kapitelansammlungen. Neben dem dramatischen Umstand, dass Tōji im Manga tatsächlich gestorben ist, gibt es noch weitere Unterschiede. Unter anderem bekommt der Leser einen Eindruck davon, wie die Kindheit von Kaji ausgesehen hat und welchen folgenschweren Entschluss er einst treffen musste. Dies rückt ihn in wesentlich greifbarere Nähe als es in der Vorlage der Fall ist. Auch erfährt der Leser ein paar Einzelheiten mehr über das Komitee beziehungsweise das nebulöse Unternehmen SEELE. Tatsächlich könnte der vorliegende Band sogar ein wichtiges Detail vorwegnehmen, da eine spezielle Figur aus dem Anime im Manga schon jetzt ihren Erstauftritt hat. Es wird sich zeigen müssen, wie der verantwortliche Künstler Sadamoto Yoshiyuki im fünften Band auf dieser Entwicklung aufbauen wird. Behält die Manga-Reihe ihre Nähe zur Anime-Serie, so dürfte aber klar sein, dass sich das Werk weg von der Mecha-Action hin zur tiefenpsychologischen Diskussion der Innenleben der Figuren inklusive einer metaphysischen Betrachtungsweise entwickelt. Dies ist schon jetzt der Fall und zeigt, dass Neon Genesis Evangelion alles andere als leicht verdauliche Kost ist und dies über äußerst bildgewagte Szenen auch auszudrücken vermag.
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit (basierend auf der ersten Auflage): Eigentlich bin ich der Auffassung, dass ein und dasselbe Werk auch in unterschiedlichen Medien die gleiche Aussage treffen sollte. Wer alleine schon die verschiedenen Enden der Anime-Vorlage kennt, weiß aber sehr gut, dass ich dies lieber nicht auf Neon Genesis Evangelion übertragen sollte. Umso spannender bleiben in meinen Augen jedoch die Entwicklungen, die mir mit den nächsten drei Bänden noch bevorstehen dürften. Einerseits fällt mit Suzuhara Tōji eine relativ wichtige Nebenfigur weg, andererseits erhalte ich tiefgehende Einblicke in die Vergangenheit bereits etablierter Charaktere. Auch dass eine ganz bestimmte Figur bereits jetzt ihren Auftritt hat, ist ein interessanter Twist, der im Anime ein absoluter Spoiler gewesen wäre. Darüber hinaus gibt es ein paar mythologische Inhalte, die aber wie im dritten Band der Perfect Edition eine nicht sonderlich gute Erklärung erhalten, was aber in Hinblick auf das Gesamtwerk künstlerisch bedingt sein dürfte. In jedem Fall gibt der vierte Band von Neon Genesis Evangelion einen ersten Anhaltspunkt dafür, welche Leser bis zum Schluss dabei bleiben oder vorzeitig abbrechen werden.
Vielen Dank an Carlsen Manga für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Neon Genesis Evangelion [Perfect Edition] (Band 4)!
Abbildungen: AIZOUBAN NEON GENESIS EVANGELION © Yoshiyuki Sadamoto 1994, KADOKAWA CORPORATION