Mit dem unscheinbaren Namen Telefon sollte der Thriller mit Charles Bronson in der Hauptrolle 1977 in den Kinos für Furore sorgen, musste sich aber Filmen wie Krieg der Sterne oder Unheimliche Begegnung der dritten Art geschlagen geben. Der Kalte Krieg war out.
Gerade im Spionagefilm, wie es zum Beispiel an verschiedenen Serienteilen der James-Bond-Filmreihe abzulesen ist, war der Kalte Krieg ein beliebtes und funktionierendes Thema. Wenn sich Geheimagenten aus Zentraleuropa oder Nordamerika mit den Spionen des sowjetischen Komitees für Staatssicherheit einen Wettlauf um Geheiminformationen oder dem Verschaffen von Vorteilen geliefert haben, war das im Alltag erdrückend, im Film aber bis heute unfassbar faszinierend. Selbst in Videospielen, die nach dem Kalten Krieg auf Computern oder Konsolen veröffentlicht wurden, ist dieser düsteren Epoche des 20. Jahrhunderts dramaturgisch stets etwas abzugewinnen. Command & Conquer: Alarmstufe Rot von 1996 und das 2020 veröffentlichte Call of Duty: Black Ops – Cold War sind die besten Beispiele dafür, dass auch mit einer ordentlichen Prise Fiktion das Konzept immer noch funktioniert. Telefon aus dem Jahr 1977 ist zudem Fiktion in zweiter Instanz, denn trotz ein paar entschlackter Änderungen basiert das Werk grundsätzlich immer noch auf Walter Herman Wagers Roman Krieg per Telefon aus dem Jahr 1975. Trotz der US-amerikanischen Grundlage, in gleich zweifacher Hinsicht, ist der Thriller von Regisseur Donald „Don“ Siegel weder ein Lobgesang auf das Federal Bureau of Investigation noch eine Brüskierung des seinerzeit sowjetischen Pendants.
Bei Anruf Mord
Im Mittelpunkt des 103-minütigen Streifens Telefon steht Major Grigori Borzow, der von seinen Vorgesetzten in Moskau den Auftrag erhält, in die Vereinigten Staaten von Amerika zu reisen. Dort soll er Jagd auf den abtrünnigen Agenten Nicolai Dalchimsky machen. Dieser ist in Besitz einer 51 Namen umfassenden Liste von Schläferagenten gelangt, die er reihenweise reaktivieren will. Ertönt ein Anruf und nimmt einer der jeweiligen Agenten ab, hört er sanft von Dalchimsky vorgetragen ein paar Zeilen aus dem Gedicht Stopping by Woods on a Snowy Evening von Robert Frost. Kaum sind die Informationen im Ohr angelangt, sieht der Schläferagent rot und nimmt in hypnotischem Wahn alles auf sich, um Angst und Terror unter der US-amerikanischen Bevölkerung zu scheren, indem er oder sie militärische Anlagen sabotiert. Auch das Bureau wird peu à peu auf die merkwürdigen Fälle aufmerksam, wenn plötzlich ein Automechaniker oder ein Pfarrer zu Terroristen mutieren. Unterdessen erhält Borzow, der eine Kopie der Liste mit seinem lückenlosen fotografischen Gedächtnis in seinem Oberstübchen abgespeichert hat, Unterstützung von einer ominösen Agentin unter ihrem Decknamen Barbara. Borzows Auftrag führt die beiden quer durch die Vereinigten Staaten, wobei sie allerdings schnell lernen müssen, dass der Terror erst aufhört, wenn sie Dalchimsky töten.
Nationale Zerreißprobe
Obwohl es den Anschein haben könnte, wurden die in Moskau spielenden Szenen des Films nicht in der Sowjetunion gedreht. Stattdessen hielt 1977 Finnland für Telefon her, was die vorbelasteten finnisch-russischen Beziehungen ein wenig verschlechterte. Selbst Hauptdarsteller Bronson sah sich genötigt, den Film zu verteidigen und stellte klar, dass er kein Abziehbildchen dümmlicher Sowjetagenten verkörpere. Selbiges betrifft auch die anderen Figuren. Für Barbara stand Lee Ann Remick vor der Kamera, die genauso wie ihre Schauspielkollegin Ellen Tyne Daly in der Rolle von Dr. Dorothy Putterman als starke Frauenfiguren porträtiert werden, auch wenn der Chauvinismus der Zeit entsprechend die Oberhand gewinnt. Donald Pleasence ist hingegen als Dalchimsky zu sehen, erreicht aber kaum die schauspielerischen Höhen, wie er sie ein Jahr später als Dr. Samuel Loomis in Halloween – Die Nacht des Grauens aufs Parkett legte. Für die Musik zeichnet sich der 2025 verstorbene Lalo Schifrin aus, den manche vielleicht vom Soundtrack von Die große Keilerei kennen. Fast fünf Jahrzehnte nach der Uraufführung von Telefon würdigt Plaion Pictures den Thriller mit einem Mediabook, in dem sich neben dem Film auf Blu-ray-Disc und DVD auch ein Booklet von Christoph Kellerbach mit interessanten Fakten zur Entstehungsgeschichte lockt. Trotz der mittelmäßigen Bildqualität ist Telefon als zeitgenössischer Thriller definitiv einen Blick wert.
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit (basierend auf der Blu-ray-Fassung): Es ist schade, dass dem Film kein größerer Erfolg beschert war, aber in einer Zeit, in der Krieg der Sterne ein halbes Jahr nach Veröffentlichung im Kino nicht einfach auf einem Datenträger erworben und zuhause unendlich oft angeschaut werden konnte, gingen die Menschen deswegen halt mehrfach ins Kino. Krieg verlagerte sich in den Weltraum, auf der Erde war der Kalte Krieg im wahrten Sinne des Wortes abgekühlt. Trotzdem würde ich mich zu weit aus dem Fenster lehnen, wenn ich behaupte, dass Telefon von Don Siegel langweilig oder uninteressant wäre. Das Gegenteil ist der Fall! So erzählt mir der Thriller eine spannende Geschichte mit einer zumindest damals unverbrauchten Idee, dass das Telefon als Sprachrohr für Hypnose mit darauffolgenden Attentaten diente. Charles Bronson spielt die Rolle als sowjetischer Major hervorragend, da er das Ziel niemals aus den Augen verliert – da kann selbst die toughe wie schöne Barbara bis kurz vor Schluss nichts ausrichten. Ein wenig überraschend ist jedoch der durchschnittliche Auftritt von Donald Pleasence, von dem ich in der wenige Jahre später gestarteten Halloween-Filmreihe ein wirklich großer Bewunderer seines Schaffens bin. Während die Tonqualität der Zeit geschuldet in DTS-HD Master Audio 2.0 noch in Ordnung geht, finde ich es jedoch schade, dass das Bild nicht mit mehr Aufwand restauriert wurde. Da gibt es ältere Filme in weitaus besserer Bildqualität. Nichtsdestotrotz kann ich Telefon allen Filmliebhabern empfehlen, die der Thematik des Kalten Kriegs nicht müde oder gar überdrüssig werden.
Vielen Dank an Plaion Pictures für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Telefon!